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Schicksal ist die allg.
Bezeichnung für alles Unabwendbare, das ohne eigenes Zutun eintritt und das
menschliche Lebenslos massgeblich bestimmt. Zu allen Zeiten hat daher die
Schicksals-Problematik die Menschheit beschäftigt. Besonders ausgeprägt war
diese Diskussion im alten Griechenland und bei den Römern. Die griechische
Zufalls- und Schicksals-Göttin Tyche, die der römischen Göttin Fortuna
entspricht, durchkreuzt die Pläne des Menschen und weist so auf das
Unbeständige, das Zufällige hin. Auch in aussereuropäischen Kulturen spielte
diese Thematik eine grosse Rolle. Eine besondere Lösung dieses Problems
stellte die Karma-Lehre dar.
Schicksal als eigenständige Grösse ist dort nicht möglich, wo alles auf
einen Gott als Ursache zurückgeführt wird. Vor allem die Vorstellung von
Gottes Allmacht schliesst die Existenz eines von Gott unabhängigen
Schicksals aus. Lediglich das von Gott Geschickte ist vorstellbar und löst
-theoretisch gesehen - die Frage aus, ob damit die menschliche
Handlungsfreiheit irrelevant und Gott derart allmächtig wird, dass er
wirklich alles macht und folglich alles vorherbestimmt.
Der Koran der Muslime ist in der Frage der Prädestination nicht eindeutig.
Neben der Aussage, dass Gott die Menschen und ihre Taten erschaffen hat
(Koran 37, 96) und die einen irreführt, andere aber rechtleitet (z. B.
14,4), finden sich Koranverse, die sagen, dass Gott das Gute, der Mensch
aber die Missetaten hervorbringt (4,79) und dass beim Gericht Gutes wie
Böses vergolten wird (99, 7 f.). Die islamische Theologie hat im Anschluss
an den Koran die Frage der Prädestination (alkada' wal-kadar) ausführlich
diskutiert und unterschiedliche Lösungsvorschläge unterbreitet.
Während die Mu'taziliten (8.-11. Jh., viel mu'tazilitisches Gedankengut
findet sich zudem bis heute noch in vielen shiitischen Richtungen) die
menschliche Handlungsfreiheit in vollem Umfange verteidigt haben, weil
Gottes Gerechtigkeit nicht zuliesse, dass ein nicht voll verantwortlicher
Mensch im Gericht bestraft würde, betonten die Asl'arite (vom 10. Jh. bis
heute unter den Sunnite [Sunna/Sunniten] massgebend, obwoh im 20. Jh. eine
gewisse Renaissance de mu'tazilitischen Position zu beobachte ist), dass
Gott der allein Handelnde ist Der Mensch dagegen „eignet" sich die Taten,
die Gott für ihn wirkt, dadurch an, dass er deren Verwirklichung will. So
wird der Mensch schuldig am Bösen und von Gott zu Recht dafür bestraft,
obwohl die Taten selbst von Gott hervorgebracht worden sind.
Sowohl die mu'tazilitische als auch die asl'aritische Theologie gehen
demnach von einem deutlichen Zusammenwirken von Gottes Schöpferkraft
einerseits und der menschlichen Handlungsfreiheit andererseits aus. Obwohl
das Thema kadar (göttlicher Vorausentscheid, Vorherbestimmung) zu den
Grundproblemen einer jeden islamischen Dogmatik gehört, lehrt die islamische
Theologie keinen reinen Fatalismus.
Im Unterschied dazu vertraten, sicherlich vom vorislamischen arabischen
Fatalismus mit beeinflusst, zahlreiche islamische Mystiker (Süfismus),
vornehmlich in den ersten Jahrhunderten des Islam, die Auffassung, dass es
eine Vorherbestimmung gibt; sie scheuten sich sogar nicht einmal, die
Vorherbestimmung zur Sünde zu predigen.
In der Volks-Literatur der islamischen Völker, bei Dichtern wie Erzählern,
finden sich zahlreiche Belege dafür, dass das Schicksal anzunehmen ist, weil
es von Gott so vorherbestimmt, menschlicher Einfluss darauf unmöglich und
eine Abänderung ausgeschlossen ist. Der in der Volks-Literatur dafür übliche
Fachausdruck ist arabisch kisma, dessen türkische Entsprechung „kismet"
bisweilen ausserhalb der islamischen Welt verwandt wird, um den Muslimen und
dem Islam insgesamt ein fatalistisches Denken zu unterstellen. Dass ein
solches das Verhalten der Muslime nicht durchgehend bestimmt, beweist allein
die islamische Geschichte.
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