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Die chinesische
Religiosität ist in verschiedener Hinsicht ein einmaliges, paradoxes und
kompliziertes Phänomen. Sie besteht in der heutigen Form (vornehmlich in
Taiwan und in Hongkong, aber auch - obgleich unterdrückt - in der
Volksrepublik China) aus der Volks-Religiosität (shen-chiao) und aus drei
grösseren Traditionen (Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus). Ausserdem gibt
es Religionen der ethnischen Minderheiten (z. B. Islam) und verschiedene
synkretistische Formen der Religiosität, die als Buddho-Taoismus bezeichnet
werden. Die christliche Tradition hat kaum Einfluss auf die Gestaltung der
chinesischen Religiosität ausgeübt.
Die chinesische Sprache besitzt allerdings keinen eigenständigen Begriff für
Religion im allgemeinen. Das bedeutet aber nicht, dass man daraus auf das
Nichtvorhandensein von Religion bzw. Religiosität in China überhaupt
schliessen könnte. Die chinesische Religiosität ist einfach in einem anderen
Denken und Empfinden verwurzelt als diejenige des Abendlandes. „In China
entsteht das Religiöse aus der primitiven Verteidigung des Lebens, führt
dann aber ... zu machtvollen Hochgöttern, in denen sich Vorstellungen der
herrschenden Schicht abbilden" (W. Eichhorn).
Es gibt in China zwar keine Gottheit, die mit dem Gott des Judentums oder
Christentums gleichgesetzt werden könnte. In der chinesischen Weltanschauung
gab es aber eine unsichtbare (reale) Dimension der geistigen Wesen, und die
Wahrnehmung des Heiligen spielt im Leben eine grosse Rolle, was man schon
aus der grossen Bedeutung, die z. B. dem (Bauern-)Kalender beigelegt wird,
ersehen kann. Diese Dimension beinhaltete die vergöttlichten Vorfahren
(Ahnenkult) und die übelwollenden Geister (Böses/Leid). Die Religiosität war
immer in das Gefüge Familie und Gesellschaft, später auch der Philosophie
hineingewoben. Traditionell sprach man von einer Lehre (chiao). Der über das
Japanische eingedrungene Begriff tsung chiao („Lehre über Ahnen") ist eine
spätere Begriffsbildung. Eine religiöse Konnotation besass auch der
konfuzianische Begriff li („Riten", „Sitten"). Es gab in China keine
einheimische Erlösungsreligion (falls man den Taoismus nicht als eine solche
bezeichnet) noch eine Vorstellung von einem einzigen Schöpfergott (falls man
dem Tao dieses Attribut nicht gibt). Die Religion und damit auch die
Religiosität besitzt in China keine differenzierte Funktion im
Gesellschaftsleben. Es gibt keine religiös-sozialen Abgrenzungen im
westlichen Sinne. „Weder Dogma noch Klerus leiten das religiöse Leben der
Chinesen. Es besteht aus einer Vielzahl kleiner Praktiken - religiöse
Praktiken -, denn sie sind verpflichtend, doch man kann nur schwer
herausfinden, welchen Wirkungsgrad der einzelne einer jeden dieser Praktiken
beimisst - und aus einer Menge diffuser Glaubenssätze - es handelt sich um
religiöse Glaubenssätze, denn sie sind allg.-verbindlich, doch man kann nur
sehr schwer sagen, welchen Glauben ein jeder dieser Sätze dem einzelnen
vermittelt" (M. Granet). Man sprach also von einem „Universismus", in dem
die Religionen zu „Religion" wurden: „In Wirklichkeit sind die ...
Religionen Äste eines gemeinsamen Stammes, der seit uralten Zeiten bestanden
hat; dieser Stamm ist die Religion des Universums, des Weltalls, seiner .
Teile und seiner Erscheinungen ... Deshalb fühlt sich auch der Chinese
gleichmässig heimisch in ihnen, ohne durch widerstrebende und einander
unverträgliche Dogmen beschwert zu sein" (J. J. M. de Groot). Die Religionen
Chinas kennen an sich kein Glaubensbekenntnis, die Betonung des
intellektuellen Elements ist dagegen sehr charakteristisch. Die Religionen
sind also keine dogmatischen Lehrsysteme. Andererseits würde eine Abgrenzung
der Religion von der Philosophie für China als künstlich betrachtet, denn es
gab in der chinesischen Kultur keine solche Abgrenzung. Kultur, Philosophie
und Religion sind in China überlappende Aspekte einer einzigen „Soteriologie",
die gleichzeitig eine Lebensauffassung (Weltanschauung) und einen
Erlösungsweg darstellt. Das klassische Beispiel ist hierfür der
Konfuzianismus, der weder Religion noch nur Philosophie ist. Genauso
irreführend wäre es, versuchte man den religiösen Taoismus (tao-chiao) von
dem philosophischen (tao-chia) scharf zu trennen. Die Religiosität in China
ist mehr eine Familienangelegenheit als ein dogmatisches Lehrsystem. Die
Familien-Religiosität ist fundamental, die individuelle Religiosität ist
sekundär. Die chinesische Religiosität äusserte sich vor allem in einer Art
von Naturreligion („Universismus"), im Ahnenkult und (später) im
„Staatskultwesen". In der chinesischen Religionsgeschichte unterscheidet man
eine Volks-Religion und grosse Traditionen, die wiederum orthodox
(konfuzianisches Staatskultwesen) oder heterodox (Buddhismus, Taoismus) sein
können. Die Volks-Religiosität ist sehr komplex und bislang noch wenig
erforscht, weswegen sie auch Anlass zu verschiedenen Missinterpretationen
bietet, z. B. wegen der synkretistischen Form, da sie im Laufe der Zeit
viele Elemente des Buddhismus und des Taoismus („Buddho-Taoismus")
integriert hat.
Das Verhältnis der Chinesen zum Heiligen, das sie nicht aus ihrem Denken zu
verbannen suchen und das sich vornehmlich in der Volks-Religiosität und im
Taoismus manifestiert, ist durch gelassene Vertrautheit charakterisiert. Als
Folge davon wird das Heilige als immanent empfunden, wobei es sich um eine
tiefe, zugleich aber flüchtige und unbeständige Wahrnehmung handelt. Die
Vorstellung eines (Schöpfer-)Gottes spielt dabei eine geringere Rolle. Die
älteste chinesische Gesellschaft (Shang-Zeit, 1523-1027 v.Chr.) kannte
bereits den Ahnenkult, den Kult des Erdgottes (she) und des Getreidegottes (chi).
Geopfert wurde später auch dem Shangti, dem höchsten „Herrscher", und
zahlreichen Naturgottheiten, und seit der Chou-Zeit (11. Jh. - 221) dem
T'ien (Himmel). In der Geschichte der chinesischen Religiosität kann man
sodann über folgende Entwicklungsphasen sprechen: die Entstehung der
konfuzianischen Staatsreligion; Formulierung der „Grossen Tradition" des
(orthodoxen) konfuzianischen Staatskultwesens; gewisse Dominanz
(insbesondere in der Zeit der Uneinheit des Reiches) des Buddhismus und des
Taoismus (der im 2. Jh. n. Chr. konstituiert wurde); Renaissance des
Staatskultwesens; Einflüsse der „Fremdreligionen" (Nestorianismus, Judentum,
Islam, Mazdaismus - seit dem 8. Jh. n. Chr. und - seit dem 13. Jh. - des
abendländischen Christentums).
Die chinesischen Religionen, soweit sie einheimisch sind, haben ausgeprägte
gemeinsame Züge, die ihnen eine unverkennbare chinesische Eigenart verleihen
und als Äusserungen der chinesischen Kultur betrachtet werden können, zumal
die gegenseitige Abgrenzung der chinesischen Religionen nicht so scharf wie
im Westen ist. Die traditionelle Religion enthält sowohl naturalistische wie
animistische Elemente, wobei bei der Oberschicht die naturalistischen (und
rationalistischen), beim Volk (in der Volks-Religiosität) die animistischen
(und synkretistischen) Elemente überwiegen.
Der Kultus und der Glaube konzentrieren sich (ziemlich unabhängig von der
Tradition der einzelnen Religionen) auf den Menschen und die Natur (Tien,
Tao). Zu den gemeinsamen Grundzügen der chinesischen Religiosität gehören u.
a. das Weltbild, Zeit- und Raumvorstellungen, die Konzeption der Natur und
der Rolle des Menschen in der Welt und in der Gesellschaft. Es gibt auch
gemeinsame - obwohl nuancierte - Elemente im Ritualwesen (z. B.
Familienriten, Ahnenkult, Totenriten). Ansonsten aber unterscheiden sich die
einzelnen Traditionen ritualistisch und institutionell (Priestertum,
monastisches Leben) und, wenn es um die Gottesvorstellungen geht,
beträchtlich.
Der in das Staatskultwesen inkorporierte Konfuzianismus wird oft als die
chinesische Religion bzw. Religiosität bezeichnet. Man verweist auf die
staatlichen Opfergaben an den Himmel und die Erde, die der Kaiser im Namen
der Nation darbrachte. Als „die konfuzianische Religion" wird des weiteren
der Ahnenkult betrachtet. Im Staatskultwesen finden wir darüber hinaus ein
ausgebautes Opferwesen (chiao). Bis heute hat vom Staatskultwesen lediglich
die Zeremonie für Konfuzius (in Taiwan und seit kurzem auch in der
Volksrepublik China) überlebt.
Seit der Mitte des ersten vorchristl. Jahrtausends setzte sich in China
(ausgehend vom Konfuzianismus) eine Haltung durch, die zwar nicht direkt
antireligiös war, wohl aber weitgehend agnostisch. Die Chinesen sind
deswegen als „Diesseitsmenschen" bezeichnet worden, doch das Interesse an
dieser Welt und diesem Leben und deren Bejahung schliesst die Religiosität
nicht aus. „Die chinesische Diesseitigkeit, die chinesische Harmonie
zwischen dem Menschen und der Natur, zwischen dem Menschen und der Welt, die
Vorliebe für das Humane und Ethische zeugen von einer Art Immanenz des
Göttlichen, von der Gegenwart des Absoluten im Relativen, in den
menschlichen Beziehungen, im Bereich des Natürlichen. Das Transzendente wird
nicht ausgeschlossen. Es wird sogar hervorgehoben, da es dem Gewöhnlichen
und dem Natürlichen, dem Säkularen und dem Moralischen einen Sinn gibt.
Dieser eigenartige religiöse Sinn der Chinesen strebt einen harmonischen
Ausgleich zweier Welten an, des Sichtbaren und des Unsichtbaren, des
Zeitlichen und des Überzeitlichen. Aber es lenkt die menschliche Person
darauf hin, ihr Heil, ihre Vollkommenheit im Hier und Jetzt zu suchen,
namentlich in der Moralität menschlicher Beziehungen wie im Konfuzianismus,
doch auch in der Schönheit der Natur wie bei den taoistischen Weisen" (J.
Ching).
Den chinesischen Religionen (ausser dem konfuzianischen Staatskultwesen)
gelang es nicht, eine genügend starke Macht zu entwickeln, die ihnen eine
grössere Rolle in der weltlichen Gesellschaft gegeben hätte. Bis zum 19. Jh.
war die chinesische Religiosität (wie die ganze chinesische Zivilisation) im
wesentlichen ein originales, selbständiges System, das historisch dem
„Fremden" überlegen war. Während des letzten Jahrhunderts jedoch ist China
in eine neue Ära eingetreten. Der herkömmliche Naturalismus und Animismus
wurde durch die (Natur-)Wissenschaft in Frage gestellt; die religiöse
Korporation der Familie ist infolge des neuen industriellen Systems
zerfallen; der Ahnenkult ist durch den Zerfall der Familie geschwächt
worden; die Wirksamkeit der Götter und der Religion wurde in Frage gestellt,
und nach dem Zusammenbruch des Kaiserstaates 1911 ist das gesamte System des
Staatskultwesens verschwunden. Die nichtkonfuzianische Religiosität
vermochte jedoch trotz mancher Verfolgungen (nicht nur in jüngster Zeit) zu
überleben. Zusammenfassend muss man aber sagen, dass der traditionelle (und
auch der moderne) chinesische Staat die Entwicklung einer starken,
unabhängigen Religiosität stets verhinderte.
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