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Shiiten

Die Shiiten bilden nach den Sunniten die zweitgrösste Gruppe im Islam (jedoch zahlenmässig viel weniger bedeutend). Die Spaltung zwischen Sunniten, Shiiten und Kharidjiten erfolgte aus religions-politischen Gründen. Als der Umaiyade Mu'awiya, damals Gouverneur von Damaskus, sich gegen den Khalifen 'Ali (656-661) auflehnte und dieser sich zu einem Vergleich mit ihm überreden liess (im Jahre 660 bei Siffin), stellten sich die Sunniten auf die Seite Mu'awiyas, während die Shiiten in 'Ali den einzig legitimen Kalifen sahen. Sie nahmen Partei für ihn, und auch später hielten sie ihm, seinem Haus (seiner Frau, der Tochter Muhammads Fatima und deren Söhnen Hasan und klusain) sowie ihren Nachkommen die Treue.
Die Shiiten halten am Grundsatz der blutmässigen Abstammung von Muhammad als Bedingung zur Übernahme des Kalifenamtes fest. Wichtiger für sie ist jedock die religiöse Führungsrolle des Gesamtleiters der Gemeinschaft, des Imam, dessen Einsetzung ein göttliches Gebot sei. Der Imam ist Nachfolger 'Alis in seinem Amt und in seinen religiösen Kenntnissen, die er, so die Shiiten, dank einer besonderen Einweihung durch den Propheten Muhammad und dank einer besonderen Erleuchtung von Gott erhalten hatte. Damit wird der Imam praktisch zum einzig legitimen Führer der Gemeinschaft und zu einer fast unfehlbaren Instanz. Ihm wird sogar Sündenlosigkeit zugesprochen.
Die Shiiten lebten vornehmlich in der politischen Opposition und wurden immer wieder Gegenstand von Verfolgungen. Es ist ihnen nie gelungen, für längere Zeit einen eigenständigen Staat zu bilden. (Ausnahmen: die Zaiditen im Jemen, die Fatimiden in Ägypten [909-1171] und heute der Iran.) Daher bezweifeln sie die Legitimität islamischer Regimes. Eine Teillegitimität kann nur daraus erwachsen, dass der jeweilige Staat als Vorbereitungsphase auf die Wiederkunft des verborgenen Imam angesehen wird, welcher erst am Ende der Zeit kommen wird, um das Reich Gottes zu errichten und eine legitime Führung zu installieren, die nach den Geboten und Satzungen Gottes regieren wird. So gehört die Idee des Mandi, des messianischen rechtgeleiteten Imam, zu den tiefverwurzelten eschatologischen Erwartungen des Islam, vor allem der Shiiten.
Bedingt durch ihre Leidensgeschichte, die mit der Ermordung der zwei Söhne 'Alis, Hasan und tlusain, durch die Umaiyaden (diese Passion wird alljährlich am 'Ashura'-Fest wie ein Mysterienspiel aufgeführt) einen . Höhepunkt erreicht hatte, haben die Shiiten eine beachtenswerte Reflexion über das Leiden und seine Heilswirkung entwickelt sowie auf praktischem Gebiet das Prinzip der talciyya bejaht, d. h. Vorsicht und Verbergen des eigenen Glaubens und der eigenen religiösen Zugehörigkeit als Schutzmassnahme für das Leben ihrer Mitglieder.
In ihrer Geschichte suchten die Shiiten immer wieder eine Verbindung mit oppositionellen Kräften, so z. B. mit den Mtitaziliten und den Vertretern der Mystik. Ausserdem zeigten sie eine ziemliche Aufgeschlossenheit für fremdes Gedankengut, daher auch der Hang mancher ihrer Gruppierungen zum Synkretismus. Einige von ihnen bieten sogar das Erscheinungsbild von Sekten, und man gruppiert sie unter der gemeinsamen Bezeichnung: die „Extremen" unter den Shiiten (ghulat al-shra).

Die wichtigsten Gruppen innerhalb des Shiismus sind folgende:
1. Die Zaiditen erkennen nur fünf legitime Imame aus der direkten Nachkommenschaft 'Alis an. Der fünfte Imam hiess Zaid (starb 739), daher der Name Zaiditen. Sie treten für die Wahl des Imams ein. Der aus der Nachkommenschaft 'Alis gewählte Imam wird dann mit der Hilfe und der Erleuchtung Gottes ausgestattet sein. Die Zaiditen leben im Jemen. Sie folgten einem sichtbaren Imam, bis der letzte gestürzt und im Jahre 1970 eine Republik ausgerufen wurde. In ihrer Glaubenslehre und in den Grundsätzen ihres Rechtssystem stehen die Zaiditen den Sunniten sehr nahe.

2. Die Imamiten erkennen zwölf Imame als rechtmässig an, deshalb werden sie auch Zwölfer-S.hta genannt. Der zwölfte Imam, Muhammad ibn Hasan, soll von 874 bis 940 in kleiner Entrückung oder Verborgenheit gelebt haben und seit 940 in der grossen Verborgenheit weiterleben. Bei den Imamiten finden sich die deutlichsten Merkmale des Shrismus, wie sie oben erwähnt sind. Sie bilden die bedeutendste Gruppe unter den Shiiten und leben hauptsächlich in Iran, Afghanistan, Westpakistan, in einigen Gegenden Tadjikistans (Sowjetunion) und im Libanon.

3. Die Ismailiten gehören zu den sog. extremen Shiiten, die im Laufe der Zeit aufgrund der reklamierten Freiheit des Denkens sich immer weiter von der Orthodoxie des Islam und auch von den Imamiten entfernt haben. Sie legen keinen Wert auf die Blutsverwandtschaft mit dem Propheten Muhammad und erkennen nur sieben rechtmässige Imame bis Isma'il (gest. 760) an. Sie betonen die Bedeutung der inneren Erleuchtung des geistlichen Führers, die ihm göttliche Autorität und Unfehlbarkeit verleiht. Durch die Übernahme fremden Gedankengutes, vor allem gnostischer Richtung, haben sie eine esoterische Lehre entwickelt. Die IsmaIliten sind heute zahlenmässig eine kleine Gemeinde und leben hauptsächlich in Zentralasien, im Nordjemen, an den Ostküsten Afrikas und an der Westküste Indiens. Sie folgen ihrem Imam Agha Khan.


4. Zu den Extremen Shiiten gehören weiter folgende kleine Sekten:
- Die Nusairi oder 'Alawiten scheinen dem 'Ali einen göttlichen Kult zu widmen. Ihre Lehre ist eine Mischung aus islamischen, christlichen, gnostischen und altorientalischen Elementen. Ihre kleine Gemeinde lebt in Nordwestsyrien (im Berg der 'Alawiten).
- Die Drusen (seit dem 11. Jh.) scheinen den Fatimiden-Khalifen Hakim (Ägypten) zu vergöttlichen, der auf mysteriöse Weise verschwand. Ihre Geheimlehre ist nur einigen Eingeweihten bekannt. Sie glauben an die Wiederkunft des entschwundenen Hakim und an die Seelenwanderung. Sie leben heute im Berg Libanon, in Südsyrien und in Galiläa (Israel).
- Der Babismus wurde vom Iraner 'Ali Mubammad Shirazi (1819-1850) gegründet, der behauptete, er sei die Pforte (bab) zu neuen religiösen Erkenntnissen über die göttliche Wahrheit.
- Den Baha'ismus gründete der Iraner Mirza Husain (1817-1892), der Baha' Allah (Glanz Gottes) genannt wird. Diese synkretistische Religion mit universalistischem Anspruch unterhält fast überall Missionszentren.
 


 

 

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