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1. Allg. kann man in der
Umwelt der Bibel wie in ihr selbst mehrere Auffassungen von Sünde finden,
die aber nicht in einer klaren Entwicklungsfolge oder räumlicher Abtrennung
auftreten, sondern gleichzeitig nebeneinander bestehen:
a) Die bei weitem am meisten verbreitete Vorstellung betrachtet Sünde als
eine Macht, als ein Fluidum mit geradezu materiellen Eigenschaften; sie hat
ihren Sitz z. B. in Kadavern, in unreinen Tieren, im Menstruationsblut; man
infiziert sich mit ihr durch Berührung, auch durch unwissentliche; sie
verunreinigt den Menschen, schädigt ihn wie eine Krankheit, raubt ihm seine
Lebenskraft und seinen Erfolg; von den negativen Konsequenzen können auch
die Familie, der Stamm oder das ganze Volk und Land betroffen sein
(Solidarhaftung); Reinigung von solcher Sünde erfolgt durch kultisches
Abwaschen, Abwischen oder Forttragen (Reinheit).
b) Sünde als Verstoss gegen die von den Göttern erlassenen Gebote, dabei
handelt es sich zumeist um kultisch-rituelle Gebote, deren Vernachlässigung
den Zorn und das Strafgericht der Götter verursacht: da Unterlassen
bestimmter heiliger Zeremonien Fehler in der Durchführung des Rituals
Missbrauch der göttlichen Gaben oder Bruch von Tabus, vor allem von Verboten
sexueller Praktiken wie Vergewaltigung, Inzest, Sodomie; gesühnt werden
solche Vergehen durch Sünden-Bekenntnis und Opfer, in schlimmen Fällen durch
Ausmerzung, d. h. Tötung, des Sünders.
c) Sünde als intellektueller Defekt, als Torheit, Unwissenheit und Irrtum.
d) Sünde als ethisches Fehlverhalten gegen Mitmenschen: die Summe des
Handelns legt sich als „schicksalswirkende Tatsphäre" um den Menschen herum
und bestimmt sein Ergehen; Gutes tun steigert die Lebenskraft, Böses tun
mindert sie bis hin zum Tod; beliebt sind ausformulierte Sünden- und
Lasterkataloge, die einen tiefen Blick zumindest in die ethische Theorie der
jeweiligen Kultur gestatten.
e) Sünde als Hybris, in welcher der Mensch die Grenze zwischen irdischer und
himmlischer Welt überschreiten will und so den unstillbaren Neid und den
Zorn der Götter erregt, was eine individuelle oder kollektive Katastrophe
zur Folge hat.
2. Die konkreten Vorstellungen in den einzelnen Quellen sind
ausserordentlich vielfältig. Für die ägyptischen Religion kommen die
Sünden-Bekenntnisse und das 125. Kapitel des Totenbuches, das ein sehr hoch
entwickeltes ethisches Ideal bezeugt, besonders in Betracht. In Mesopotamien
beweist die grosse Masse der Busspsalmen und Gebetsbeschwörungen eine
allgegenwärtige Furcht, mit (kultischer) Sünde in Berührung gekommen zu sein
oder sich durch Unterlassungs-Sünde, etwa durch mangelnde Pflege der
Verstorbenen, böse Unterweltsgeister zugezogen zu haben. Die Vorstellung von
einem postmortalen göttlichen Gericht, in welchem Sünde mit Strafen
vergolten wird, ist hier freilich nicht belegt.
Demgegenüber kennt die altpersische Religion wie auch die Zarathustras eine
hohe Bedeutung der Taten für den Weg der Seele nach dem Tode: Wer (ethisch
und religiös verstandene) Sünde getan hat, kann die Brücken über die
Unterweltströme zum seligen Himmel hin nicht überschreiten, sondern stürzt
in die Hölle hinab.
Neben und gegen die Vorstellung von der unausweichlichen Haimarmene gibt es
auch eine griechische Sünden-Konzeption, die neben einem Verstoss gegen den
ständig durch Orakel zu erfragenden Willen der Götter vor allem die Hybris
(Prometheus, Niobe), die törichte Masslosigkeit (Midas), aber auch die
tragische Verstrickung zwischen den Pflichten (Antigone) kennt.
In der synkretistischen Religion der Gnosis kann von Sünde des Menschen
eigentlich keine Rede sein; der Kern des Menschen, der von der allein bösen
Materie in seinem Innern eingeschlossene Lichtfunke, ist göttlich-gut. Die
Einsicht in diese ontische Wahrheit bedeutet das Erwachen, die Erlösung;
Sünde ist nicht mehr möglich, sondern dem eingeweihten Pneumatiker ist
dieser sarkischen Welt gegenüber alles erlaubt, sei es in libertinistischer
oder in asketischer Verachtung.
In Qumran begegnet ein sehr tiefes Gefühl der Unreinheit und fundamentalen
Sündhaftigkeit. Die Fülle der rituellen Bäder und die Bussstimmung der
Psalmen zeigen das intensive Bemühen um rituelle Reinigung und Entsühnung.
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