|
1. Sufismus ist der Name
für die islamische Mystik. Abgeleitet von saf „Wolle", nach dem Wollgewand
der frühen Asketen, wird es in falscher Etymologie von den Sufis selbst oft
mit safa, „Reinheit", verbunden. Der Sufismus entwickelte sich aus der
Meditation des Korans und supererogativen Frömmigkeitswerken zu einer Zeit,
da die islamische Welt in erfolgreicher Ausdehnung begriffen war; er war
anfangs rein asketisch. Beziehungen früher Sufis zu christlichen Anachoreten
sind bekannt; Jesus erscheint als Modell des milden, menschenliebenden
Wanderers.
2. Das Element reiner Gottesliebe - eine Liebe, die nicht nach Lohn oder
Strafe fragt - wurde von einer Frau, Rabi'a von Basra (gest. 801),
eingeführt und blieb fü die weitere Entwicklung zentral. Im 9. Jh
entwickelten sich dann verschieden Aspekte des Sufismus. In Ägypten stimmt
Dhu'n-Nün in hymnischen Gebeten in den Lobpreis der Natur für ihren Schöpfer
ein und legte damit den Grund für die spätere mystischen Dichtung mit ihrer
Freude an Naturschilderungen. Im Iran versuchte Bayezid Bistami das Entwerde
fand, in kühnen Bildern anzudeuten und Yahya ibn Mu'lidh lehrte als
„Prediger der Hoffnung". Im Irak aber, dem Zentrum des abbasidischen
Reiches, wurden eine höchst verfeinerte Technik der Innenschau ebenso
entwickelt wie die Lehren von den „Zuständen" und „Stationen" des mystischen
Pfades, tarilca. Erstmals werden im 9. Jh. auch mystische Konzerte erwähnt (samd,
„Hören"), welche die Teilnehmer oft zum Wirbeltanz verzückten - eine bis
heute umstrittene Andachtsform. Viele der frühen Formulierungen sind, mit
den fast unübersehbaren Möglichkeiten der arabischen Sprache spielend,
bewusst paradox, um das Geheimnis mystischer Erfahrung vor den
Uneingeweihten zu verhüllen. Die überragende Gestalt in Bagdad war der
nüchterne ljefunaid (gest. 910), der zur Zentralfigur aller mystischen
Initiationsketten geworden ist. Für ihn ist das Ziel des Menschen, „zu
werden, wie er war, als er nicht war". Ganz anders als er versuchte der
„Märtyrer der Gottesliebe", seine unendliche Sehnsucht nach Gott, der in
seltenen Augenblicken der Ekstase den menschlichen Geist überkleiden kann,
in Paradoxen und zarten Versen auszudrücken; sein Wort Ana-balck „Ich bin
die Wahrheit", das bald als „Ich bin Gott" interpretiert wurde, sowie seine
trotz aller harten Askese freie Auslegung gewisser Punkte des
Religionsgesetzes führten zu seiner Hinrichtung 922. Bis heute ist er das
Modell für die mystisch Liebenden, aber auch für die vom Establishment
Verfolgten.
3. Nach Halles Tod beginnt die Periode der Konsolidierung, die in den Werken
al-fihazzalis (gest. 1111) gipfelt, dem die „Versöhnung" von Mystik und
Orthodoxie gelang - obgleich der Sufismus im Grunde nur eine Verinnerlichung
der Orthodoxie ist. Doch waren mancherlei fremde Einflüsse aufgenommen und
in die Lehren eingearbeitet worden. Neuplatonische Gedanken lagen
gewissermassen in der Luft und formten die spätere Entwicklung. Auch die
Licht-Mystik des jung hingerichteten Suhrawardi (gest. 1191) wirkte lange
weiter. Der Begriff des Gottesfreundes, d. h. des Heiligen, wurde definiert,
eine Heiligenhierarchie entwickelt. Doch immer blieb das Zentrum des
Sufismus die absolute Einheit Gottes, der nicht nur der eine Schöpfer und
Erhalter ist, sondern der einzige, der wirklich existiert.
4. Die Lehre von der „Einheit des Seienden" wurde im 13. Jh. von dem aus
Spanien gebürtigen Ibn 'Arabi in seinen grossen Werken entwickelt, die, zu
Unrecht oft als pantheistisch interpretiert und daher von der Orthodoxie
abgelehnt werden, doch an der Transzendenz Gottes festhalten. Ibn 'Arabis
Terminologie hat alle Mystiker der folgenden Jahrhunderte beeinflusst,
selbst wenn sie seinen Theorien nicht folgten. Diese Ideen wurden verbreitet
durch die seit dem 12. Jh. entstehenden Derwish-Orden. Die ersten
Bruderschaften in grösserem Rahmen waren die Suhrawardiyya und die Qadiriyya.
Durch solche und andere Orden (tarika) wurde der Sufismus bald in die
Randgebiete des Islam getragen. Die Methoden der Orden sind verschieden; es
gibt Bettelorden und solche, die die Erfüllung beruflicher Pflichten
betonen, in anderen sind Musik (Tschischtis in Indien) oder kreisender
Reigen (Mevlevis in der Türkei) zentral. Der Meister (shaikh, pir) hat
unbedingten Gehorsam zu verlangen, denn der Sufismus ist eine
Initiationsmystik, die den Menschen in die geistige Sukzession einbindet,
die bis zum Propheten zurückführt. Die Regeln gesitteten Benehmens, wie die
Sufis sie aufgrund von Aussprüchen des Propheten Muhammad lehrten, haben die
Sitten in der islamischen Welt weitgehend geformt. Doch nur wenige Fromme
leben im Derwishkloster; der Hauptteil der Anhänger bildet eine Art
Terziarenschaft, die zu bestimmten Anlässen (Prophetengeburtstag, Todestag
des Stifters u. ä.) zusammenkommen und sich der Musik und gemeinschaftlicher
Andachten erfreuen und seelischen Trost vom Meister empfangen. Es gibt
keinen Zölibat in den Orden; daher ist das Amt des Maikhs oft erblich
geworden, was zur Degeneration führen kann.
5. Eine besondere Ausprägung fand der Sufismus im Iran und in den unter
persischem Kultureinfluss stehenden Gebieten. Dort entstand um 1100 eine
sufische Dichtung, die sich sowohl des erzählenden Mathnavi (Doppelverse)
als auch der Lyrik bediente. Die Werke der grossen Dichter Sanci'i (gest.
1131) und 'Altar (gest. 1220), der die Reise der Seelenvögel durch die
sieben Täler besungen wie auch die Erlebnisse des Mystikers in der 40tägigen
Klausur interpretiert hat, führen zu Zalaluddin Rumi (gest. 1273), dessen
ekstatische Liebeslyrik den Höhepunkt mystischer Dichtung darstellt und
dessen Mathnavl von Späteren als „Koran in persischer Zunge" gepriesen
worden ist.
6. Der Sufismus der folgenden Jahrhunderte hat eine unübersehbare Literatur
hervorgebracht, die um das Geheimnis der absoluten Liebe kreist. Die
Prediger, die versuchten, diese Liebe zu künden, bedienten sich auch der
Regionalsprachen und haben so zur Entwicklung des Türkischen, Sindhi,
Pandschabi und vieler anderer Sprachen beigetragen; die volkstümliche
Dichtung ist von besonderem Reiz. Im indischen Bereich kann man sogar von
einer echten „Brautmystik" sprechen: Die liebende Seele wird als
sehnsüchtige Frau gesehen.
Doch haben die Sufis auch in allen Gegenden eine politische Rolle gespielt,
teils - wie die Suhrawardiyya und Naltshbandiyya - in Zusammenarbeit mit der
Regierung, teils in Rebellion gegen korrupte Verwaltungen. Und wie der
Stift-Führer Schamyl im vorigen Jahrhundert im Kaukasus kämpfte, stellen
Sufi-Gruppen heute die wichtigsten Widerstandskämpfer gegen die
Sowjetisierung Zentralasiens dar. Keineswegs kann dem Sufismus die
Verantwortung für Lethargie zugeschoben werden; der Stift versucht vielmehr,
absolutes Gottvertrauen, erwachsen aus Gottesliebe, zu praktizieren.
|