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1. Der Beginn der
Religionspsychologie als Wissenschaft im Sinne des an der Naturwissenschaft
orientierten Wissenschaftsbegriffs wird zumeist mit der Veröffentlichung von
Starbuck (1899) in eins gesetzt, wobei die Arbeit von W. James (1902) den
Problemhorizont zur Hermeneutik hin öffnete. Themen dieser Untersuchungen
waren empirische Fragen z. B. nach der Korrelation von Lebensalter und
Bekehrung, wobei als Ergebnis die Bekehrung als ein gewöhnliches
Jugendphänomen konstatiert werden konnte. Tiefgreifender sind Versuche, die
auf eine psychologische Interpretation nicht nur des religiösen Menschen,
sondern der Religion als solcher abzielen. Solche Deutungen der Religion,
die es schon sehr früh gegeben hat, sind häufig als eine Relativierung der
Religion verstanden worden, so z. B. bei der Entgötterung der Gestirne durch
Anaximander, der das zu menschlich-emotionale Treiben der griechischen
Götter kritisierte und damit den Anthropomorphie-Vorwurf benutzte, wie er im
19. Jh. u. a. durch Feuerbach in anderer Form gegen die christliche Religion
verwendet wurde.
2. Von fundamentaler Wirkung waren die Untersuchungen S. Freuds (1856-1939),
welcher anders als noch Augustinus die menschliche Seele nicht als Abbild
der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Hl. Geist deutete, sondern umgekehrt
die personale Grundkonfiguration des Christentums vom Modell der gestörten
Familienbeziehung des Ödipus-Dramas her zu interpretieren suchte. Der
Übergang von der jüdischen zur neutestamentarischen Religion wurde
entsprechend dem Vatermord-Drama als ein Abfall vom ägyptischen Mose (jener
der beiden Mose-Figuren, welche dem „Feuer-Dämon" diente) mit nachfolgendem
Schuldgefühl und Kreuzigung des Sohnes angesehen. Das eigentliche
Trinitarische mit dem HI. Geist als vermittelnder dritter Person musste bei
dieser sophokleischen Umdeutung verlorengehen. Die im Rahmen des
beschränkten Vater-Sohn-Dualismus durchgeführten Analysen gingen von der
Beobachtung einer Tierphobie aus, als deren Ursache Freud die Projektion der
Vaterfigur (z. B. in eine Spinne) ansah. In derartigen Projektionen sah
Freud den Ursprung der Tieropfer und der damit verbundenen kultischen
Handlungen, was ihn zu der Annahme bewog, dass aller Ritus, ja alle
Religion, die Struktur einer Zwangsneurose aufweise. Die Religion wurde als
Mechanismus der Verdrängung gedeutet, welcher der Beseitigung von Ängsten
aber auch von sexuellen Wünschen dienen sollte, wobei sich letztere nach
Freuds Ansicht pathologisch an anderen Stellen in hysterischen Reaktionen
wieder Platz verschaffen würden. In diesem Deutungshorizont wurde später
auch der Begriff der ekklesiogenen Neurose geprägt. Es ist kein Zweifel,
dass religiöses Material wie anderes auch (z. B. psychoanalytisches) den
Stoff für Neurosen abgeben kann. Es könnte jedoch eine Überschätzung der
Vernunft darin liegen, zu glauben, dass die blosse Bewusstmachung von
seelischen Konflikten bereits zu deren Heilung führt. Freuds Kritik an der
zu starken Verdrängungstätigkeit des Über-Ich hat sogar zur umgekehrten
Besetzung desselben mit den Wünschen des Es (Programm der sexuellen
Befreiung) geführt, dessen paradoxe Konstellation vielleicht dazu
beigetragen hat, dass der moderne Mensch das psychopathologische Bild der
neurotischen Entscheidungsunfähigkeit zeigt. Derartige, schwer
kontrollierbare Paradoxien lassen Vorsicht angeraten sein, wenn man der
Freudschen Theorie Heilkraft im Namen der Vernunft gleichsam an der Stelle
des Vaters zusprechen will. Es ist auch im Sinne der Psychoanalyse
fragwürdig, ob die Einsicht in das Zwanghafte ritueller Schuldverarbeitung
diese überflüssig macht. Die Theorie der Selbsterlösung des Menschen scheint
insbesondere beim Narzissproblem an seine Grenzen gekommen zu sein. In den
narzisstischen, von Freud als präödipal beschriebenen Zustand könnte u. U.
sogar die Erbsünde relokalisiert werden. In späteren Jahren hat Freud seine
Kritik an der Religion zu entschärfen versucht und auf die Bedeutung der
Liebe hingewiesen. Er hat sich bemüht, die Libido als eine neutrale und
nicht als eine rein sexuelle Energie zu charakterisieren, Gott erhielt
jedoch nicht die Attribution der Kraft, wie es der christlichen Haltung
eigen ist. Die Religion bekam dadurch den Status des sekundär Abgeleiteten
und „bloss" Sublimierten. Aufgrund dieses psychologischen Kausalmodelles,
welches Gott lediglich als Ziel von Wunschvorstellungen zu deuten vermochte
(welches er natürlich auch ist), blieb Freud in dem erkenntnistheoretischen
Modell des Anthropomorphie-Vorwurfs verhaftet, dem zufolge Religion nur
Illusion ist. Die entscheidenden wissenschaftsphilosophischen Grundfragen
der Beziehung von Religion und Psychologie wurden von Freud nicht geklärt,
weshalb es immer noch zu Begriffsübertragungen mit entgegengesetzten
Ergebnissen kommt: Ist Religion eine allgemeine Neurose, oder ist die
Neurose eine private Religion?
3. Eine deutliche Weiterentwicklung stellt die analytische Psychologie von
C. G. Jung (1875-1961) dar. Hier wird keine unspezifische Energetik
betrieben, sondern das Symbol primär als Träger der Energien angesehen. Die
Symbole werden als archetypisch konfiguriert betrachtet, d. h., sie sollen
auf die stammesgeschichtlichen Erfahrungen der Menschheit zurückweisen. Jung
wehrt sich dabei keinesfalls gegen eine kirchliche Deutung der insbesondere
in Krisensituationen aus dem Unbewussten hervorbrechenden Archetypen, sieht
jedoch keine Möglichkeit, im Horizont seiner Theorie zu entscheiden, ob z.
B. das Selbst ein Symbol Christi oder Christus gar nur ein Symbol des Selbst
wäre. C. G. Jung behandelt mit seiner Methode in der Tat Christus nur als
ein Symbol des Selbst, und die Frage ist, auf welche Weise diese Psychologie
in einen Rahmen gebettet werden kann, der von Christus her gedeutet wird. Es
genügt nicht, aufzufordern, auch noch hinter den Symbolen etwas zu sehen
(wie Niederwimmer, Nase, dies tut). Damit wäre u. U. nur eine Reduktion des
Symbolbegriffs auf den Zeichenbegriff erreicht. Wir sehen den Befund von C.
G. Jung, dass in der Patristik Symbole für Christus gebraucht wurden, welche
auch dem Teufel zugesprochen wurden (so Fisch und Morgenstern), eher als
einen Beleg für die Notwendigkeit, den Symbolen den Logos und nötigenfalls
die dogmatische Auslegung beizuordnen. Dieser Logos muss selber auf die
Kraft des Symbolischen, auf die Dreifaltigkeit zurückgreifen, wenn er nicht
als ausgedörrte Rationalität einen vergeblichen Kampf gegen die
Symboltheorien unternehmen will. Gerade hier im Herz des Christentums,
unternimmt Jung jedoch seinen Angriff, den er mit dem Hinweis, er sei nur
Empiriker, zu kaschieren (und für den gegenwärtigen Zeitgeist damit zu
forcieren) sucht. Für ihn ist die Trinität ein defizientes Symbol des
Selbst, dem zur Vervollständigung ein Viertes, nämlich das Böse, integrativ
beigesellt werden müsste. Nur die Vierheit gewähre die wahre Verwirklichung
des Selbst, welches bei seiner Entfaltung aus dem Unbewussten die
Widerstände des Ich zu überwinden hat. Zwar treten Viererkonstellationen als
Spontanproduktionen (Träume, Zeichnungen usw.) in Krisensituationen gehäuft
auf, es ist jedoch zu berücksichtigen, dass es sich dabei häufig um von
vornherein asymmetrische Anordnungen handelt (z. B. drei Jäger und ein Hund)
und dass auch ausgeprägte symmetrische Vierer-Anordnungen (Mandalas) nicht
ohne weiteres der Trinität entgegenzusetzen sind, da sie, auch wenn man sie
nicht als unbewussten Ausdruck der Verfallenheit und Verbindung mit dem
Bösen deuten will, doch auch als eine Paradiesesvision der Integrität des
Selbst (die Stadt auf dem Berge) angesehen werden könnten, die u. U. nur
mittelbar mit der Dreifaltigkeit in Beziehung steht und daher, anders als
Jung dies tut, mit dieser gar nicht konfrontiert zu werden braucht. Statt
die spontanen Mandala-Produktionen des Unbewussten als Argument gegen die
Lehre von der Dreifaltigkeit aufzubauen, muss eher betont werden, dass das
Kreuz als zentrales Vierersymbol des Christentums auf Tod und Schmerz als
wesentliche Strukturen der Verwirklichung des Selbst verweist (der von Jung
entwickelte Begriff der Selbstverwirklichung wurde heutzutage in sein
Gegenteil verkehrt). Auch in anderer Hinsicht erscheint Jungs Versuch, die
Drei Göttlichen Personen durch das Böse zu „komplettieren", fragwürdig,
insofern nämlich, als das hier näherliegende Vierte gewiss das Wesen Gottes
wäre. Jung glaubt jedoch, dass die kath. Kirche in der Dogmatisierung der
Himmelfahrt Mariens die Vierung durchgeführt habe, die sie mit dem Teufel
nicht gewagt habe. Jung arbeitet wie kaum ein anderer die grosse Bedeutung
des Bildes der Jungfrau für die Seele heraus, vermag ihre Rolle als
Vermittlerin jedoch nur unzureichend einzuschätzen. Insgesamt läuft Jung
Gefahr, alles, was sich ihm als Archetypus darstellt, in einem Pandämonium
zu zelebrieren. Eine Sichtung der Bilder gelingt ihm weder unter dem Bild
der Kirche noch der Vernunft, noch der Idee des Guten. Das ihn leitende Bild
scheint eher die Quaternio des Selbst zu sein, in welcher Gut und Böse
gleichgestellt sind. Jungs Theorie der Archetypen hat eine Vermittlung von
Individuellem und Allgemeinem geschaffen, insofern als der individuellste
Schicksalsweg durch die Freisetzung der Archetypen gerade in den
Verzweiflungssituationen Allgemeingültiges zutage fördert. Es ist jedoch
keine Vermittlung, die als zur Nächstenliebe aufrufende Versöhnung den
anderen mit einbezöge und auf diese Weise auch ein Bild des Trinitarischen
geben könnte. Die religions-psychologischen Studien von Freud und Jung sind
zwar unter starker Berücksichtigung von Erfahrungen an Patienten
durchgeführt worden, zielten aber nur in eingeschränktem Masse auf eine
Psychopathologie der Religion ab.
4. Eine Religionspsychopathologie jedoch, die stärker an der Psychiatrie als
an der Tiefenpsychologie orientiert ist, stellt besondere Anforderungen an
die Klärung ihres Wissenschaftsstatus. Wenn sie versucht, religiöse
Phänomene nach ihren Kategorien bisweilen als pathologisch zu
klassifizieren, so muss zurückgefragt werden, welche Rolle Leiden und
Pathologie in der Welt denn einnehmen sollen. Es kann nicht ausgeschlossen
werden, dass ein Austragen von Leiden, Schmerzen und seelischer Abweichung
dem Seelenheil förderlicher sein kann als die übereilte Anstrebung einer
psychotherapeutischen Seelenheilung. Es muss auch deutlich herausgearbeitet
werden, dass der Nachweis z. B. einer Epilepsie bei einem Propheten oder
religiösen Führer noch nichts Nachteiliges betreffs des Wahrheitsgehaltes
der von ihm mitgeteilten Botschaft beinhaltet. Insbesondere wenn die
Eigenschaften des Nervensystems für Interpretationszwecke herangezogen
werden, ist wegen des schwer zu klärenden Hirn-Seele-Zusammenhangs Vorsicht
geboten. Ohne Zweifel liegt ein Kategorienfehler vor, wenn Reich äussert:
„Die religiös ekstatischen Zustände sind nichts anderes als nie erledigbare
sexuelle Erregungszustände des vegetativen Nervensystems." Während sich die
Psychologie mit einer Nichts-Als-Ontologie nur selber desavouiert, sind
andere Voraussetzungen dieser Wissenschaft erst noch zu prüfen. Das
dualistische Subjekt-Objekt-Schema der neuzeitlichen Wissenschaft sowie
binäre Denkschemata strukturalistisch orientierter Nachbardisziplinen
bringen Sicht-Voraussetzungen mit sich, die das Genuine einer Religion, so
z. B. das Trinitarische, aufgrund dieser Vorentscheidungen gar nicht zum
Vorschein bringen können. Hier sind noch zahlreiche Klärungen zu leisten,
bevor der nächste Schritt einer vergleichenden Religionspsychologie mit
seinen ebenso grundsätzlichen Problemen der Übersetzbarkeit und des
Kulturvergleichs überhaupt gegangen werden kann.
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