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Die Religionen des
geographischen Gebietes, das Polynesien, Mikronesien und Melanesien umfasst,
sind gekennzeichnet durch eine grosse Vielfalt, die eine Beschreibung
derselben beinahe unmöglich macht. Stellt man hingegen die verschiedenen
Religionen in einem Diagramm dar, ergibt sich, dass die vertikale Achse
stellvertretend für verschiedene Formen des Theismus steht, die horizontale
unterschiedliche biokosmische Religionsformen vertritt. Unter biokosmischer
Religion ist eine religiöse Erfahrung zu verstehen, in der das „Letzte" als
„Leben", als Quelle von allem was Wert hat, erfahren wird. Jeder und jedes
nimmt in verschiedenen Graden Anteil an diesem „Leben", und diese
verschiedenen Grade der Anteilnahme bestimmen den Wert, die Bedeutung und
die Macht von allem, was ist.
Im allg. scheint in polynesischen Kulturen, in denen die ererbte Macht der
Stammesführer die Gesellschaft gestaltet, der Polytheismus vorzuherrschen,
hingegen tritt in egalitären melanesischen Gesellschaftssystemen der
biokosmisch-religiöse Anteil verstärkt in Erscheinung.
Am ehesten beschreibt man die verschiedenen Religionen Ozeaniens aufgrund
einiger, all diesen Religionen mehr oder weniger gemeinsamer Aspekte.
1. In den Religionen Ozeaniens wird unter Leben die Wirklichkeit verstanden,
die wirkungsvoll positiv sich ausdrückt in Gesundheit, Reichtum, Ansehen,
Erfolg, Lebenssinn, guten Beziehungen usw. Leben gehört aber nicht allein
zur biologischen, insbesondere menschlichen Existenz. Es kann in einer
umfassenden Bedeutung und einem tieferen Sinn Daseinsweise ohne lebendiges
Leben geben. In den Mythen wird oft von einer Zeit gesprochen, in der dieses
Leben nicht gegenwärtig war. Das Leben kann zunehmen und abnehmen, die
Menschen können es nicht erschaffen, nur es aufpassen, es am Dahinschwinden
hindern. Die Quelle des „Lebens" ist so;' nicht menschliches Werk oder
Errungenschaft, sondern - wie in vielen anderen Kulturen - der gewaltsame
Tod und Begräbnis eines vorzeitlichen Wesens. Solch ein Wesen wird Dema
genannt, ein Ausdruck, der von den Marind an der Westküste Irian Jayas
stammt. Menschen aber können das lebende Ereignis durch ein vorgeschriebenes
Ritual - gewöhnlich durch das fern eines Tieres (Schwein) oder eines
Menschen - gegenwärtig machen Dieses Ritual wurde, selbst in den Mythos
hineingestellt, in einer Zeit, die ausserhalb der Erinnerung liegt,
herumgereicht. Wenn Menschen das, was Dema am Anfang tat, sich
vergegenwärtigen, nehmen sie zusammen mit dem gesamten Kosmos Anteil an
diesem ben". Das „Leben" muss durch Beziehungen immer wieder erneuert
werden. Gebrochene Beziehungen sind verstopfte Kanäle: kein „Leben"
hindurchfliessen. Durch Verbesserung oder Wiederherstellung einer Beziehung
kann „Leben" wieder ungehemmt fliessen. Um aber eine Beziehung wieder
herzustellen, zu erhalten oder zu erlernen ist gegenseitiger Austausch von
sich und greifbaren Gaben nötig. Oft wird dieser Austausch, der sich mit den
und Geistern vollzieht, als „Opfer" bezeichnet, obwohl es sich hier
lediglich um einen Austausch sozialer Art handelt.
2. Vielen Religionen Ozeaniens liegt Erfahrung von kosmischer Beziehung
zugrunde, die zwischen allen Bereichen des Universums, Mensch, Tier, Pflanze
stofflicher Welt besteht. Dabei wird Universum verstanden als ein S
kommunikativer Gefässe: falls ein mit Wasser gefüllt wird, füllen sich
anderen ebenso. Die Form der Ge hat dabei keinen Einfluss auf den S des
Wassers in ihnen. In gleicher Weise unterscheiden sich Menschen von Tieren
und Pflanzen; zugleich aber beeinflusst eine Zunahme an Leben im
menschlichen Bereich die Fülle an Leben in anderen Bereichen des Universums.
Diese kosmische Sicht macht die Religion zu einem festen Bestandteil aller
Teilaspekte des Lebens; sie liefert die Grundanschauung und Hauptquelle für
Wissen und macht die technische Erklärung gegenüber den religiösen sekundär.
Die Religionen Ozeaniens sind aber nicht an abstrakter Wahrheit, sondern an
der Wirksamkeit interessiert, d. h., die religiöse Frage ist nicht die nach
theoretischer Wahrheit, sondern nach dem Wohlsein, Wohlbefinden. Die Praxis
bestimmt die Gültigkeit des Wissens, da nur in und durch die Praxis die
Wirksamkeit einer religiösen Wahrheit geprüft werden kann.
3. Die Religionen Ozeaniens sind auf den Stammesverband, den Klan, fixiert
und begrenzt. „Leben" und Kosmos sind begrenzt auf „Leben" und Kosmos des
eigenen Klans. Was ausserhalb des Klans ist, hat eine periphere oder keine
Bedeutung. Die Riten kosmischer Erneuerung erneuern ausschliesslich die
Lebenswelt des eigenen Klans.
4. Eine zentrale Stellung innerhalb des biokosmischen Religionssystems kommt
den Ritualen zu. Sie sind keine menschlichen Erfindungen. Sie beruhen auf
vorgegebenen, empfangenen Regeln, denen Gehorsam zu leisten ist. Der Vollzug
ist keine magische Handlung, sondern Ausdruck wahrer Religion.
5. Weil „Leben" zentral und Religion eine Suche nach „Leben" ist und diese
die Gestalt von Ritualen annehmen muss, halten die Religionen Ozeaniens
Ausschau nach immer effizienteren Ritualen. Die gegebenen Rituale sind nicht
statisch, sondern offen für Veränderung und Wechsel. Von Generation zu
Generation werden Rituale weitergereicht, aber hier liegt das Problem: Die
Menschen vergessen, das Gehörte wird nicht mehr vernommen, das Überkommene
nicht korrekt tradiert, mit dem Ergebnis, dass die Riten nicht mehr mit der
Norm übereinstimmen. Sie werden zu Menschenwerk und zeugen nicht mehr vom
Gehorsam gegenüber der vorgegebenen Ordnung. Eigentlich ändern sich die
Religionen Ozeaniens nicht in ihrer grundsätzlichen Haltung, in der Suche
nach „Leben", sondern nur in den Ritualen, in der Art und Weise, dieses
„Leben" zu erlangen. Das Motiv für Veränderung ist empirische Einsicht. Wenn
man sieht, dass ein Ritual nicht wirksam ist, muss es folglich falsch sein
und ein neues Ritual, das mit den gegebenen Regeln übereinstimmt, gefunden
werden. Anders gesagt: Alte Rituale, die sich als wirkungslos erwiesen
haben, werden durch neue, wirkungsvollere ersetzt.
Diese Situation der Fortsetzung grundsätzlicher Glaubenshaltungen bei
ständigem Wechsel von Ritualen bietet aber die Möglichkeit, dass Menschen
ihrer traditionellen Religion treu bleiben und gleichzeitig mit gutem
Gewissen christlicher Praxis folgen: Lesen der Bibel, Gebet, Sakramente und
Liturgie können neue Rituale der alten Religion sein.
6. Ritual ist der „offenbarte" Weg von Handlung. Die Mythen erzählen uns,
dass die Person, die Wissen erwarb, dieses oft geheimhielt. Geheimnis und
Wissen bezeichnen dieselbe Wirklichkeit, allerdings von je verschiedenen
Standpunkten aus. Es ist allgemein-menschliche Erfahrung, dass Menschen
Erfolg haben, weil sie etwas wissen, das sie nicht mit anderen teilen.
Selbst wenn sie zu teilen vorgeben, ist dies oft nicht wahr, weil der Erfolg
den angewandten Mitteln nicht unmittelbar folgt. Deshalb wird das Geheimnis
zur Bezeichnung für wirksames Wissen, während nicht-geheimes Wissen zur
Bezeichnung für fast nutzloses Wissen wird. Ein Geheimnis muss daher, um
machtvoll zu sein, ein Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis zu enthüllen heisst,
es seiner Wirkmächtigkeit zu berauben.
Zieht man die auf den Klan beschränkte Einstellung traditioneller Religionen
in Betracht, ist zu verstehen, dass man aus Sorge um den eigenen Klan Wissen
nicht anderen Klans weitergeben kann, da sie immer potentielle Feinde sind.
Das Geheimnis wird somit zum Ausdruck von Klanismus, von Nicht-Vertrauen,
von Mangel an Interesse an anderen.
7. Ahnen spielen in den Religionen Ozeaniens eine sehr bedeutende Rolle.
Soziologisch gesehen besteht eine Gemeinschaft aus Lebenden und Toten. Gute
Beziehungen zu den Verstorbenen sind wichtig, um „Leben" zu erhalten, nicht
weil sie tot sind, sondern weil sie Mitglieder der Gemeinschaft sind. Wird
eine gebrochene Beziehung zu den Ahnen vermutet, muss der grundlegende
Zustand guter Beziehungen wiederhergestellt werden. Das Opfer, das den Ahnen
dargebracht wird, charakterisiert diese nicht als Götter, ist vielmehr
Ausdruck ungestörter Beziehungen innerhalb des biokosmischen Systems. Die
Stammesältesten sind diejenigen, die das Wissen und die Geheimnisse
besitzen, bewahren und weiterreichen. Träger dieser Macht bzw. dieses
WUS-eifis bleiben auch die verstorbenen Ältesten, die ebenso wie grosse
Männer und Stammesführer idealisiert werden. Die Kommunikation mit ihnen
bedeutet Anteilnahme an ihrem Wissen. Mit „Religion" hat dies alles wenig zu
tun. Man erwartet von den Mitgliedern einer Gemeinschaft, dass sie so
handeln.
8. Ein weiterer bedeutender Aspekt vieler Religionen Ozeaniens sind die sog.
Geister, von denen es viele verschiedene Kategorien gibt, zum einen die
Gruppe solcher Wesen, wie z. B. die Anutu, die man als Höchste Wesen oder
Schöpfergötter bezeichnen könnte, sodann die Kategorie der Himmelswesen, wie
z. B. die der Engas. Es gibt zudem die Gruppe der Kulturheroen, Wesen, die
am Anfang der gegenwärtigen Zeit die Welt gestalteten und den Menschen ihre
Kulturgüter gaben, ferner die Kategorie der Dema, Wesen, die durch ihren
gewaltsamen Tod die Grundnahrungsmittel oder andere entscheidende
Kulturgüter, wie Zuckerrohr, Schweine u. a., hervorbrachten. Schliesslich
sind die Ahnen- und Waldgeister zu nennen.
Fragt man nach der Bedeutung der Geister, so muss man von der kosmischen
Sicht der Religionen Ozeaniens ausgehen. Die grundsätzliche Erfahrung ist
die der wechselseitigen Bezogenheit aller kosmischen Erscheinungen. Die
wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Natur ist symbolisiert und
ausgedrückt durch den Begriff Geister. Geister sind wirklich, wenn auch
nicht in der Weise westlichen Denkens. Sie sind Symbole für wirkliche
wechselseitige Abhängigkeiten und Beziehungen und müssen innerhalb dieses
Zusammenhangs verstanden werden. Sie sind nicht Geschöpfe, Menschen und
Tiere, sondern reine Beziehung. Die wechselseitige Abhängigkeit ist sehr
real. Da der Mensch des Westens meint, man rede über Geschöpfe, nicht über
Beziehungen, kam es zu dem Missverständnis, das seinen Ausdruck im Begriff
Animismus fand. Dieser wird zur Beschreibung vieler Religionen Ozeaniens
verwendet. Animismus jedoch ist nicht Reflexion und Beschreibung des
ozeanisch-religiösen Systems, sondern eine Aussage über ein Missverständnis
westlichen Denkens und sollte daher ebenso fallengelassen werden wie der
Ausdruck „primitiv" als Bezeichnung für ursprüngliche Religionen (engl.:
primitive, jetzt: prima!)
9. Aus alldem erhellt die Bedeutung ter Beziehungen und die Funktion des
Austausches in der Errichtung und Wiederherstellung dieser Beziehungen. Eine
auf Austausch basierende wechselseitige Bezogenheit ist wesentlicher Bestand
der Religionen Ozeaniens. Menschen erwarten etwas von jedem Wesen, mit dem
sie in Beziehung treten, sei es der Nachbar, ein Geist oder der christliche
Gott. Eine Beziehung, die nicht erfahrbar durch einen Austausch ausgedrückt
ist, existiert nicht. Man erwartet, dass sich die Seinseinheiten auch
materiell in gleicher Weise verhalten. Für die Frage, die durch die Gabe
angestrebt und ausgedrückt wird, gilt, dass auf der Ebene der Realität der
materiellen Gabe mehr Bedeutung beigemessen wird, auf der ideellen Ebene
aber die Beziehung im Zentrum steht.
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