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Tugend |
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Tugend ist seit den
Ursprüngen der europäischen Philosophie, aber auch in den alten
Weisheitslehren der fernöstlichen Religionen (Konfuzius; Lao-tze) ein
zentraler Begriff der ethischen Reflexion auf das richtige und gute Handeln
des Menschen. Schon vor Plato bildet sich bei Pythagoras die Rede von den
später so genannten Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit,
Mass) heraus, die das ethische Ideal des antiken Menschen und seiner
Lebenswelt, der Polis, umschreibt. Die besonders durch die Stoa erfolgte
endgültige Klassifizierung der vier Grundtugenden ging seit Ambrosius, der
ihnen im Anschluss an das Spr 16,14 entlehnte Bild der Türangel den Namen „virtutes
cardinales" gab, in die christlichen Ethikdarstellungen ein. Vor allem bei
Augustinus und, in seinem Gefolge, in dem bald zum Schulbuch gewordenen
Sentenzenwerk des Petrus Lombardus tritt jedoch der Gedanke hervor, dass die
Tugend als eine „gute Verfassung des Geistes" (bona qualitas mentis) von
Gott selbst gewirkt und dem Menschen als Geschenk gegeben wird; die neue
religiöse Grunderfahrung fordert geradezu, dass sie „Gott allein im Menschen
hervorbringt". Einer solchen Auflösung des Ethischen in den Sog der
Gnadentheologie wirkt das ganze Mittelalter hindurch eine zweite, auf
Aristoteles zurückgehende Definition entgegen: „Tugend ist, was den, der sie
besitzt, in seinem Sein und Handeln gut macht"; ein „habitus operativus",
der erst im Vollzug des guten Handelns zu seiner eigenen Vollendung kommt,
indem er die Handlungsbahnen stabilisiert und dem sittlichen Tun Konstanz
und kreative, innovatorische Freude zugleich verleiht. Thomas v. Aquin
(1224-1274) führt auf der Höhe der mittelalterlichen Glaubensreflexion beide
Linien dadurch zusammen, dass er das philosophische Viererschema der
Kardinaltugenden mit der biblischen Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe
verbindet und das Ausgreifen des Menschen nach seinem äussersten Sein-Können
(optimum potentiae) als den Weg der Liebe beschreibt, der ihn dem Ziel eines
alle innerweltliche Lebenserfüllung übersteigenden, im ethischen Handeln und
in der Betrachtung der Wahrheit aber bereits antizipatorisch erfahrenen
Glücks entgegenführt. |
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