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Religionen
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Traditionelle Religionen - Afrika

Die komplexe historische Situation (extra- und intrakontinentale Wanderungen, ethnische Mischungen und Überlagerungen seit prähistorischen Zeiten, die enorme Expansion von Islam und Christentum und moderner materialistischer Ideologien), die z. T. damit verbundene unsichere Quellenlage (Unvollständigkeit, Oberflächlichkeit und auch ideologische Voreingenommenheit schriftlicher und oraler „Zeugnisse") sowie die tatsächliche Vielfalt religions-ritueller Ausdrucksformen machen - abgesehen von den grundlegenden kognitiven Barrieren - jeglichen Versuch einer Gesamtdarstellung schwarzafrikanischer Religion(en) schwierig und fragwürdig. Trotz zahlreicher Aufzeichnungen von Originaltexten und monographischer Bearbeitungen durch Missionare, Religionsforscher und Ethnologen und trotz einer Anzahl zusammenfassender Werke bleibt das Bild in manchem unscharf. Dennoch lassen sich markante Linien und Akzente erkennen, und renommierte Autoren gehen z.T. sogar so weit, dass sie von afrikanischer Religion (im Singular) sprechen. Sie wissen zwar um die Vielfalt der Ausdrucksformen; sie sehen aber gleichzeitig wesentliche Grundideen und zentrale religiöse Vorstellungen, welche den schwarzafrikanischen Völkern weithin gemeinsam sind.
Ganz allg. wird in diesem Kontext die integrative Kraft und Funktion des Religiösen im Leben des Individuums und der Gruppe hervorgehoben, mehr konkret: der bei sehr vielen afrikanischen Völkern bezeugte Glaube an einen Hochgott in der Gestalt einer transzendenten Schöpfer- oder Himmelsgottheit. Verschiedene Mythen berichten von seiner primordialen sorgenden Nähe zu den Menschen, aber auch von seinem Rückzug in den „Himmel" und dem damit meist verbundenen Ursprung des Todes in der Welt, als die Menschen begannen, ihn und seine Gebote zu missachten. Der darauf und auf das „Fehlen kultischer Verehrung" gründende „deus otiosus"-Begriff kann aber für die traditionellen afrikanischen Religionen nicht als allg. gültig angesehen werden. Wenn, vor allem bei westafrikanischen Völkern, auch andere Himmels- und Erdgottheiten und Naturgeister, die den Menschen näher sind, kultisch verehrt werden und, damit verbunden oder auch selbständig, vielen Objekten supranaturale Kraft und Mächtigkeit zugeschrieben werden, so sieht man doch letztlich in ihm den Walter über dem Kosmos und dem Schicksal der Menschen und die höchste Autorität der moralischen Ordnung. Nicht selten wird er auch, sei es an erster Stelle mit seiner „Gemahlin", der Erde, sei es an letzter Stelle der steigenden Hierarchie der Ahnen und Gottheiten, angerufen, vornehmlich unter dem Titel „Vater", bei einzelnen Völkern auch als „Vater und Mutter". Manche sprechen darum von einem recht lebendigen Gottesglauben und neben der Transzendenz auch von seiner Immanenz.
Trotzdem hat man nicht ganz zu Unrecht von einer anthropozentrischen-diesseitsorientierten Weltanschauung gesprochen, dies nicht etwa im Sinn einer säkularisierten Abkehr, wohl aber einer fundamentalen Betonung des menschlichen Heils und Schicksals und seiner Sorge um Leben, Existenz und Kontinuität in dieser Welt. Erhaltung und Entfaltung, Schutz und Weitergabe des ursprünglich von der Schöpfergottheit erweckten Lebens, Abwehr von Krankeit und Tod erscheinen direkt oder indirekt als tiefste Sinngebung und Ziel aller Individual- und Kommunialriten und Gebete, ob diese im Zyklus von Aussaat und Ernte oder in den Feiern der Lebensstufen und ihrer Krisen stattfinden. Es ist die Natur selbst, welche in ihren Regen- und Trockenzeiten die zyklische Sequenz von Geburt und Tod vorzeichnet; es sind die mannigfachen Fruchtbarkeits-, Initiations- und Schutzriten, in welchen die menschliche Gemeinschaft die Leben/Tod-Dichotomie im Sieg des Lebens zu überwinden hofft. Nicht „Beatifikation" in einem fernen Himmel ist das Endziel, sondern die über den Tod hinausreichende Verbundenheit mit Schicksal und Wohl der Nachkommen im Zyklus der Generationen: Zum Ahnen zu werden nach einem erfüllten, mit Kindern gesegneten Leben ist Ziel und Inhalt der erhofften „Beseligung" und damit die Finalität des Menschen. Die tägliche Unheilserfahrung - Krankheit, Dürre, Hunger, Sterilität, Kindersterblichkeit - belastet von jeher die afrikanischen Völker. Der Wahrsager, der aufgrund seiner Initiation, seiner supranaturalen Verbindungen und Divinationstechniken den Kode der mystischen Ursächlichkeiten des Unheils und die rituellen Wege des Heilens kennt, ist neben den Spezialisten der Reinigungs-. Sühne- und Heilriten der grosse Mittler zwischen den mystischen Mächten und Menschen. Durch seine Anweisunge wird er zum Initiator neuer Kulte, aber auch zum Verbreiter des Hexenglaubens und der Beschuldigungen der Unheilsmagie. In den Ritualen und „Theophanien" figürlicher (Masken, Statuetten) und nicht-figürlicher Sakralobjekte in den tabuisierten heiligen Zeiten und Übergängen des Lebens, in den meist eng mit der Natur verbundenen Kultstätten und kosmischen Über- und Einordnungen (vgl. Dogon, Bambara u. a.) offenbarrt sich eine Vielzahl symbolischer Ausdrucksformen. Für den Afrikaner sind es mehr als blosse Expressivsymbole und Analogien; sie signifizieren Partizipation, Teilhabe an der mystischen Kräften, welche in ihnen zum Ausdruck kommt.
 


 

 

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