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Der Ausdruck
Tiefenpsychologie wurde von E. Bleuler zur Bezeichnung der von C. G. Jung
eingeführten psychotherapeutischen Methode geprägt und sehr rasch zur
Bezeichnung all jener Verfahren verwendet, die von der Psychoanalyse
herkommen und mit dem Begriff des Unbewussten arbeiten. Im weitesten Sinn
versteht man unter Tiefenpsychologie jene Psychologie, die dynamische,
psychische Aktivitäten annimmt, die unbewusst sind. Hierzu gehören
insbesondere Fehlleistungen, Abwehrmechanismen, Träume, neurotische
Symptome, psychotische Syndrome, Perversionen, vergessene, verdrängte und
archetypische Erlebnisse und Inhalte sowie unbewusste Motivationen und
psychische Krankheiten. Dies zeigt, dass der Begriff Tiefenpsychologie
ungefähr mit Psychodynamik gleichgesetzt wird, ein heute gebräuchlicher
Begriff zur Beschreibung unbewusster Wünsche und Konflikte auch ohne
bestimmte Theorie. Die Grundgedanken der Tiefenpsychologie werden von den
psychologischen Modellen S. Freuds, C. G. Jungs und A. Adlers geprägt.
S. Freud (1856-1939) geht von der Feststellung aus, dass die eigentlichen
Triebfedern menschlichen Verhaltens im Unbewussten liegen und dass die
Dynamik der Psyche von der Libido, der Sexualität, getragen wird. Die Psyche
besteht aus dem Bewusstsein mit den aktuellen Denkinhalten, dem
Vorbewusstsein mit den Inhalten, die leicht erinnert werden, und dem
Unbewussten mit all jenen vergessenen oder verdrängten Inhalten, die nur
über die freie Assoziation oder den Traum ins Bewusstsein gelangen, sofern
sie nicht der Zensur verfallen; denn die innere psychische Dynamik wird von
drei Instanzen getragen: dem Ich als zusammenhängender Organisation der
bewussten Vorgänge, dem Es als dynamischer Funktion der Triebbedürfnisse und
dem Überich als Instanz der Bildung des Ichideals durch Einschränkung der
natürlichen Triebregungen. So muss sich das Ich, das gezwungen ist, sich
selbst zu lieben, gegenüber dem Es und dem Überich bewähren, um das
Wohlergehen zu erhalten. Wo dies nicht gelingt, stellen sich psychische
Störungen ein.
Diesem mechanistischen Modell ohne Personkern stellt C. G. Jung (1875-1961)
ein Modell mit Personkern gegenüber, wobei die Psyche folgende Struktur
aufweist: das Bewusstsein mit dem Ich als ordnendem Mittelpunkt, das
persönliche Unbewusste mit dem im Leben Vergessenen und durch die Neurose
Verdrängten und das kollektive Unbewusste, das die bei allen Menschen formal
gleichen affektiven, emotionalen Bahnungen sowie jene Unbewusstheiten
enthält, die nicht bewusst werden können, die Archetypen. Archetypen sind
keine Niederschläge von Erlebnissen, sondern Wesenheiten, die aus einem
unfassbaren Lebensgrund als seelische Urformen in die Persönlichkeit
hineinragen und schon auf den ersten archaischen Strukturen der Menschheit
anzutreffen sind. Das Ich muss sich bei seiner Entwicklung nicht gegen ein
Es oder Überich wehren, sondern hat im Ichideal das Ziel der
Bewusstseinsentfaltung. Nach seiner Orientierung nach aussen muss das Ich
den Weg nach innen beschreiten und zunächst in Begegnung mit dem Schatten
jene Grundhaltungen entfalten, die bisher vernachlässigt wurden. Als
nächster Schritt folgt die Begegnung mit der Gegengeschlechtlichkeit, die
zur Annahme der Anima im Mann und des Animus in der Frau führen soll. Durch
die Integration des Alten Weisen durch den Mann und der Grossen Mutter durch
die Frau findet die Individuation des Ichs im integralen Selbst ihre letzte
Ausformung, in das die kollektiven Bestimmungen, die sogenannten Archetypen,
die im Unbewussten bereitliegen, integriert werden. Damit wird das Selbst
zum eigentlichen Personkern. Die Störungen persönlichen Verhaltens beruhen
auf Störungen des harmonischen Flusses der Libido, die bei Jung die
Bedeutung von allg. Lebensenergie hat.
A. Adler (1870-1937) lehnt hingegen das Unbewusste völlig ab und betrachtet
den Menschen als ein vom Minderwertigkeitsgefühl getragenes
Gemeinschaftswesen. Dieses Minderwertigkeitsgefühl wird durch das Macht- und
Geltungsbedürfnis zu kompensieren versucht. Persönlichkeit und Seelenleben
sind zielstrebige Tendenzen. Ziel der Persönlichkeit ist nicht die
Entfaltung des Ichs, sondern die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls, denn
die Gemeinschaft kommt vor dem Einzelwesen. Zufrieden ist der Mensch, wenn
er in Gemeinschaft, Beruf und Liebe erfolgreich ist. Damit ist die soziale
Bedeutung der Persönlichkeitsentfaltung angesprochen.
Aus diesen drei Systemen entstand eine Reihe weiterer Schulen wie die
Neopsychoanalyse Schultz-Henkes, die Neofreudianer (E. Fromm, K. Horney, H.
Sulivan usw.), die Gestaltkreislehre V. v. Weizsäckers, die Schicksalanalyse
L. Szondis, die personalistische Carusos usw.
Das Verdienst der Tiefenpsychologie liegt im Hinweis auf die innere Dynamik
des Menschen, die unbewussten Handlungen und Fehlleistungen sowie in der
Erstellung therapeutischer Methoden und in der Beschreibung von Verhaltens-
und Erlebnisformen. Die experimentelle Beweisführung lässt zu wünschen
übrig, was besonders in der unterschiedlichen Wertung der Religion, von
Illusion bis zu tragender Lebensorientierung, zum Ausdruck kommt. Dies hängt
auch damit zusammen, dass Psychologie nur eine beschreibende Wissenschaft
ist, ohne Inhalte, was von Tiefenpsychologen und auch Theologen oft
vergessen wurde und wird.
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