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Mit einer gewissen
idealtypischen Vereinfachung kann man von drei Phasen in der Entwicklung der
Religionssoziologie sprechen:
In einer 1. Phase steht die Religionssoziologie im Zentrum der soziolog. und
gesellschaftstheoretischen Forschung und leistet einen wichtigen Beitrag zur
Konstitution einer eigenständigen soziol. Denkweise.
In einer 2. Phase erlischt das gesellschaftstheoretische Interesse, und aus
der Religionssoziologie wird die mit kirchenorientierter Detailforschung
beschäftigte Kirchensoziologie.
Die 3. gegenwärtig anhaltende Phase ist durch unterschiedliche Strömungen
geprägt, die sowohl die Religionssoziologie ins Zentrum
gesellschaftstheoretischer Überlegungen zurückzuholen versuchen, als auch
die Ergebnisse der kirchensoziologischen Forschung in den weiteren Horizont
religions-soziologischer Fragestellungen zu integrieren trachten.
Die zentrale Stellung der Religionssoziologie bei den Klassikern des soziol.
Denkens lässt sich am besten bei E. Durkheim (1858-1917) und M. Weber
(1864-1920) erkennen.
Für die Beantwortung der jeder Soziologie zugrundeliegenden Frage, wie
Gesellschaft möglich ist, hält Durkheim den Beitrag der Religionssoziologie
für unverzichtbar. Ihr kommt es zu, jene Spaltung der gesellschaftlichen
Wirklichkeit in eine Welt des Profanen und Sakralen zu reflektieren und zu
verdeutlichen, wie gesellschaftliche Ordnung in ihrer Existenz und
Verbindlichkeit die Transzendenz und symbolischsinnhafte Integration des
Profanen voraussetzt.
M. Weber weist der Religionssoziologie in der soziologischen Theoriebildung
und in der historisch-soziologischen Forschung eine ähnlich zentrale
Stellung zu. Gesellschaftliche Ordnungsformen lassen sich für Weber nur über
die in sie eingegangenen ausseralltäglichen, charismatischen Ideengehalte
entschlüsseln. Diesem Programm folgt Webers Religionssoziologie als Zentrum
seiner hist. orientierten Gesellschaftsanalysen von den berühmten Aufsätzen
zur „Protestantischen Ethik" bis zu „Vorbemerkung" und „Zwischenbetrachtung"
der „Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie". Die Wende hin zur
Kirchensoziologie vollzieht sich im Kontext eines gewandelten
Selbstverständnisses der Soziologie als einer sich in viele
Spezialdisziplinen differenzierenden und um Anerkennung ringenden
empirischen Sozialwissenschaft. Das soziol. Interesse an einer exakten
Vermessung der sozialen Realität verbindet sich mit dem neu erwachten
kirchlich-theol. Interesse an empirisch gesicherten Erkenntnissen über die
als bedroht wahrgenommene Kirchlichkeit der Gläubigen. Entsprechend kommt es
zu einer Beschränkung auf die explizite und wegen ihrer institutionellen
Verfestigung gut messbaren kirchlich verfassten Religion. Angefangen von den
frühen Untersuchungen von G. Le Bras in den 30er Jahren, wird eine Fülle von
empirischen Studien angestellt, die vor allem in Frankreich, den
Niederlanden, den USA und der Bundesrepublik Deutschland die Verteilung der
Kirchlichkeit nach sozialen Faktoren, wie Schichtung, Bildungsgrad und
Stadt-Land-Differenz, analysieren. Übereinstimmend zeigen ihre Ergebnisse
den Trend, dass die Landbevölkerung, Handwerker und Bauern, Frauen, Alte und
Menschen mit einem niedrigeren Bildungsgrad kirchlicher sind als
Stadtbewohner, Arbeiter, Männer, Junge und Menschen mit einem höheren
Bildungsgrad. Sie machen aber auch deutlich, dass das, was im methodischen
Zugriff der Kirchensoziologie als Religion erscheint, für die moderne
Gesellschaft ein Marginalphänomen darstellt. An dieser Stelle setzt die
Kritik der neueren Religionssoziologie mit der Frage ein, ob die
Kirchensoziologie mit ihrer unreflektierten Verhaftung in einem
kirchlich-institutionell definierten Religionsverständnis nicht Gefahr
läuft, den genuinen Gegenstand einer Religionssoziologie zu verfehlen.
Anknüpfend an Durkheim und Weber, entwickelt Th. Luckmann aus der Kritik an
der Kirchensoziologie das Programm einer Religionssoziologie, die Religion
in der Fähigkeit des menschlichen Organismus verankert sieht, mittels einer
geteilten Sinnwelt seine biologische Natur zu transzendieren, und die
Religion folgerichtig überall dort aufspürt, wo Individuum und Gesellschaft
eine symbolisch-sinnhafte Integration erfahren. Vom radikal
anthropologisch-funktionalen Religionsverständnis Luckmann rücken andere
Autoren einer wissenssoziologisch orientierten Religionssoziologie insofern
ab, als sie das Religionsphänomen auf sakrale (P. L. Berger) bzw.
subjektivische (G. Dux)Sinnsysteme beschränken. Auch N. Luhmann knüpft an
die Religionssoziologie Durkheims an, wenn er von einem systemfunktionalen
Religionsverständnis ausgeht und als Funktion der Religion die Überführung
von unbestimmter in bestimmte, gesellschaftlich verarbeitbare Kontingenz
konstatiert. Die neuere Religionssoziologie hat zwar zu zeigen vermocht,
dass die Beschränkung auf ein kirchlich definiertes Religionsverständnis
unhaltbar ist. Der alternative Bezug auf einen allg. Religionsbegriff als
Grundlage der Religionssoziologie bleibt aber nach wie vor umstritten. Einen
Mittelweg zwischen traditioneller Kirchensoziologie und neueren, einem
allgemeinen Religionsbegriff folgenden Ansätzen beschreitet eine
Religionssoziologie, die sich als Soziologie des Christentums versteht. Sie
geht von einem historisch an die christl. Tradition gebundenen
Religionsbegriff aus und will allgemeinere Aussagen über Religion dem
interkulturellen Vergleich vorbehalten wissen. Andererseits überschreitet
sie den axiomatischen Rahmen der Kirchensoziologie, indem sie prinzipiell
mit der Möglichkeit kirchlich distanzierter und ausserkirchlicher
Sozialformen der christlichen Tradition rechnet.
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