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Das früh-mittelalterliche
Siedlungsgebiet der Slawen umfasste Mitteleuropa bis zur Linie Lübeck -
Triest (Westslawen), Südeuropa mit Illyrien und Thrakien bis zum Peloponnes
(Südslawen) und Osteuropa bis zum Ilmensee und östlich vom Dnjepr
(Ostslawen). Die Forschung der letzten Jahrzehnte versucht, aus kargem
Textbestand, aus archäologischen Entdeckungen, sprachlichen und
volkskundlichen Zeugnissen die religiöse Vorstellungswelt der Slawen zu
erhellen. Die aus der Urheimat (wahrscheinlich zwischen dem mittleren Dnjepr
und den südöstlichen Karpaten) stammende Tradition der geistig-kultischen
Entwicklung, die durch die iranische (sarmatische) Nachbarschaft beeinflusst
wurde, diente während und nach der Einwanderung seit dem 5. und 6. Jh. in
den neuen Siedlungsgebieten dazu, an der Schwelle zu Staatsgründungen den
Höhepunkt der Entwicklung in verschiedenen Formen zu vollziehen.
Der archaische Himmelsgott, der Schöpfer der Welt ist, diese aber aktiven
Gottheiten überlässt, ist auch bei den Slawen zu finden. Auch das
dreiteilige Denkmodell in bezug auf die Gesellschaft und ihre mythologische
Abbildung in Vorstellungen von Erde und Himmel, Menschen und Göttern, das
viele indo-europäische Völker kennzeichnet, ist bei ihnen festzustellen. In
der Reihe der Hauptgötter steht auf der ersten Stufe der Souveränität und
Magie Perun, der Himmels- und Donnergott, der auch zur zweiten,
kriegerischen Stufe im Kampf mit dem Drachen hinabsteigen kann. Neben ihm
steht Veles (VoIos), der Magie-, Eidschwur- und Jenseitsgott, der zugleich
den Viehschutz auf der dritten, wirtschaftlichen Stufe ausübt. Diese
Gottheiten treten auch unter anderen Namen wie Svantevit für Perun in Arkona
auf der Insel Rügen auf (die dortige Kultstätte wurde 1168 von den Dänen
zerstört) oder Rujevit mit zwei Begleitern oder Jarovit und Jarylo. Mit
Veles verwandte Gottheiten scheinen Triglav und Trojan zu sein, obwohl ihre
Funktionen in verschiedenen slawischen Ländern für uns unsicher bleiben.
Eine Gruppe von Sonnen- und Feuergöttern besteht aus Svarog, Svarozit,
Radogost, Dazbog. Als kleinere göttliche Erscheinungen kann man Chors,
Stribog, Simargl (offensichtlich eine iranische Anleihe), Pereplut
hinzufügen. Auf der dritten Stufe des Gemeinwohls ist die Anwesenheit von
Zwillingsbrüdern und einer weiblichen Gottheit, Mokos, mit einer Anzahl
Haus-, Hof-und Ackergeistern anzunehmen. Rod und Rozanice (feminin Pl.)
sowie die Personifikationen des Schicksals (Dola) und dessen Wahrsagerinnen
sind auch nachgewiesen. Die Mythen über die Schöpfung und die Erhaltung der
Welt, die Vorstellungen und magischen Riten im festlichen Zyklus des
agrarischen Jahreskalenders gehören ebenso zu diesen Anschauungen. Weit
ausgebaut und vielschichtig ist das komplementäre Gebiet der Dämonologie:
hier wirbeln Seelen der Verstorbenen, Alp-, Luft-, Wasser-Wald- und
Tiergeister.
Als die slawischen Stämme ab dem 8. Jh. zu grösseren Verbänden und
staatsähnlichen Formen strebten, kam es auch zu Umgestaltungen in den Kult
und im polytheistischen Glauben. Heilige Haine und Tempel wurden ausgebaut,
Bildsäulen errichtet, einige Götter als Stammeshauptgottheiten auserwählt.
Das Welt- und Menschenbild des Volkes blieb in seinen wesentlichen Zügen,
seiner Magie, Dämonologie und Eschatologie jedoch unberührt. Abendländisches
wie morgenländisches Christentum beseitigten mit staatlicher Hilfe zwar in
relativ kurzer Zeit die obengenannten Kulte, nicht jedoch z. B. die
Jenseitsvorstellungen. Bis heute bewahrt der slawische Volksbrauch neben
synkretistischen Formen die Grundlagen der mündlich fortgepflanzten
Überlieferung der archaischen Anschauungen und ihrer Sakralisierung.
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