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1. Die christliche Rede
von Schuld und Sünde begründet sich in der theologischen Sicht des Menschen
als eines in Freiheit geschaffenen und zur Gemeinschaft mit Gott berufenen
Wesens. Sünde ist die schuldhafte Selbstverfehlung dieser Freiheit, d. h.,
sie ist Negierung der kreatürlichen Abhängigkeit von Gott als des absoluten
Woher und Woraufhin des Menschen und damit die Ablehnung des Geschenks
göttlicher Gnade. Die Möglichkeit solcher Selbstverfehlung ist der
menschlichen Freiheit wesenhaft zu eigen, sie ist einbeschlossen im Paradox
kreatürlicher Freiheit, demgemäss der Mensch zwar sich als total beansprucht
erfährt, in dieser Abhängigkeit dennoch aber seine ihm wesenseigene Freiheit
und Menschlichkeit zu missbrauchen und verkehren vermag. Die eigentliche
Radikalität menschlicher Selbstverfehlung in der Sünde erhellt jedoch erst
aus der Botschaft von Tod und Auferstehung Jesu Christi als des
fleischgewordenen Logos. Im Glauben an die Erlösung durch Christus weiss der
Mensch erst zuverlässig, wie es um ihn steht: Er erkennt seine absolute
Heilsunfähigkeit in der Sünde, die er aus eigenen Kräften nicht zu
überwinden vermag, er weiss aber ebenso um die Definitivität der Heilszusage
Gottes, kraft deren er auch angesichts der menschlicherseits unentrinnbaren
Schuld-Verstrickung Hoffnung zu haben vermag.
2. Sünde ist jedoch kein rein intrapersonales Geschehen, sondern erfasst,
gerade weil sie keinen anderen Ursprung hat als den der freien Tat einer
menschlichen Person, die gesamte Lebenswirklichkeit des Menschen. Als
existentielle Wirklichkeit ereignet sie sich notwendig auch in all den
Relationen, in denen der Mensch mit seiner Welt verbunden ist. So wie alle
Akte des Menschen stets verleiblichte Akte sind, hat auch die Sünde als
Ungehorsam gegenüber Gott ihre konkrete Gestalt in der Kategorialität
leibseelischer Einzelvollzüge, d. h. in den Sünden. Als konkrete
Einzel-Sünde begegnet sie sowohl im Tun wie auch im Unterlassen, sie zeigt
sich ebenso als freiheitsvermindernder Entscheid, der die innere
Handlungsintegrität des je konkreten Menschen tangiert, seinen Willen
schwächt und seine Einsicht verdunkelt, wie auch als manifester Verstoss
gegen die mitmenschliche Solidarität, der oft in subtilster Weise die
Grundrelationen von Nächstenliebe und Gerechtigkeit untergräbt. Im letzteren
Fall spricht man auch in analoger Weise von „sozialer Sünde" (vgl.
Reconciliatio et paenitentia 16), nicht um den einzelnen von seiner
Verantwortung freizusprechen, sondern um die strukturelle Dimension
menschlichen Unrechts, wie sie in der Missachtung der Menschenrechte und der
Rechte der Völker heute zutage tritt, deutlicher zu kennzeichnen. Gleichwohl
ist auch die soziale Sünde die Wirkung sittlich schlechten Freiheitsvollzugs
und der Negierung kreatürlicher Abhängigkeit von Gott.
3. Diese Handlungs- und Geschehenswirklichkeit menschlicher
Schuld-Verhaftung tritt bereits im Sünden-Verständnis des Alten Testaments
eindringlich zutage. Wie die Hamartiologie von Gen 3-11 zeigt, sind
umfassende Entfremdung und Dissoziation des Menschen von sich selbst, der
Natur und den Mitmenschen die konnaturale innere Folge der Verabsolutierung
des eigenen Selbst. In wachsendem Masse geht die Sünde auch in die
Objektivationen menschlichen Handelns ein (vgl. den Turmbau zu Babel, Gen
11,1-9) und bestimmt durch sie die Situation menschlicher Freiheit mehr und
mehr mit. Sei es, dass die bösen Taten sich zu Wirklichkeiten quasi
dämonischer Art verdichten (vgl. Gen 4,7), sei es, dass Jahwe selbst über
die schicksalswirkende Tatsphäre wacht (vgl. Spr 11; 25-29), in jedem Fall
hat die Sünde als Verfehlung gegenüber Jahwe, als Abweichung von Gott oder
gar als Bruch der Gemeinschaft mit Gott lebensmindernde Folgen, die den
einzelnen wie auch das ganze Volk betreffen können. Das Spezifische des
alttestamentlichen Sünden-Verständnisses besteht aber nicht nur in einem
ausgeprägten Sinn für die vielschichtigen Strukturzusammenhänge schuldhaften
Vergehens, sondern auch in der allmählichen Verlagerung des Schwergewichts
vom objektiv betrachteten Tatbestand zu den theologisch-ethischen
Dimensionen des Schuld-Geschehens selbst. Vor allem die prophetische
Tradition kritisiert hierbei sowohl die Verkürzung auf ein bloss
kultisch-rituelles Verständnis von Schuld und Umkehr als auch die
Missachtung der dem Bund Jahwes mit Israel entsprechenden Sozialordnung.
Ausbeutung und Unterdrückung der Armen wiegen in ihrer Schuldhaftigkeit
deshalb so schwer, weil sie Bruch und Leugnung des neuen in Exodus und
Landgabe begründeten Heilsverhältnisses darstellen. Sosehr auch im Alten
Testament noch zeitbedingte und kulturspezifische Vorstellungsformen wirksam
sind, die entscheidende Formung und Vertiefung erfährt das alttestamentliche
Sünden-Verständnis aus dem Verhältnis zu Jahwe als dem geschichtlich
offenbaren Gott Israels, der sich seinem Volk zuwendet und zu Gefolgschaft
und religiös-ethischer Heiligung ruft.
4. Im Neuen Testament verdichtet sich das Sünden-Verständnis auf den
Widerspruch zur leben-stiftenden gnadenhaften Selbstmitteilung Gottes in
Jesus Christus. In dieser Konzentration sprechen vor allem Joh und Paulus
nicht mehr so sehr von den Sünden als Vielzahl einzelner Taten, sondern von
der Sünde als dem zutiefst unheilvollen Akt des Sichversagens gegenüber dem
Geheimnis des lebendigen Gottes. Sünde im eigentlichen, d. h. theologischen
Sinn ist die Weigerung des Menschen, sich von Gottes Gnade beschenken zu
lassen, das Angebot des Lebens anzunehmen; sie ist die Verweigerung des
Glaubens, d. h. Unglaube. Bei Joh zeigt sich dieser Zusammenhang als die
Ablehnung des Logos (Joh 1,11; 3, 19). Sie äussert sich in verkehrter Liebe
zur Finsternis des Kosmos und resultiert in Angst. Dieser Zusammenhang von
Ablehnung wahren Lebens, Unglaube und Angst bestimmt auch das paulinische
Sünden-Verständnis. Für Paulus liegt der Grundwiderspruch der Sünde im
Streben, das Leben aus eigener Kraft zu beschaffen, aus sich allein heraus
existieren zu wollen. Sünde ist die Verleugnung der Grundbestimmung der
Geschöpflichkeit, d. h., wie Gott sein zu wollen. Dieser sündige Wahn aber
kennt viele Weisen, deren Nichtigkeit erst im Lichte der Selbsterniedrigung
Christi (Phil 2,6-11), den Gott für uns zur Sünde gemacht hat (2 Kor 5,21),
voll erkennbar ist. Das Verlangen nach Selbstmächtigkeit nötigt den Menschen
nur um so mehr, sein Selbst in verfügbaren Sicherheiten zu gewinnen. Was
immer er erreicht, hält er sich selbst zugute. Sünde besitzt daher für
Paulus vor allem den Charakter des Selbstruhms. Da aber alle menschlichen
Leistungen sich als vergänglich erweisen und die daraus erwachsene
Sicherheit immer gefährdet bleibt, gerät der Mensch in Sorge, Angst und
immer grössere Betriebsamkeit. Neid und Missgunst breiten sich aus und
beginnen den Menschen selbst zu überwältigen. In dem Masse aber, ob er an
seiner eigenen Endlichkeit festhält, verlieren seine Freiheit und seine
Liebe ihre Mächtigkeit. Die Wirklichkeit seiner Sünde schlägt auf ihn zurück
und endet in „Ohnmacht zur Liebe".
Am tiefsten freilich offenbart sich für Paulus der sündige Wahn, sich auf
seine Leistung zu verlassen, erst unter dem Gesetz. Das Gesetz, welches für
ihn die Tora, dann aber das ganze Alte Testament umfasst und Inbegriff der
sittlichen Forderung ist, vermittelt zwar den unverbrüchlichen und heiligen.
Willen Gottes, der Mensch aber lässt es sich nicht als lebenstiftende
Weisung begegnen, sondern missbraucht es als Mittel der Selbstsicherung und
Selbstrechtfertigung. So jedoch wird das Gesetz zum Zuchtmeister, es lässt
den Menschen erst die Sünde kennenlernen, macht die Sünde gross und weckt
sie auf. In der Erfahrung mit dem Gesetz enthüllt sich in aller Schärfe die
adamitische Situation als unheimlicher Widerspruch nicht nur zwischen dem
fleischlichen Menschen und dem Gesetz, sondern zwischen Wollen und Tun im
Ich des Menschen selbst, zwischen dem von ihm erstrebten und bejahten Guten
und dem nicht gewollten, aber ständig nur erreichten Bösen. Die Ursache für
diese Diastase zwischen der Erkenntnis der Gesetzesforderungen und der
Ohnmacht, sie zu erfüllen, liegt nicht im Gesetz selber, sondern in der
Sünde als des eigentlichen Unheilsfaktors. Diese Verlorenheit ist jedoch
kein Einzelfall, sondern kennzeichnet die Situation der gesamten Menschheit
in ihrer Geschichte. Erst hier wird die unheilvolle Macht der Sünde in ihrem
vollen Umfang deutlich. Eine Erklärung dafür, warum die Menschheit restlos
gescheitert ist, und zwar unentschuldbar, gibt Paulus nicht. Sein Interesse
- wie überhaupt das Interesse des Neuen Testaments - ist bestimmt von der
universalen Heilsbedeutung Christi als des Zweiten Adam und der Überwindung
der Sünde durch Christus, durch den sich der Mensch vom Fluch des Gesetzes
losgekauft weiss.
5. Obgleich die unheilvolle Wirklichkeit menschlicher Fehlbarkeit einer
letzten Erklärbarkeit entzogen ist und die Sünde für M. Luther
gewissermassen „geglaubt" werden muss, bedarf die christliche Rede von Sünde
und Schuld der anthropologischen und ethischen Vermittlung, um sie vor
Verkürzung und vor Verfälschung durch neue Dualismen und
Selbsterlösungstheoreme bewahren zu können. Die theologische Reflexion sucht
dieser Aufgabe dadurch gerecht zu werden, dass sie zum einen den
Widerspruchscharakter der Sünde im Hinblick auf die Eigenart sittlicher
Beanspruchung deutet, zum anderen den Machtcharakter der Sünde von der
Geschichtlichkeit menschlicher Existenz und ihrer Gebrochenheit her
interpretiert und schliesslich den Handlungscharakter der Sünde als eine
Wirklichkeit bedenkt, die konkret nur im verleiblichten Vollzug einzelner
Taten begegnet.
Sünde ist nicht einfachhin die Übertretung eines göttlichen Gebotes, sondern
entgegen legalistischer Verkürzung ist Sünde als Schuld vor Gott
ursprünglich auf das sittliche Sollen schlechthin bezogen, wie der Mensch es
im Urgewissen erfährt und als oberstes Prinzip der praktischen Vernunft
(„das Gute ist zu tun, das Böse zu vermeiden") erkenntnismässig erfasst. Im
christlichen Verständnis ist dieser Anspruch kein anonymer Ruf des Seins im
Sinne einer offenen Frage am Horizont der Existenz, sondern die personale
Begegnungswirklichkeit des absolut Guten. Von daher hat die theologische
Reflexion die Abkehr von Gott in der Sünde im Zusammenhang mit der
ungeordneten Selbstliebe und der Hinwendung zu den geschaffenen,
kontingenten Gütern betrachtet. Im Hinblick auf das Gute hat die Sünde so
gesehen stets defizitären Charakter. Die ontologische Betrachtungsweise der
Sünden-Wirklichkeit als Mangel an Gutem hat ihre Sinnspitze im entschiedenen
Kampf gegen alle dualistischen Verdinglichungsversuche der Sünde als ein an
sich seiendes Böses (z. B. auch in Form moderner Projektionsmechanismen).
Sie allein reicht jedoch nicht zu, um auch das Versagen von Freiheit und
Verantwortung adäquat zu erfassen. Dies gelingt erst dort, wo man den
sittlichen Auftrag des Menschen als seine Verantwortung für die sittliche
Ordnung interpretiert, gemäss der er aktiv für die Seinsgestaltung
sittlicher Normen Sorge zu tragen und darin seiner Würde als Gottes Ebenbild
zu entsprechen hat. Gerade der Blick auf diese ursprüngliche Beauftragung
des Menschen zur sittlichen Selbstgesetzgebung vermag das Sünden-Verständnis
entscheidend zu vertiefen. Die Schuldhaftigkeit der Sünde zeigt sich nicht
allein im Gegenüber zu einer Norm, die es zu erfüllen gilt, sondern vor
allem in jenem Unterlassen, das es nicht wagt, für eine gerechtere
sittlich-institutionelle Ordnung Sorge zu tragen, sondern glaubt, sich auf
bequeme Weise aus der Verantwortung stehlen zu können. Diese oft geschickt
getarnte Weigerung, wie sie in der modernen Literatur eindringlich
beschrieben wird (vgl. A. Camus, F. Dürrenmatt, M. Frisch) ist, theologisch
gesehen, nichts anderes als die Selbstverweigerung gegenüber der aktiven
Teilhabe an Gottes Vorsehung für diese Welt. Sie ist auch in besonderer
Weise dazu angetan, der unheilvollen Macht der Sünde Raum und Wirksamkeit zu
verschaffen, welcher alle Menschen ausgeliefert sind, da alle gesündigt
haben.
Die Lehre von der Erbsünde ist der Versuch, in einer zum Begriff der
persönlichen Sünde freilich nur analogen Sprechweise die allgemeine
Unheilssituation zu kennzeichnen, durch die vorab aller individuellen
Entscheidung die Freiheit des Menschen je schon innerlich in Gnadenlosigkeit
situiert ist. Es ist die Gemeinsamkeit im Versagen und die Solidarität in
der Sünde, deren Abgründigkeit sich in dem Masse auftut, als man sie aus dem
Wesen von Freiheit und Geschichtlichkeit zu erschliessen sucht. Die
Vorstellung von der Weitergabe der Erb-Sünde durch Abstammung und nicht
durch Nachahmung ist der anthropologische Ausdruck nicht eines zeitlichen
Ursprungs der Sünde, sondern einer universal-geschichtlichen Anfänglichkeit.
Das Geheimnis dieses Anfangs ist kein anderes als das der Freiheit
schlechthin, welche ihrer Struktur nach immer schon als kommunikativ nach
einem allg. Prinzip gedacht werden muss.
Von der einen Geschichte des Menschen her betrachtet, stehen auch die
Einzeltaten nicht beziehungslos nebeneinander und nicht bedeutungslos dem je
eigenen personalen Grundentscheid gegenüber. Die Beschreibung von Sünde nach
objektiver Schwere (leichte - schwere Sünde) bzw. freiheitsverkehrender
Intensität (lässliche -Tod-Sünde) sucht diesen Zusammenhang einer
praktischen Beurteilbarkeit im konkreten Fall zugänglich zu machen. Wie
menschliches Handeln schlechthin nur im Horizont von Sittlichkeit zu
erfassen ist, so erschliesst sich auch der wirkliche Charakter menschlicher
Verfehlungen nur in ihrer Verbindung mit der inneren Haltung, um die der
Mensch primär nur im bekennenden Anerkennen seiner Schuld weiss. Die
christliche Rede von Schuld und Sünde erweist ihre Realistik freilich nicht
einfachhin dadurch, dass sie den Menschen unabweisbar mit seiner eigenen
Schuld konfrontiert, sondern darin, dass sie ihn im Kampf gegen das Böse mit
dem Sieg konfrontiert, den Gott selbst in seinem Sohn über den Tod bereits
errungen hat.
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