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Shinto/Shintoismus

Gesamtheit aller in Japan autochthonen Glaubensvorstellungen und der daraus resultierenden Kulthandlungen, die vor Übernahme des Buddhismus bestanden bzw. sich aus diesen Anfängen entwickelt haben. Terminus ist chin. Ursprungs (Buch „Iching"): „Weg" (tao) der „Geistwesen" (shen), jap. kaminagara gelesen. Er erscheint als Gegensatz zum „Buddha-Gesetz" erstmals in der Reichschronik „Nihonshoki" für das Jahr 585.
Der Shintoismus hat sich im Laufe der Geschichte intensiv mit Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, aber auch mit dem Christentum auseinandergesetzt. Er ist sowohl in Gestalt des stark regional verschiedenen, nur lose strukturierten Volksglaubens wie als streng legalistische Staatsreligion oder Sekte für die japanische Geschichte wichtig gewesen. Da ihm sowohl eine Gründerpersönlichkeit wie heilige Schriften im eigentlichen Sinn fehlen, kennt er kein Dogma und ist keine Bekenntnisreligion. Heute wird Shinto vielfach als „charakteristisch japanischer Lebensstil" verstanden: 1983 haben sich nur 3,4 Prozent aller Japaner als Gläubige des Shintoismus bezeichnet, gleichzeitig wurden aber 98,6 Mio. Anhänger gemeldet.
Die historisch älteste erkennbare Form des Shintoismus wird als uji-(„Clan"-)Shintoismus bezeichnet. In Verschmelzung von politischer Herrschaft und Religion (saisei-itchi) führte der Clan-Häuptling den Kult der gemeinsamen Ahnengottheit ujigami, von der sich die Gemeinschaft blutsmässig herleitete. Dieses Blutcharisma führt zur Überhöhung des Kult-Leiters, der sowohl Priester wie Gottheit bzw. Verkörperung dieser ist (ikigami-Konzeption, vgl. auch Tenno-Verehrung). Der Clan des Tenno beansprucht nach der Reichseinigung auch Vorrangstellung für seine eigene Überlieferung, die schliesslich bei der Kompilation der Reichschroniken „Kojiki" (712) und „Nihonshoki = Nihongi" (720), durchgesetzt wird. Dennoch lassen sich noch deutlich verschiedene Traditionen unterscheiden: zunächst der Glaube an eine im Himmel lokalisierte Welt der Gottheiten (Takamagahara) mit männlichem Himmelsgott Takagi-no-kami an der Spitze. Dieser entsendet seinen „Himmelsenkel" Ninigino-mikoto über eine Bergspitze zur Erde, wo später dessen Nachkomme Jimmutenno das Reich gründet (vgl. Reichsgründungsmythen in Alt-Korea und Mandschurei).
Ein zweiter Mythenkreis zentriert um ein paradiesisches Land am Grunde oder im Osten jenseits des Meeres (ffloro-Religion). Die dritte Kompo- nente, der Mythos von einer weiblichen Sonnengottheit Amaterasu, die im Streit von ihrem Mond-Bruder Tsuki-yomi getötet wird (Sonnenfinsternis), hat Parallelen im südostasiat. Raum. Amaterasu hat Takagi-no-kami als Hauptgottheit des Kaiserhauses verdrängt und ist als Gottheit des Ise-Heiligtums die wichtigste Gottheit überhaupt geworden.
Weitere wichtige Quellen sind die Aufzeichnungen der Priesterfamilie Imube, „Kogoshui", aus 807, sowie die Ritualgesetzgebung des 907 vollendeten „Engishiki". Lokale Überlieferungen enthalten die wenigen erhaltenen Landesbeschreibungen „Fudoki" vom Anfang des 8. Jh. („Izumo-Fudoki").
In der Heian-Periode (9.-12. Jh.) dient die aus dem Hinduismus stammende und vom Buddhismus nach Japan gebrachte These des honji-suijaku zur Definition der Beziehung zwischen Buddhismus und Shinto: Buddhas und Bodhisattvas gelten als honji „eigentliches Wesen", die kami als deren suijaku „Fussspuren, lokale Manifestation" (= avatara). Der darauf aufbauende Synkretismus war je Sekte bzw. je Kultstelle verschieden ausgeformt. Bekannt sind der Sanno-Ichijitsu-Shinto der Tendai-Sekte am Berg Hiei und der Ryobu-Shinto der Shingon-Sekte mit Gleichsetzung von Dainichi-Nyorai (Vairocana) und Amaterasu. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung löste der Glaube an die besondere Wunderkraft (reigen) einzelner Funktionsgottheiten den früheren uji-Shinto ab. Es entstanden Wallfahrtsheiligtümer (Kumano, Atago) mit Zweigschreinen im ganzen Land. Damit traten neben die zu dieser Zeit nur noch lokal gebundenen Pfarrgemeinden (ujiko)einer Lokalschutzgottheit (ubusuna oder ujigaren) auch auf persönlichem Glauben beruhende Pilgervereine (ko). Als weitere Entwicklung ist wichtig die Verehrung von unheilbringenden Gottheiten, meist Seelen von durch Gewalt ums Leben Gekommener (goryo), die besänftigt werden müssen (Tenjin-Glaube; Gion-Fest).
Im Mittelalter werden einzelne Kultstätten Ausgangspunkt einer Sit.-Reaktion. An der Spitze das Ise-Heiligtum mit der Priesterfamilie Watarai, die im 13. Jh. die Tradition des kaiserlichen Shinto in fünf heiligen Büchern „Shinto gobusho" niederlegt (Ise- oder Watarai-Shinto). Noch weiter geht die Familie Yoshida (alt: Urabe), bes. Y. Kanetomo (1435-1511), in Kyoto, die den Shinto als Ursprung aller Religionen einschliesslich Buddhismus und Konfuzianismus auffasst (Yoshida- oder Yuiitsu-„ Einziger" -Shinto).
In der Edo-Periode (1600-1868) sahen manche Neo-Konfuzianer im Shinto das japanische Pendant zu den Riten in China = Suika Shinto: Hayashi Razan (1583-1657) und bes. Yamazaki Ansai (1619-1682). Das Bedürfnis, die Machtausübung des Shogun zu legitimieren, führte zu Theorien über das „himmlische Mandat", das der Tenno von seinen göttlichen Ahnen vererbt und dann dem Shogun delegiert worden sei. Wichtig für die Restauration des Shinto war die philologische Erschliessung der alte Quellen durch Motoori Norina (1730-1801) u. a. in der kokuga Schule ( = „Nationale Schule"), die mit der Forderung nach Abwendung vom Konfuzianismus und Buddhismus und nach Rückkehr zum „Reinen Shinto" des Altertums verbunden war. Dies alles bildete die ideologische Grundlage für die Meiji-Restauration. Beim einfachen Volk fanden charismatische, oft schamanistische Führer Anhänger für die Verehrung bestimmter kami und/oder Kultstätten (u. a. Fuso-kyo mit Fuji als Weltzentrum, Ontake-kyo, Tenrikyo, Kurozumi-kyo, Konkokyo).
Die Meiji-Regierung griff nach 1868 auf den Shinto zurück, um den neuen Einheitsstaat ideologisch zu binden (saisei-itchi Konzept). Eine strikte Trennung vom Buddhismus in Priestertum und Kult wurde durchgeführt. 1871 wurde per Gesetz die Zugehörigkeit jedes Japaners zur Gemeinde eines Schreines geregelt. Versuche, die Bevölkerung auch shintoistisch zu indoktrinieren, scheiterten am Widerstand der Buddhisten und an der vom Ausland erhobenen Forderung nach Religionsfreiheit. Der Staats-Shinto beschränkte sich auf den von Staats wegen organisierten Kult, der nicht als „Religion" galt. Daneben fand Shinto als Religion seinen Ausdruck in 13 offiziell anerkannten Shinto-Sekten. 1945 wurde die staatliche Kontrolle und Förderung des Shinto abgeschafft. Die Shinto-Kultstätten (sog. Schrein-Shinto) schlossen sich unter Führung des Ise-Schreines zum eingetragenen Verein des Jinja-honcho, „Schrein-Hauptamt", zusammen mit 79 212 Schreinen, 19 892 Priestern und 84,5 Mio. Gläubigen (31.12.1984). Daneben gibt es mehr als 80 Shinto-Sekten mit insges. 8500 Schreinen und 7,4 Mio. Anhängern - neben den 13 alten, vor allem Gemeinden von Heiligtümern, die den Führungsanspruch von Ise nicht anerkennen (z. B. Izumo-taisha).
Wichtigste Glaubensvorstellungen des Shinto sind Naturverehrung, Ahnenverehrung und Verehrung einer lokalen Schutzgottheit. Das „Kojiki" spricht von einer Zeit, da „Gräser und Bäume sprechen konnten", und Motoori definiert als kami, „Vögel, Vierfüssler, Bäume, Kräuter, Meer und Berge sowie ehrwürdige Dinge, die seltene, ungewöhnliche Eigenschaften besitzen, ganz zu schweigen vom Menschen". Diese Grundeinstellung kennt keine Trennung von Gott und Welt, Mensch und Natur. Japan ist das einzige hochindustrialisierte Land, das eine alte Hochkultur mit stark animistisch geprägter Weltanschauung besitzt. Shinto ist dem Diesseits zugewandt, bietet nur verschwommene Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Die Totenseele, vor allem die eines unvorbereitet, früh Getöteten (goryo), wird wegen möglicher Rache an den Lebenden gefürchtet und muss durch Zeremonien besänftigt bzw. ins Totenreich gebannt werden. Völlig unvermittelt steht daneben der Ahnenkult. Heute wird vielfach der Glaube vorgefunden, die Totenseele verliere nach Ende der Trauer/Tabu-Zeit (49 Tage bzw. 1, 13 oder 33 Jahre) ihre Individualität in der unpersönlichen Gesamtheit der Ahnen.
Die Verehrung der Schutzgottheit (ubusuna, ujigami) wird oft mit Ahnenverehrung gleichgesetzt, ist jedoch seit dem Mittelalter nur lokal gebunden, wobei die Gottheit für ihre Kultgemeinde monotheistische Züge annehmen kann.
Mittelpunkt des religiösen Lebens ist die Kultstätte = Schrein (miya, jinja), an der die Schutzgottheit dauernd anwesend ist oder aber im Augenblick des Gebetes/Festes aus einer Anderen Welt (Berge, Himmel, Meer) gerufen wird. Die Verkörperung (go-shintai; Spiegel, Schwert usw.) oder der vorübergehende Sitz (yorishiro ; Zweig, Stange usw.) der Gottheit wird im Allerheiligsten (honden, „Haupthalle") aufbewahrt, davor liegt die „Bethalle", haiden. Den Eingang bezeichnen ein Balkentor torii, Symbol des Shinto überhaupt, und ein Wasserbecken zur kultischen Reinigung von Mund und Händen. Höhepunkte der Jahresfeste (matsuri) sind die Zeremonien der Feldbestellung im Frühjahr (vielfach als ritueller Arbeitsanfang an das Neujahrsfest herangezogen) und der Erntedank im Herbst, wobei norito-Gebete und Speiseopfer (Salz, Sake, Reis, Gemüse, Fisch) dargebracht, häufig auch Prozessionen von Tragschreinen oder Darstellungen der Besuchergottheiten durch Burschen in Maske und Verkleidung (Kulttänze, Theater) abgehalten werden. Als Priester fungieren jährlich wechselnde männliche Mitglieder der Kultgemeinde (toya, toban), ab dem Mittelalter auch erbliche und in der Gegenwart vor allem schulmässig ausgebildete, in einer Priesterhierarchie zusammengefasste Kultspezialisten (kannushi).
In allen Formen des Shinto findet sich der Glaube an die Existenz von kami, „höhere Wesen, Gottheiten", nicht als präexistent, allmächtig und absolut verstanden, sondern definiert als „spirituelle Kräfte, die im Prozess der Entstehung aller Dinge des Universums als wirkend erkannt werden". Die kami gründen sich in einer mystischen Lebenskraft (mono, philos. makoto) als Urgrund allen Seins - somit wird der Polytheismus der yaorozu no lcami, „80 Myriaden Gottheiten", harmonisch in einer Einheit aufgelöst. Die einzelnen kami sind durch ihr Wirken (aware) erkennbar. Die Welt ist Geschöpf der kami, die sich in ihr manifestieren: alle Dinge sind heilig als beseelte Wesen, kami selbst, oder deren Aufenthaltsort. Auch der Mensch ist nur graduell von kami verschieden. Das Leben und alle lebenserhaltenden Triebe werden bejaht, nur der Tod und alles, was zu ihm hinführt, werden als böse gemieden. Der Mensch ist grundsätzlich gut und fühlt ohne Moralkodex, was richtig ist (magokoro). Er kann jedoch auf vielerlei Arten durch Berührung mit ekelhaften Dingen, mit Tod, Krankheit oder durch Selbstsucht der Reinheit verlustig gehen. Rituelle Reinigung durch Waschungen usw., aber auch Reinheit des Herzens (Selbstlosigkeit) ist Voraussetzung für die Begegnung mit dem Göttlichen.
 


 

 

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