|
Zu den Mu'taziliten
Die Traditionalisten, später nach ihrem Anführer Ahmad ibn Hanbal (780-855)
auch Hanbaliten genannt, berufen sich ausschliesslich auf den Koran und die
Tradition als einzig zuverlässige und zulässige Quellen des Glaubens und der
religösen Praxis. Jede Abweichung wird als „Neuerung“, also als Ketzerei,
verurteilt. Auch der Gebrauch der blossen Vernunft im Streit mit anderen
Richtungen oder in der Auseinandersetzung mit den Nicht-Muslimen wird als
unzulässig zurückgewiesen. Der Mensch solle dem Lichte Gottes folgen und
sich nicht anmassen, selbst einen eigenen Beitrag zur Vertiefung der
Glaubenslehren leisten zu wollen.
Gegen diesen Traditionsglauben, aber auch gegen den von den Mutaziliten
vertretenen uneingeschränkten Gebrauch der Vernunft wandte sich al-Ash`ari
(873-935), der Gründer der Schule der Ash'ariten. Er tritt für einen
gemässigten, begründeten und durch vernünftige Beweisführung unterstützten
Traditionalismus ein. Die Lehrsätze müssen auf dem Text des Korans und den
Angaben der Tradition gründen. Man muss aber die Tradition der Kontrolle der
Vernunft unterziehen, um Beliebigkeit und Widersprüchlichkeit
auszuschliessen und die echte Tradition von den falschen Erfindungen
unterscheiden zu können. Im Streit mit den Andersgläubigen und den anderen
theologischen Richtungen gilt es ausserdem, die Gegner zu überzeugen und die
eigene Argumentation logisch einwandfrei aufzubauen. Dieser „vernünftige
Traditionalismus" der Ashariten wurde jahrhundertelang zur herrschenden
Schule der islamischen Orthodoxie.
Die islamische Theologie der Gegenwart sucht noch ihren Weg zwischen der
klassischen Tradition und einer an die Forderung der modernen Denkweise
angepassten Reflexion.
|