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Totemismus ist eine sehr
komplexe, nicht exakt von Ahnen- und Tierkult, Kraft- und Geisterglaube u.a.
abzugrenzende Erscheinung und bezeichnet als Herleitung von dem indianischen
Wort totam (= Verwandtschaft, Familienemblem, Schutzgeist) eine
verwandtschaftliche Beziehung von Einzelpersonen oder sozialen Gruppen zu
Tieren oder Pflanzen (seltener zu Himmelskörpern und Naturphänomenen) als
Totems. Eine religiöse Erscheinung ist der Totemismus insofern, als es um
eine Macht geht, von der der Mensch abhängig ist. Das religiöse Moment tritt
jedoch besonders in Spätformen des Totemismus hinter den sozialen Aspekt
zurück. Quellen des Totemismus sind u. a. die Vorstellungen der Jägervölker
von der Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch oder dem Tier als
Kraftträger und die anthropozentrische Einstellung der Naturvölker zur
Natur, etwa der Auffassung vom Tier als Person.
Man unterscheidet Individual-, Gruppen- und Geschlechts-Totemismus.
Letzterer ist eine auf Ost- und Südostaustralien beschränkte Sonderform, bei
der Männer und Frauen eines Stammes je ein eigenes Totem haben.
Der Individual-Totemismus ist ein intimes Verhältnis zwischen einem Menschen
und einem Tier (oder einer Pflanze) und beinhaltet den Glauben an eine
mystische Schicksalsgemeinschaft zwischen beiden (Identität) und die
Vorstellung von einer Schutz- und Helferfunktion des Totems.
Beim eigentlichen oder Gruppen-Totemismus (möglicherweise auch aus dem
Individual-Totemismus durch Vererbung des Totems auf die Nachkommen
entstanden) besteht dieses Verhältnis zwischen Lokalgruppen oder Clans bzw.
Sippen, jedenfalls Stammes Untergruppen, und einer ganzen Tier- (oder
Pflanzen-)Art. Diese am weitesten verbreitete Form findet sich bei den
Jägervölkern Australiens, bei den afrikanischen Pygmäen, den Ugriern und den
Indianerstämmen des nordöstlichen Nordamerikas sowie vor allem - durch die
Sesshaftigkeit gefördert - bei den Ackerbauvölkern Afrikas, Melanesiens und
Nordamerikas. Das Wohl der Gruppe, die sich oft nach dem Namen oder einer
Eigenschaft des Totems benennt, steht in engstem Zusammenhang mit diesem.
Das Totemtier etwa wird als Ahnherr gedacht (z. B. aus der ehelichen
Verbindung, eines Menschen mit einem Vertreter der Tierspezies), oder die
Wahl wird auf ein besonderes Erlebnis des (menschlichen) Ahnen mit einem
bestimmten Tier zurückgeführt. Die Vorstellungen reichen von Identifikation
über Lebensgleichlauf bis zu der Wechselbeziehung, dass die Seele eines
Sterbenden in ein Tier, die des Tieres in ein neugeborenes Kind übergeht.
Durch Tabuvorschriften (Jagd- und Essverbot) ist das Totemtier geschützt.
Häufig besteht auch ein Heiratsverbot innerhalb der gleichen Totemgruppe.
Äussere Erkennungszeichen der Mitglieder bestimmter Gruppen, denen jeweils
spezifische öffentliche Funktionen zukommen, sind u. a. Kopfputz, Haarschur,
Körperbemalung. Wie die einzelnen Gruppen symbolisch und magisch bestimmte
Teile der Natur darstellen, wird der ganze Stamm zum Abbild der Welt. Der in
der Literatur tradierte sog. Totempfahl der Nordwestküstenindianer
Nordamerikas hat mit Totemismus dagegen nichts zu tun und wird inzwischen
besser als Wappenpfahl bezeichnet; er stellt Ereignisse aus der Geschichte
des Stammes oder eines Häuptlings dar.
- Da der Begriff Totemismus nicht ausreicht, alle möglichen Beziehungen
zwischen Mensch und Tier bzw. Pflanze usw. zu umfassen, will E. Dammann ihn
durch den allgemeineren Begriff „Umweltverbundenheit" ersetzen, von dem
Animalismus und (als dessen Teilgebiet) Totemismus „nur einzelne, wenn auch
die wichtigsten und verbreitetsten Erscheinungen sind".
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