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Bei der Diskussion um das
Selbst zeigen sich entsprechend verschiedene Ansatzpunkte und Sprachebenen,
für die sich ein Prozess wechselseitiger Beeinflussung feststellen lässt,
der aber für die Zukunft noch genauerer Untersuchungen bedarf.
a) Mystisch-spirituell: Die Kategorie Selbst bzw. mit Selbst gebildete
Kombinationen treten terminologisch zutage, wo in der Deutschen Mystik um
die Versprachlichung meditativ-mystischer Erfahrung und Methodik gerungen
wird und die Gegenwart Gottes in der Seele, im Seelengrund u. ä. zur Sprache
kommt. Selbst-Erfahrung und -Erkenntnis sind in diesem Zusammenhang noch
eindeutig Ort der Gotteserfahrung und -erkenntnis. Wenn J. Tauler dem
Menschen auf dem Weg dahin eine Art Selbst-Vernichtung bzw.
Selbst-Entäusserung abverlangt, dann hat das einmal in der Kontingenz bzw.
Schöpfungsabhängigkeit des Menschen, sodann aber auch in dessen
Sündhaftigkeit seinen Grund. Zugleich kündet sich aber die Unterscheidung
eines wahren Selbst an. Im wörtlichen Sinn „revolutionär" ist die Rede von
der göttlichen exinatio als der „Selbst-Vernichtung Gottes in der
Menschwerdung". In der Formel von der Selbst-Entäusserung bzw.
Selbst-Mitteilung Gottes in Jesus von Nazaret, wie sie vor allem in der
modernen Offenbarungstheologie zu finden ist, wirkt dieser Ansatz bis heute
weiter; er führt darin zugleich aus einem ethisch-asketischen Rahmen in
einen ontologischen hinüber, der die Gesamtwirklichkeit als solche in ihrer
wahren Konstitution betrifft.
b) Philosophisch wird Selbst im neuzeitlichen Ringen um Konstitution und
Verständnis menschlicher Subjektivität zu einem zentralen Moment des
Interesses, das vor allem im Deutschen Idealismus in den Reflexionen auf
Selbständigkeit und Unselbständigkeit, Selbst-Bewusstsein,
Selbst-Vergewisserung des menschlichen Subjekts u. ä. eine bedeutende Rolle
spielt. Epistemologisch unterscheidet Hegel Ich und Selbst, insofern das
Selbst-Bewusstsein als Gegenstand wesentlich auch sich selbst zum Inhalt hat
und sich in diesem Gegenüber zum Ich von diesem unterscheidet. Ich und
Selsbst sind aber dann nicht nur menschlich, sondern auch für Gott verwandte
Kategorien, so dass die Diskussion um den Prozess der Verwirklichung des
Selbst-Bewusstseins als des absoluten Geistes oder auch des allgemeinen
Selbsts auch in die religiös-philosophische Reflexion führt.
c) Psychologisch: C. G. Jung unterscheidet zwischen Ich und Selbst,
„insofern das Ich nur das Subjekt meines Bewusstseins, das Selbst aber das
Subjekt meiner gesamten, also auch der unbewussten Psyche ist. In diesem
Sinn wäre das Selbst eine (ideelle) Grösse, die das Ich in sich begreift".
„Als empirischer Begriff bezeichnet das Selbst den Gesamtumfang aller
psychischen Phänomene im Menschen. Es drückt die Einheit und Ganzheit der
Gesamtpersönlichkeit aus. Insofern aber letztere infolge ihres unbewussten
Anteils nur zum Teil bewusst sein kann, ist der Begriff des Selbst
eigentlich zum Teil potentiell empirisch und daher im selben Masse ein
Postulat. Mit anderen Worten, er umfasst Erfahrbares und Unerfahrbares bzw.
noch nicht Erfahrbares". Insofern das Unbewusste in den Gesamtbereich des
Psychischen hineinreicht, finden die vielfältigen Äusserungen des
Unbewussten analytisches Interesse: die Träume, Mythen und Märchen mit dem
Selbst in der Figur übergeordneter Persönlichkeiten (König, Held, Prophet,
Heiland) oder eines Ganzheitssymbols (Kreis, Viereck, Kreuz) oder auch als
Spiel von Gegensätzen (Yin - Yang, Licht und Schatten u. a.). Hier ist das
Selbst keine philosophische Idee mit einer eigenen Existenz, wohl aber „eine
archetypische Vorstellung, die sich von anderen Vorstellungen solcher Art
dadurch auszeichnet, dass sie entsprechend der Bedeutsamkeit ihres Inhaltes
und ihrer Numinosität eine zentrale Stellung einnimmt". Von hier aus ergeben
sich bei C. G. Jung Anlässe, nicht nur im Christentum (vgl. hier u. a. die
psychologische Deutung des Trinitätsdogmas in: Werke XI), sondern auch in
anderen, zumal den asiatischen Religionen nach Wegen und Weisen der
Selbst-Verwirklichung zu forschen, um so den Weg zum Selbst als der Reifung
zur vollen Persönlichkeit, zur Selbst.-Verwirklichung bzw. Individuation zu
eröffnen.
d) Hinduistisch-buddhistisch wird - wie schon unter 1. gesagt - der Disput
um atman/anatman in abendländischen Sprachen terminologisch heute weitgehend
im Begriffsfeld um Selbst, Nicht-Selbst bzw. Selbst-Losigkeit ausgetragen.
Entsprechend greifen nicht selten asiatische Autoren bei ihren Versuchen,
die eigenen Vorstellungen in den abendländischen Denkhorizont zu übertragen,
auf die unter a-c genannten Ansätze zurück. Das ist vor allem für die
Vertreter der philosophischen Kyoto-Schule der Fall (vgl. K. Nishitani), wo
sich die Diskussion um das absolute "Nichts (Nirvana) bzw. die Leere (Shunyata)
als die Kehrseite der Diskussion um das wahre Verständnis von Nicht-Selbst/Selbst-Losigkeit
erweist. Im Blick auf das christliche Selbst-Verständnis wird dabei die beim
paulinischen „heauton ekbiosen" ansetzende kenotische Christologie bzw.
Theologie, die die Selbst-Mitteilung Gottes als radikale
Selbst-Entäusserung, Selbst-Verleugnung, ja Selbst-Losigkeit Gottes bzw. als
Vollzug göttlichen Nicht-Selbst versteht, zu einem der wichtigsten
Berührungspunkte zwischen Christentum und Buddhismus, auf die Dauer
vermutlich auch zwischen Christentum und Hinduismus.
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