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Der Religionsvergleich
hat grundsätzlich zwei verschiedene Aufgaben. Einerseits dient er dazu,
Gemeinsames in den unterschiedlichen, historisch gewordenen Religionen
herauszustellen. Dieses Gemeinsame ist zumeist auf der Ebene ahistorischer
Abstraktion zu suchen, wo Kompatibles auf gemeinsame typologische Nenner
bezogen wird. Vor allem in der Ehtik der Religionen wird man kompatible
Verhältnisse antreffen. Dem kompatiblem Religionsvergleich steht der
kontrastive gegenüber, der die Erscheinungen der Religionswelt in ihrer
historischen Eigentümlichkeit einander gegenüberstellt. So können analoge
Verhältnisse verglichen werden, indem ihre unterschiedlichen Ausprägungen
aufgewiesen werden. Von analogen Erscheinungen sind dabei homologe zu
unterscheiden, die zwar äussere Ähnlichkeiten zeigen, in Funktion und
Bedeutung jedoch wesentlich voneinander differieren (z. B. Götter im
Buddhismus und in polytheistischen Religionen). Beim kontrastiven Vergleich
werden die geschichtlich bestimmten Unterschiede zwischen den
Vergleichsgrössen „kontrast-diagnostisch" (S. Morenz) voneinander abgehoben,
um das Spezifische einer jeden Erscheinung in aller Klarheit
herauszustellen. Der kontrastive Vergleich operiert zwar auch mit einem
abstrakten Vergleichsrahmen, er ist aber viel stärker als der kompatible auf
die gesch. Ausprägung der sich als analog darstellenden Phänomene verwiesen.
Wenn G. Mensching z. B. den „Sondergeist" der einzelnen Volks- und
Weltreligionen beschreibt und einander gegenüberstellt, so handelt es sich
um einen kontrastiven Vergleich, der dem gesch. Gewordensein der einzelnen
Religionen Rechnung trägt und dabei zu ihrer jeweiligen „Lebensmitte"
vorstossen will.
Der kompatible Vergleich vollzieht sich auf drei Ebenen. Zunächst bildet er
allgemeine Kategorien, die beanspruchen, auf die gesamte Religionsgeschichte
anwendbar zu sein. Wenn z. B. der Prophet, der Mystiker, der Reformator usw.
unterschieden werden, so ist diese Typenbildung zwar an bestimmten hist.
Vorbildern orientiert, aber doch so weit von diesen abstrahiert, dass sie
auf andere Bereiche der Religionsgeschichte übertragen werden kann. Hierbei
ist die Kategorie allerdings ein Idealtyp im Sinne M. Webers. Als reiner
Typenbegriff mag er zwar in der gesch. Wirklichkeit keine genaue
Entsprechung haben, dennoch verhilft er dazu, die Mannigfaltigkeit der
gesch. Erscheinungen zu ordnen.
Einen Schritt über die Kategorienbildung hinaus ist der Aufweis von
Strukturtypen (z. B. Volks- und Weltreligion, mystische und prophetische
Religion, Kult- und Buchreligion usw.). Auch wenn hierbei das kontrastive
Element ins Spiel gebracht wird, handelt es sich grundsätzlich um eine
Fortsetzung der idealtypischen Kategorienbildung.
Einen Katalog von Typen stellt schliesslich die Phänomenologie vor, die ihre
Kategorien zwar aus den gesch. Erscheinungen ableitet, aber diese in einen
über-gesch. Zusammenhang stellt. Sie stellt intentional eine vollkommene
Erfassung aller Phänomene der Religionsgeschichte dar, denn sie hält ein
System von Begriffen bereit, um alle rel. Gegebenheiten einzuordnen. Ihr
Vorgehen läuft zuweilen auf eine typologische Bestandsaufnahme rel.
Erscheinungen hinaus, wenn nicht die Rahmenbedingungen aufgezeigt werden,
unter denen die Phänomene auftreten. Allerdings ist es die Ansicht mancher
Forscher wie J. Wach, dass die Religionswissenschaft nicht über die
Typenbildung und ihre systematische Vor- und Nachordnung hinausgehen könne.
Wachs Programm einer vergleichenden Theologie, die - nicht von den rel.
Erscheinungen, sondern von den theol. Reflexionen der Religionen ausgehend -
zu einem begrifflichen Metasystem gelangen wollte, blieb allerdings
unausgeführt.
Die Phänomenologie geht von der strukturellen Einheit des Religiösen in
seinen verschiedenen Manifestationen aus. Bei manchen Vertretern dieser
Forschungsrichtung, z. B. bei M. Eliade, ist diese Einheit so kohärent, dass
sich einzelne in der Geschichte anzutreffende Phänomene von zeitlich und
räumlich entfernten Vergleichsbeispielen her interpretieren lassen. Die
Legitimität eines solchen Vorgehens liege in dem archetypischen Charakter
bestimmter religiöser Grundvorstellungen. Diese Sicht der Dinge ist
allerdings nicht unangefochten geblieben, zumal die Universalität dieser
Archetypen mitsamt ihren Implikationen in Frage gestellt worden ist. So
lässt sich etwa der (archetypische) Zusammenhang der Motive Mond - Wasser -
Frau keineswegs in allen Religionen nachweisen. Dass aber eine auf breiter
Vergleichsgrundlage untersuchte Erscheinung wie der zSchama nismus Licht auf
schamanistische Praktiken in bestimmten geographischen Gebieten werfen kann,
bleibt unbestritten. Der im Sinne der Kompatibilität vorgenommene Vergleich
der Religionen bedarf der kritischen Ergänzung durch den kontrastiven
Vergleich. Dieser kann auf verschiedenen Ebenen durchgeführt werden. Er kann
zunächst für die Gegenüberstellung von analogen Motiven benutzt werden (z.
B. das Motiv der Inseln der Seligen). Auch der Personenvergleich (Buddha -
Jesus, Meister Eckart - Dögen usw.) erhält erst durch das kontrastive
Vorgehen Profil. Der dritte Bereich, auf den diese Vorgehensweise fruchtbar
angewandt werden kann, betrifft einzelne Probleme der Religionsgeschichte,
z. B. das Problem von Gut und Böse (Ethik), von Schicksal und göttlicher
Führung, von Autonomie und Heteronomie usw. Im Hinblick auf solche Fragen
ist noch manche Arbeit zu leisten.
Die grosse Forderung an die vergleichende Religionswissenschaft ist die
Gegenüberstellung der grossen Religionen, die im Hinblick auf ihre
Grundgedanken zu vergleichen sind. Eine Reihe von Beiträgen dazu liegt vor;
sie beschäftigen sich vornehmlich mit einzelnen Fragen (Tod und Jenseits,
Kosmogonie, Götterverständis, Gottesliebe usw.), die querschnittmässig durch
die Religionen hindurch verfolgt werden.
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