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nicht zuletzt auch literarisch als
Sinnfrage gestellt.
Einen ersten Lösungsansatz bietet die Vorstellung vom Götterkampf, aus dem
die Menschenschöpfung hervorgeht (Dionysosmythos: aus der Asche der Titanen
erschaffen, sind im Menschen göttliche und titanisch-böse Elemente
vermischt). Das Böse ist also göttlicher Provenienz und bestimmt ontologisch
den Menschen. Die griech. Philosophie entwickelt dagegen dualistische
Theorien. Plato (vgl. auch Aristotelismus und Stoa) begreift das Böse als
passives Prinzip, dessen Überwindung Aufgabe des Demiurgen ist. Epikur nimmt
das Böse als Beweis für Ohnmacht bzw. Belanglosigkeit der Götter. Die Gnosis
(Manichäismus) verschärft den Dualismus zur nicht vermittelbaren Differenz
zwischen Geist und materieller Welt. Das Böse verstofflicht sich als
Materie. Diese ist radikal zu überwinden. In Auseinandersetzung damit lehren
die frühen Kirchenlehrer (Klemens, Origenes, Augustinus) die freie
Verantwortung des Menschen für sein böses Tun, das sich als Widerspruch zu
Gott (Gott als „der Gute" an sich) darstellt. Für Thomas v. Aquin ist das
Böse kein Seiendes, sondern ein Mangel und Gott Schöpfer allen Seins, nicht
aber des Bösen. Die reformatorischen Theologen sehen das Böse in der
Wesensmitte des Menschen manifest (vgl. auch Schleiermacher: Grundbestimmung
der menschlichen Existenz als Widerspruch zu Gott).
Mit der Aufklärung und der Philosophie der Subjektivität verändert sich die
Blickrichtung. Gefragt wird nach der Begründung für die Unmenschlichkeit des
Menschen. I. Kant ortet sie in der Freiheitstat des intelligiblen Subjekts.
Das Böse ist kein ontologisches Element des Menschen oder äussere Macht,
sondern ergibt sich aus seinem Gebrauch von Freiheit und Vernunft. K. Marx
fragt nach dem Bösen als gesellschaftliche Wirklichkeit. Die
Unmenschlichkeit des Menschen ist eine Folge der gesellschaftlichen
Bedingungen („ökonomischer Sündenfall" - Entfremdung) und nur durch ihre
Veränderung im autonomen gesellschaftlichen Prozess zu erreichen. Die
Aufhebung der Herrschaft einer Klasse über die andere und die Umorganisation
der Arbeit in der klassenlosen Gesellschaft heben auch das Böse auf. Für S.
Freud ist das Böse psychoanalytisch erklärbar. Er definiert es als
„Triebschicksal" des Menschen. Durch entwicklungsgeschichtliche und
Umweltbedingungen (Unterdrückung der kindlichen Triebbedürfnisse) kommt es
beim Kind zu einem Selbstbestrafungsmechanismus (Über-Ich), der zu
neurotischer oder psychosomatischer Krankheit führt. Diese drückt sich u. U.
mehr oder weniger in Aggressivität aus. Die Möglichkeit einer Veränderung
des Menschen wird infolge dieser deterministischen Tendenz in seiner Theorie
von Freud zumindest stark bezweifelt. C. G. Jung und die daseinsanalytische
Schule erkennen dagegen an, dass es auch Böses gibt, das aus dem Widerspruch
des Menschen gegen sittliche Normen entsteht. Sexualökonomische Theorien
(Reich, Plack) stellen die Frage nach der Triebstruktur ebenfalls im
gesellschaftlichen Kontext. Erst eine Befriedigung aller Triebbedürfnisse
befriedet die Gesellschaft und unterdrückt das Böse. H. Marcuse u. a. haben
diese Theorie insofern differenziert, als sie zwischen Grund- und
Sekundärbedürfnissen unterscheiden und grundsätzliche Ordnungsstrukturen
anerkennen.
Alle Theorien, die das Böse nicht als dualistisches Prinzip, bloss
gesellschaftlichen Prozess oder deterministische Konstitution verstehen,
kennen den Begriff der Schuld als Symbol des dem Subjekt verantwortlich
zurechenbaren Bösen. Schuld setzt sittliche Freiheit voraus. Sie realisiert
sich als Tat des intelligiblen Subjekts, die vernunftgemäss erkannten
sittlichen Normen widerspricht. Im Spruch des Gewissens wird sie bewusst.
Religiös wird sie als Sünde begriffen. Sünde bedeutet Schuld vor Gott, als
aversio a deo. Sie ist immer Zeichen einer Grundhaltung, in der der Mensch
seiner Berufung als Erlöster widerspricht. Sie hat Relevanz für die
zwischenmenschliche Gemeinschaft wie für die Beziehung Gott - Mensch. Als
aversio verlangt sie grundsätzlich nach conversio und Versöhnung in
ganzheitlichem Sinn.
Wo Sünde als Macht aufscheint, die nicht mehr individuell personal
zugerechnet werden kann, sondern den einzelnen und die menschliche
Gemeinschaft ergreift, belastet und bedroht, ist von strukturaler Sünde die
Rede, die jenseits einer konkret festlegbaren schuldhaften Ur-Tat, die
Gebrochenheit der menschlichen Kreatur deutlich macht. Sie darf jedoch nicht
einfachhin als Schuld und Sünde „der Welt" verstanden werden, sondern
schliesst immer das freie personale Handeln des einzelnen mit ein.
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