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Tod im Judentum

Das (von den Christen so genannte) Alte Testament enthält keine einheitliche Konzeption über Tod und Leben. Doch gilt generell, dass der Tod keine selbständige Macht für sich (auch nicht Jer 9,20 oder Ps 49,15) darstellt. Jahwe ist Herr über Leben und Tod. Leben gibt es nur bei ihm, deshalb wird seine Gegenwart gesucht. Leben heisst Verehrung Gottes und Segen durch Gott; wer die Fülle des Heils vor Gottes Angesicht erreicht hat, stirbt alt und lebenssatt. Das alte Israel konnte folglich Tod als Besiegelung des Lebens verstehen. Der zu frühe Tod gilt freilich in dieser Perspektive als Entzug von Segen. Der Zusammenhang von Sünde und Tod (Gen; 3,16-19) bedeutet nicht, dass der Mensch todlos erschaffen, sondern dass der Tod durch die Sünde erfahrbare Schrecklichkeit wurde. Mit dem Tod wird der Mensch von Gott und den Lebenden durch den Eintritt in die Scheol (Unterwelt) getrennt. Hier kann der Tote Gott nicht mehr sehen. Um so mehr ist dies Aufgabe der Lebenden. Die Scheol (sowohl Inbegriff aller Todesmächte wie ihre räumliche Verkörperung) zeigt sich in alle Minderungen des Lebens wie Krankhei oder Not. Zu beachten ist die Ambivalenz: Die Scheol ist Ferne von Gott, dem Herrn über Leben und Tod Sicher ist, dass der Tod nie als etwas Heiliges angesehen wurde. Es gibt keinen Totenkult und keine sakralen Totenriten. Totenbeschwörungen verfallen radikalster Ablehnung (Lev 19,3; Dtn 18,11). Das Grab spielt keine sakrale Rolle in Israel.

Totsein bedeutet aber nie Nicht-Sein; sondern Nicht-Leben. Als innere Konsequenz des Jahweglaubens (vielleicht auch unter kanaanäischen und persönlichen Einsichten) beginnt sich die Vorstellung vom Schicksal der Toten zu wandeln bis hin zur Hoffnung auf Auferstehung. Das Weisheitsbuch sucht mit dem griechischen Begriff Unsterblichkeit die Herrschaft Gottes über die Toten neu zu fassen. Konsequenterweise - und unter Zuhilfenahme von Momenten antiker Konsolations-Literatur - wird der (zu) frühe Tod nicht mehr als Strafe angesehen.

Auch wenn in der Folgezeit der Blick mehr auf das Schicksal der Toten eschatologischer und apokalyptischer Perspektive gerichtet ist, gibt es doch Aussagen über den Tod des einzelnen. Philo v. Alexandrien definiert den Tod als Befreiung der Seele vom Körper, Rückkehr zum Äther und zum Herrscher der Welt; er spricht aber auch vom Tod der Seele als dem Schicksal der Unwürdigen. Im „Liber Antiquitatum Biblicarum" von Ps.-Philo herrscht ein dichotomisches Menschenbild vor (während dasjenige des palästinischen Judentums in vorchristlicher Zeit als vordichotomisch zu kennzeichnen ist). Die Seele verlässt im Tod den Leib, bevor dieser stirbt. Sie ist direkt nicht vom Tod betroffen. Doch mindert das nicht den Tod. Der Tod des leiblichen Menschen bleibt Tod. Auch das vierte Buch Esra setzt voraus, dass die Seele sich von ihrem Leib trennt. In rabbinischen Totengeschichten der ersten nachchristlichen Jahrhunderte wird teilweise nicht zwischen Leib und Seele unterschieden. Der Tod bringt alle in Gottesferne, die deshalb auch nicht als Strafe gedacht werden kann. Der stoisch-platonische Eklektizismus der Spätantike hat allerdings auf diese Literatur Einfluss genommen und zur Trennung des Menschen in die je aus einem anderen Bereich stammenden Teile Leib und Seele geführt. Deutlich wird dies im „Todesbefehl" Gottes an die Seele des Mose im Midrasch Deuteronomium Rabba.

Überraschenderweise kann man generell von der jüdischen Todesauffassung - von den Anfängen bis heute, bis zu den grausamen Toden in Vernichtungslagern - sagen: Nicht Sterbenlernen steht im Zentrum jüdischer Religion, sondern Leben in Verantwortung vor dem Angesicht Gottes.
 


 

 

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