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Schuld/Sünde - im Judentum

1. Die urspr. Bedeutung von chet (Sünde) scheint mit „verfehlen" zusammenzuhängen, z. B. wenn ein Schütze mit seinem Pfeil das Ziel verfehlt. Das Wort kann manchmal jede Art von Verfehlung bezeichnen (z. B. Gen 40,1, Pharaos Bäcker und Mundschenk), wird aber meistens von Verfehlungen gegenüber Gott gebraucht und erscheint als Synonym nicht nur von Schuld (aschmah), sondern auch von Bosheit (z. B. der Einwohner von Sodom und Gomorra, Gen 13,13). Da das Grundprinzip des Judentums die Erkenntnis ist, dass der Schöpfergott auch der Offenbarungsgott ist (wobei es nicht um die Offenbarung seines Wesens, sondern - abgesehen vom rettenden Heils-eingreifen etwa bei der Befreiung aus Ägypten - seines Willens geht), wird das richtige Leben als „auf Gottes Stimme hören" (hören = ge-hor-sam sein, ge-hor chen), „auf Gottes Wegen wandeln" usw. bezeichnet. Jedes Abweichen davon ist Sünde bzw. Schuld.

2. Die Vergehen, welche als Sünde, Schuld u. ä. bezeichnet werden, können rituell-kultischer Art sein, doch hat sich der Schwerpunkt, u. a. unter dem Einfluss der prophetischen Predigt, auf „ethische" Inhalte verschoben, auch wenn natürlich jedes Abweichen von der strikten Gesetzesobservanz (Sabbatgebot, Speisevorschriften u. ä.) gleichermassen als Sünde gilt. Jedenfalls gilt es daran festzuhalten, dass auch die sog. rein „ethischen" Werte göttliche Imperative sind und daher eine moralisierende Verflachung des Sünden-Begriffs innerhalb der jüdischen Theologie unmöglich ist.

3. Wenn auch Gedankengänge, die dem Begriff der „Erbsünde" ähnlich sind, gelegentlich auftauchen (etwa in der Kabbalah), so gibt es keinesfalls ein solches Dogma. Die Betonung des freien menschlichen Willens gibt dem Judentum einen semi-pelagianischen Charakter, obwohl der Mensch von Anfang an mit dem „bösen Trieb", d. h. dem Hang, seinen Lüsten zu folgen, belastet ist. Daher gibt es auch die Gebote, die den Menschen an seine Pflicht und an Gottes Gebot erinnern (vgl. Num 15,39-40; Dtn 6,6-9).

4. Die rabbinische Literatur, wie auch schon die Tora, unterscheidet zwischen absichtlichen und unabsichtlichen Verfehlungen sowie auch zwischen Schweregraden der Verfehlungen (solchen, die die Todesstrafe und solchen, die leichtere Strafen, z. Z. des Tempels auch Sühneopfer, erforderten). In allen Fällen sind ausdrückliches Schuld-Bekenntnis, Reue und der feste und ehrliche Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, notwendig. Wer Busse tut in der Absicht, wieder zu sündigen, um dann wiederum Busse zu tun, „verliert die Fähigkeit zur Umkehr". Der Terminus technicus für Busse ist teschuwah (griech. metanoia, Umkehr, von M. Buber als „Gesinnungsänderung" übersetzt), sich vom falschen Weg abwenden und zu Gottes Weg zurückfinden. Prinzipiell ist jede Sünde vergebungsfähig, da, wie es ein mittelalterlicher Rabbi formulierte, „es unmöglich ist, dass die menschliche Fähigkeit zu sündigen grösser und mächtiger sei als die verzeihende göttliche Gnade". Daher ist auch die paulinische Problematik und die aus ihr erwachsende Christologie dem jüdischen Denken fremd und unverständlich.

5. Da das göttliche Heilswalten (Erwählung, Erlösung aus Ägypten, Landesverheissung, Offenbarung am Sinai) und der göttliche Auftrag, ein heiliges Volk zu sein, ganz Israel betreffen, sind auch Schuld und Sühne mehr als rein individuelle Kategorien. Die prophetische Mahnung, Drohung und Anklage wie auch Trost- und Hoffnungsverheissung sind an das ganze Volk gerichtet, welches sich sowohl in seiner Sündhaftigkeit und Verschuldung als auch in seiner „Umkehr" als solches solidarisieren muss. Daher wird in den Bussgebeten, und besonders am „Grossen Versöhnungstag" (Jom Kippur), das Sünden-Bekenntnis im Plural rezitiert. Der Grosse Versöhnungstag hat gleichsam sakramentalen und sündenvergebenden Charakter, der seinerseits aber nur dann wirksam wird, wenn er von echter Busse begleitet ist. Die rabbinische Theologie unterscheidet zwischen Verfehlungen Gott allein gegenüber (z. B. rituelle und Gesinnungs-Sünden) und solchen, die den Mitmenschen betreffen. Letztere werden nur dann gesühnt und verziehen, wenn der Sünder sich erst mit dem geschädigten und gekränkten Mitmenschen versöhnt hat.

6. Praktisch unvermeidlich ist - wie in allen Religionen - die Tendenz zur Quantifizierung von Sünde und Schuld, besonders in der Pönitential-Literatur. Nicht ohne Interesse ist das Verständnis der Rabbiner für den dialektischen Charakter von Sündlosigkeit, Sündhaftigkeit und Reue (vgl. den Ausspruch „Die Sündlosen reichen nicht an den Stand der wahrhaft reuigen Sünder heran"), wobei vorausgesetzt wird, dass es auf Erden keinen vollständig sündenfreien Gerechten geben kann. Die jüdische Moral-Literatur betont immer wieder, dass gerade die Bibel ausführlich über die Verfehlungen der Erzväter, des Mose, Davids usw. berichtet und diese nicht vertuscht.
Entsprechend betont die biblische Historiographie immer wieder die Sündhaftigkeit die Abgötterei Israels. Manche moderne jüdische Forscher halten diese Berichte freilich für übertrieben und von der Theologie bzw. Ideologie der biblischen Verfasser motiviert. Nach ihnen wurde Israel immer wieder von Katastrophen und feindlichen Angriffen, Verwüstungen u. a. heimgesucht, und da solche Heimsuchungen als göttliche Strafe gedeutet wurden, mussten die Verfasser, ihrer eigenen Geschichtstheologie gemäss, die entsprechenden Sünden erfinden oder doch dramatisieren.
 


 

 

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