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Shiva/Shivaismus

1. Shivaismus ist neben dem Vishnuismus einer der beiden Hauptkulte des Hinduismus. Anders als Visnu scheint Siva („der Gütige, Freundliche") ein vorarischer Gott gewesen zu sein. Auf den in Städten des Industals ausgegrabenen Siegeln aus dem 3. Jt. v. Chr. findet man einen in Yoga-Haltung sitzenden Herrn der Tiere (Pasupati) sowie eine halb als Mann und halb als Frau (Ardhanariivara) dargestellte Gestalt abgebildet. Beide stellen vermutlich einen Vorläufer Sivas dar. Als Rudra („glänzend, heulend") ist er im Rgveda nicht weniger bedeutend als Visnu; im Mahabharata ist er Mahadeva oder Mahega, „der grosse Gott", den selbst Krsna (d.h. Visnu-Narayana) lobpreist und verehrt. Umgekehrt gibt es auch - allerdings interpolierte - Stellen, wo Siva Krsnas Grösse verkündet. Einen besonderen Antagonismus zwischen beiden gab es in der Regel nicht. Siva ist der Gott der Gegensätze: er ist „schrecklich", aber auch „mild und freundlich", zugleich „jähzornig" und „leicht zu befriedigen" (aiutosa), er ist der Spender der Weisheit und der Künste, aber auch „naiv und einfältig" (bholanath). Neben Brahma (Schöpfer) und Visnu (Erhalter) ist er als dritter zwar für die Zerstörung zuständig, zugleich ist er aber Erneuerer und Schöpfer der Welt, denn Zerstörung ist nur eine Vorstufe der Neuschöpfung.

2. Anders als im Vishnuismus, in dem Visnus Avataras verehrt werden, ist im Shivaismus Siva selbst oder sind er und seine Gattin Parvati (bzw. Durga oder Kali), zuweilen auch mit seinen Söhnen Kartikeya (der Pflegesohn der Plejaden; der Kriegsgott) und Ganesa (der elefantenköpfige Gott), Objekt der Verehrung. Es gibt auch selbständige Kulte um die Familienmitglieder Sivas. Die tägliche Verehrung (paricayatana-pija) von fünf Hauptgottheiten, nämlich Visou, Siva, Durga, Ganesa und Surya (Sonnengott), im nicht sektiererischen traditionellen Hinduismus, weist ein Übergewicht des sivaitischenschen Elements auf. Für die Hindu-Religion ist im grossen und ganzen der Shivaismus ein integrierender und akkommodierender Faktor gewesen. Die einfachste bildliche Darstellung Sivas ist der Phallus (lieget Er wird aber ikonographisch auch als Asket oder Büsser, halbnackt, stehend oder auf einem Tigerfell sitzend, dargestellt. Über seinem geflochtenen Haar strahlt der Halbmond, aus dem Haarknoten fliesst die Ganga, um seinen Nacken ringelt sich eine Schlange, und auf seiner Stirn glänzt ein drittes Auge. Sein Reittier ist der Bulle Nandi. Siva ist auch Nataraja, „König der Tänzer und Schauspieler", und wird tanzend abgebildet. Neben Krsna ist er der populärste und zugänglichste Gott im Hinduismus.

3. In den Upanisaden ist die Bhakti zuerst im Zusammenhang mit Siva erwähnt worden. Die bedeutendsten Sanskrit-Dichter, etwa Kalidasa (um 400 n. Chr.), waren zumeist Siva-Verehrer, die etwa ein Jahrtausend später in neuindischen Sprachen schreibenden Dichter des Mittelalters mehrheitlich Visnuiten. Wie der Vishnuismus seine Alvars hat, so hat der Shivaismus seine Nayanars („Herren"). Auch sie rekrutierten sich aus allen sozialen Schichten, bedienten sich des Tamil, ihrer Muttersprache, sangen - von Tempel zu Tempel ziehend - das Gotteslob und verbreiteten so den Shivaismus im Süden. In der ersten Hälfte des 13. Jh. wurde von einem Sudra namens Meyakanda die Lehre der Nayanars - Saiva-Siddhanta („endgültiges Lehrsystem der Sivaiten") genannt - in einem Tamilwerk „Sivajfanabodha" ( = „das Erwachen zur Erkenntnis Sivas") zusammenfassend niedergelegt. Einige Zwischenstationen der Entwicklung dieses Systems lassen sich aufgrund verschiedener Sanskrit-Texte aus dem 10. Jh. auf Java, Indonesien, verfolgen. In Kashmir, im Norden Indiens, entwickelte sich unabhängig von Saiva-Siddhanta ein philosophisches System, das die Wiedererkennungslehre verkündet. Sein Begründer Vasugupta lebte vermutlich im 9. Jh. Im Gegensatz zum Saiva-Siddhanta, der zwischen drei ewigen Substanzen - Gott, den Einzelseelen und dem Ungeistigen (acit) - unterscheidet, lehrt dieses System, dass das Einzelwesen durch die „Wiedererkennung" seines Siva-seins Erlösung erlangt. Schliesslich seien noch die Lingayats (oder Vira-Saivas, die „heroischen Saivas") genannt. Sie tragen ein Linga in einem Döschen um den Hals, lehnen das Kastenwesen und den Vorrang der Brahmanen rigoros ab. Diese Reformbewegung entstand im 12. Jh. im südind. Karnataka, wo sie bis heute stark vertreten ist.
 


 

 

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