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Auf dem fast von Pol zu
Pol reichenden Doppelkontinent kommen alle Klimate mit den jeweils
entsprechenden bzw. möglichen Lebensformen vor. Im krassen Gegensatz zur
dünnen Besiedlung steht die Vielzahl verschiedener Völker und Stämme (ca.
1000) mit 600 verschiedenen Sprachen (über Idiome). Den Lebensformen (u.a.
ger- und Sammlerkulturen; Ackerba turen) entspricht eine Vielfalt religiöser
Vorstellungen, die mit Ausnahme derjenigen Indianischen Hochkulturen auch
alt dianische Religionen angesprochen den. Ausgenommen ist ferner die
Religion der Inuit (Eskimo), die als jüngste Einwanderer nicht zu den
Indianiden zählen, wenngleich sich aufgrund der gemeinsamen „Urheimat"
(Nordostasien) Parallelen aufweisen lassen.
Allen indianischen Völkern gemein war die Vorstellung einer zweigeteilten
Welt, einer natürlichen und einer übernatürlichen. Die natürliche, bewohnte
Welt war die Erdplatte. Der darüberliegende Himmel wurde von vier (hl. Zahl)
(Eck-) Pfählen oder einem Mittelpfahl gestützt. Dieser „Weltbaum" stellte
die Verbindung zwischen Menschen und Himmel dar; seine Wurzeln reichten
dagegen in die Unterwelt. Der Lebensraum des eigenen Volkes bildete den
Mittelpunkt dieser Welt, während Nachbarvölker an ihrem Rand lebten und
hinter dem (begrenzten) Horizont, jenseits der Wüsten oder Berge das Meer
begann, das Chaos, das Reich der Toten. Letzteres wurde auch im Himmel oder
unter der Erde vermutet. Alle Toten kamen unterschiedslos in ein und
dasselbe Totenreich, meist als glücklicher Ort (z. B. die „ewigen
Jagdgründe" der Jägerstämme) gedacht, aus dem eine Rückkehr nicht befürchtet
wurde. Angst vor schädlichem Einfluss der Toten war kaum verbreitet,
eigentlicher Ahnenkult unbekannt.
- Welt und Mensch waren nicht mehr die erste Schöpfung; beide wurden
mehrfach vernichtet und neu geschaffen, genaugenommen geformt, denn eine
Schöpfung ex nihilo war weitgehend unbekannt; vielmehr wurde aus vorhandener
„Masse" geformt und gestaltet. Urheber bzw. Gestalter war ein Schöpfergott:
nicht identisch mit dem Höchsten Wesen, aber auch nicht immer eindeutig von
ihm geschieden. Sein Assistent, aber auch (untergeordneter) Gegenspieler,
war der oft in Tiergestalt auftretende Kulturheros der (Heilbringer) oder
Trickster (Schelm), durch den Güter (z. B. Feuer) ebenso wie Übel (z. B.
Tod) in die Welt kamen. Heros und Trickster können identisch, aber auch zwei
verschiedene Gestalten sein. Mit Abschluss der Schöpfung endete auch die
Zeit des Schöpfers und seines Assistenten, die zu Hauptfiguren eines reichen
Mythenschatzes wurden, der überwiegend Unterhaltungswert besass. Während in
Nordamerika die Schöpfung der Welt im Vordergrund stand, war es in
Südamerika die des Menschen.
- Aktuelle und aktive Verehrung genoss dagegen ein Höchstes Wesen (Hoch-,
Himmels-, Vatergott) als Erhalter der Ordnung und Schützer der Menschen.
Neben ihm existierte eine Vielzahl an Geistern: atmosphärische Mächte
(Blitz, Donner, Regen, Wind), an Naturlandschaft (Schirmherr der Tiere,
Berggötter, Wassergeister) bzw. Kulturlandschaft gebundene Mächte (Mutter
Erde, Saatgeister) sowie unterirdische Geistwesen. Aufgrund ihrer eindeutig
dem Höchsten Wesen untergeordneten Position kann hier nicht vom Polytheismus
einer geschichteten Religion gesprochen werden. Die Geister sind vielmehr
Manifestationen oder Funktionen des Höchsten Wesens (z. B. Donner als seine
Stimme). Eine besondere Rolle kam „Mutter Erde" zu; sie war eine Gestalt
teils der Mythen, teils der lebendigen Alltagsreligion und verlieh der Erde
(und den Menschen) Fruchtbarkeit. Der Hochgottglaube fand seine stärkste
Ausprägung auf Feuerland; das Höchste Wesen der Selknam war zugleich
transzendenter, unsinnlicher Schöpfergott (Parallelen zum jüd.-christl. Gott
sind vielfach aufgezeigt worden).
Bei den vom mexikanischen Hochland beeinflussten nordamerikanischen Pawnee
regierte Tiravatius im höchsten Himmel; Sterne, Winde, Blitze, Donner waren
seine Abgesandten.
Bekanntester Hochgott dürfte jedoch Manitu, der „Grosse Geist" (besser noch:
„Grosses Geheimnis") der Algonkin sprechenden Stämme, sein. Das Höchste
Wesen wurde als ehrfurchtgebietende, menschenähnliche Gestalt oder als
schwer greifbare, aber überall wirksame Macht (z. B. das orenda der
Irokesen) gedacht. Bei den Prärieindianern war das Höchste Wesen der
Himmelsgott, dem zu Ehren der Sonnentanz aufgeführt wurde. Als Neujahrsfest
wiederholte er symbolisch die Weltschöpfung, erneuerte dadurch Welt und
Leben und war zugleich Dank für vergangene und Bitte um künftige Wohltaten.
Neben Gebeten, Tabak (heilige Pfeife), Kasteiungen (bis zur
Selbstverstümmelung) waren Tänze und Tänzer höchstes Opfer. Durch strengstes
Fasten bereiteten sich die Tänzer auf die Zeremonie vor, die in einer eigens
errichteten Sonnentanzhütte („Neulebenshütte") stattfand, die in ihrer
Gestaltung ein Abbild der Weltordnung darstellte (Mikrokosmos -
Makrokosmos). Die Mächte, die Leben schenkten und deren Mitleid erregt
werden sollte (Erde, Büffel), waren in den Tänzern anwesend. Insgesamt waren
die Opfer unblutiger; Menschenopfer wurden nicht praktiziert, wohl aber
sakraler Kannibalismus (vor allem in Südamerika) Neben Medizinmänner und
Schamanen (Schamanismus) mit ihren herkömmlichen Aufgaben traten Visionäre,
deren Bedeutung mit der Tendenz zum Individualismus bzw. der Bewertung des
persönlichen religiösen Erlebens zusammenhing. Bei vielen Prärie- und
Plainsstämmen gehörte der visionäre Schutzgeisterwerb zur Mannesreife.
Dieser Schutzgeist (meist in Tiergestalt: „Medizintier"), der sich nach
strengstem Fasten in völliger Einsamkeit in Wachvisionen einstellte, machte
seinen Schützling der eigenen, übernatürlichen Kraft teilhaftig und verlieh
ihm u. a. Jagdglück. Stammesangehörige mit dem gleichen Schutzgeist
schlossen sich zu (Geheim-)Bünden zusammen, die neben Einweihungsriten über
bes. Zeremonien (vor allem Tänze) verfügten.
Noch Ende des vorletzten Jahrhunderts entstand eine neue indianische
Bewegung: der Geister-tanz. Der Paiute Wovoka hatte in einer Vision von
einer bald hereinbrechenden besseren Welt erfahren, deren Ankunft er und
seine Anhänger durch Rundtänze beschleunigen sollten. Der Kult erlebte als
Möglichkeit der Wiederbelebung alter Kultur rasche Verbreitung (vor allem im
Nordwesten der heutigen USA), erhielt aber bei den Präriestämmen deutlich
aggressive Züge: Sie erwarteten den Anbruch dieses Reiches nach dem
Untergang der Weissen. Die Indianer kleideten sich in lange weisse
Geistertanzhemden, die sie gegen die Kugeln der Weissen schützen sollten.
Unverständnis und Nervosität der Weissen führten 1890 zum Massaker bei
Wounded Knee, dem indianische Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen.
Damit war der Geistertanz als religiöse Bewegung, die in ihrer
eschatologischen Perspektive, ihrer Sehnsucht nach einer besseren Welt von
christlichen Ideen inspiriert war, erledigt.
- Nur oberflächliche Berührung mit dem Christentum charakterisierte eine in
Nordmexiko auftretende Bewegung: der in der al Visionssuche wurzelnde und
nach ein Halluzinationen hervorrufenden Kak benannte Peyotekult. Um den
Genuss des Rauschgetränks entstand ein bestimmtes Ritual, dessen Anhänger
sich 1918 Native American Church zusammen schlossen.
Die bekannte (und öfters ideologisch missbrauchte) Naturverbundenheit
amerikanischer Urbevölkerung beruht auf dem Selbstverständnis der Menschen
als Teil der Natur, der nur entnommen wird, unbedingt lebensnotwendig ist.
Neben Danksagungsriten gab es daher solche der Entschädigung bzw.
Wiedergutmachung. Aufgrund des wirklich pfleglichen Umgangs mit der Natur
steht ihnen wörtlich verstandene Bezeichnung „ turvolk" zu.
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