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Tabu

Das polynesische Wort tabu (tapu) ist ein Begriff für das „besonders Gezeichnete", das „Hervorgehobene" und „Ausgenommene", das im Gegensatz zum Gewöhnlichen (noa) steht. Mit Tabu wird daher der aussergewöhnliche Zustand einer Person oder Sache bezeichnet. Der durch die Reiseberichte J. Cooks in die wissenschaftliche Literatur eingeführte Begriff bedeutet praktisch soviel wie „verboten", „untersagt" oder „ist zu meiden". Verbote betreffen in Polynesien u. a. bestimmte Personen: z. B. Häuptlinge, Priester, Offizianten im Ritual, Menstruierende, Schwangere, Kranke und Tote. Teilweise wird auch der Kontakt mit einzelnen Körperteilen dieser Personen tabuisiert. Ferner kann sich ein Tabu auf bestimmte Orte, Zeiten, Handlungen, Tiere, Pflanzen, Nahrungsmittel und andere Dinge (z. B. Kultgegenstände) beziehen. Die jeweiligen Regeln besagen, dass etwas nicht gesehen, berührt, gegessen oder vollzogen werden darf. Als besonders Befugte besitzen lediglich mit einer überlegenen Kraft begabte Personen (z. B. Könige und Häuptlinge) das Recht, ein Tabu zu verhängen oder auch aufzuheben. Übertretungen der Tabu-Vorschriften können zum Teil lebensbedrohende Reaktionen der übermenschlichen Macht nach sich ziehen; oft genügen jedoch rituelle Reinigungen, um Befleckungen abzulegen. Tabus zielen daher auf die Anerkennung der Machterfülltheit bestimmter Personen oder Dinge. Letztere werden durch vorgeschriebene Verhaltensweisen, die im Umgang mit ihnen zu beachten sind, von Gewöhnlichem abgegrenzt. Die Wirksamkeit der übermenschlichen Kraft soll auf diese Weise erhalten werden (Dynamismus).
Bereits bei J. Cook wird klar, dass es sich bei Tabu nicht nur um eine religiöse, sondern auch um eine soziale, politische und ökonomische Erscheinung handelt. Der regulative Charakter des Tabu-Systems wird also zu verschiedenen, z. T. sehr praktischen Zwecken genutzt. Z. B. haben Tabus in Polynesien die wichtige Funktion, wirtschaftliche Ressourcen zu schützen. Nicht selten werden sie auch zur rechtlichen Sicherung von Eigentum verwendet (spezielle Zeichen zeigen den Tabu-Zustand in solchen Fällen an).
Tabu-Begriffe und -Vorstellungen sind in abgewandelter Form auch ausserhalb Ozeaniens zu finden. Im Islam etwa werden bildliche Darstellungen tabuisiert. Universal gilt, dass der menschliche Körper abgestufte Tabu-Zonen für Berührungen besitzt. In der westlichen Alltagskultur bezeichnet man mit Tabu etwas Unantastbares, mit magischer Furcht Verbundenes oder etwas, von dem man nicht spricht. S. Freud hat in unzutreffender Weise polynesische Tabu-Sitten mit den durch verdrängte Triebwünsche aufgestellten Zwangsverboten von Neurotikern gleichgestellt (Totem und Tabu Leipzig 1913). Das Problem besteht darin, dass der ethnologische Tabu-Begriff in viele europäische Umgangssprachen aufgenommen wurde und sich dadurch sein Bedeutungsfeld verändert hat. In seiner universalisierten Form ist er unspezifischer geworden und hat an Prägnanz verloren. Um ihn von dem modernen Allgemeinbegriff abzugrenzen, erscheint eine möglichst enge Definierung notwendig.
 


 

 

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