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1. Reinkarnation (punarjanman)
gehört nicht zum Glaubensgut der Arier. Erst im Satapatha Brahmana, den
Upanisaden, im Gesetzbuch des Manu und den Puranas, also in spätvedischer
Zeit, ist die Lehre im Zusammenhang mit der Karman-Theorie ausformuliert
worden (Karma). Vermutlich ist Reinkarnation also Substrat aus vorarischen
Kulturen Indiens, seither populärer Volksglaube, der philosophisch
unterschiedlich interpretiert (z. B. in der Frage, was eigentlich von Leben
zu Leben weitergegeben wird) und in jüngster Zeit auch angefochten, z.T.
aufgegeben wurde. Zweifel an der Wirkkraft des vedischen Opfers, das
Bedürfnis, die Ungleichheit der Menschen (bes. unverschuldetes Leiden) zu
erklären, sowie die Deutung spezifischer Bewusstseinserfahrungen haben für
die Entstehung der Reinkarnations-Lehre ebenso eine Rolle gespielt wie die
Übertragung des in der Natur beobachteten Kausalzusammenhangs auf die
moralische Ordnung. Bereits in einem frühen Text (Brhadaranyaka Upanisad 4, 4,
5) wird der Zusammenhang von Wünschen/Wollen, der Tat des Menschen, ihrer karmischen Folge und der daraus abzuleitenden Bedingtheit der menschlichen
Existenz bewusst.
2. Populartheorie
Drei Elemente aus dem Volksglauben verbinden sich mit der Karman-Lehre:
a) die Geister der Verstorbenen existieren als Abgeschiedene (preta) im
quasi-materiellen Zustand;
b) die Vorstellung eines Gerichts im Reich des Gottes Yama (auch dharmaraja,
König des Rechts);
c) der Aufstieg der Seele in den Himmel. Die Seele geht als preta in ein
Zwischenreich (pretyabhava) ein, in dem sie erneut sterben kann (punarmrtya),
was rituell verhindert werden muss. Andere Vorstellungen lassen die pretas
als „arme Seelen" im Hause der Hinterbliebenen spuken, wenn sie nicht
angemessen versorgt werden. Gemäss der alten „Fünf-Feuer-Lehre" wird der
Mensch in den fünf Opferfeuern der Götter gereinigt, um über die
Nahrungskette, Sperma und Blut wieder auf die Erde zurückzukehren (Brhad.
Up. 6, 2, 14). Später glaubt man, dass die Seele entweder in ein himmlisches
Paradies (brahmaloka) eingeht (devayana), falls sie vollkommen gereinigt
ist, oder aber auf dem „Weg der Väter" (pitriyana) zunächst im Bereich des
Mondes (candraloka) die Früchte der guten Werke geniesst, um wiedergeboren
zu werden, wenn diese aufgebraucht sind. Schlechtes karman muss in
Höllenbereichen getilgt werden: Die Lebenszeiten in Zwischenzuständen sind
Reinigungsphasen. Die nach dem Tod vollzogenen iraddha-Zeremonien für den
Verstorbenen helfen ihm auf dem Weg durch das Zwischenreich (beugen dem
Wiedertod vor) und beeinflussen die karmische Ordnung. Im Gesetzbuch des
Manu wird genau aufgerechnet, dass ein Golddieb als Ratte, ein Mörder als
Tiger usw. reinkarniert wird. Der lange Kreislauf der Geburten (Samslira,
wörtlich: „Zusammenfliessen") ist ein Läuterungsweg, der in Indien sowohl
als hartes Schicksal als auch als Chance zur Reifung empfunden wurde/wird.
Widersprüche zwischen karman-Gesetz und Einflussnahme durch das rituell
korrekte Opfer, zwischen Glaube an karman und/oder göttliche Prädestination
(vidhi) sowie planetarische Einflüsse, zwischen ewiger Verdammnis und
läuternder Reinkarnation stehen nebeneinander. Im neueren Hinduismus wird
Reinkarnation häufiger als Chance zur Befreiung sowie zum fortgesetzten
Dienst an den Mitmenschen interpretiert. Die Mittel zur Befreiung aus dem
smmin sind die verschiedenen Heilswege (marga), der Weg des Handelns (karm
marga: urspr. Opfer, dann das Tun des Guten überhaupt), der Weg der
Gottesliebe und Hingabe (bhakti marga) und der Weg spiritueller Erkenntnis (jrian
marga) der Nichtdualität von Atma (individuelles Selbst) und Brahma
(kosmisches Absolutes).
3. Samkhya
Wiedergeboren wird hier nicht ein bewusstes Ich oder Selbst, sondern ein vom
geistigen Prinzip (purusa) im Tode sich ablösender subtile Körper (suksma
.eartra), ein Muster von individuellen Dispositionen, die Möglichkeiten sind
und in der Verbindung mit einem physischen Körper aktualisiert („fähig zum
Genuss") werden. Dies ist Grundlage für die Theorie des:
4. Advaita Vedanta
Hier ist nur das Absolute (brahman) wirklich. Die Welt der Erscheinungen ist
Illusion, die dem falsch wahrnehmenden Bewusstsein durch die Kraft der Maya
(göttliche Schöpferkraft und kosmische Illusion) erscheint. Der gesamte
samsara fällt unter dieses Verdikt, so dass Aatikara urteilt, dass in
Wahrheit kein anderer als der Herr wiedergeboren wird (satyam eivarad anyab
samsari: Brahma Sutra Bhasya 1, 1, 5). Er widerspricht damit der
Vorstellung, dass der Kreislauf vieler voneinander unabhängiger Einzelseelen
letztgültig wahr sei. Vom absoluten Standpunkt her geurteilt (paramarthika)
ist nur das Absolute wirklich, saipsara erscheint nur dem relativen
Standpunkt (vyavaharika) als real. Auf der relativen Ebene ist die
Kontinuität von einer Manifestation des mit Attributen erscheinenden Gottes
(dvara) zur nächsten durch den subtilen Körper (suksma iarira), der vor
allem die psychischen Kräfte in feinstofflicher Form darstellt, gegeben:
Durch menschliche Aktivität (Denken und Handeln) entstehen Eindrücke und
Dispositionen (sagtkara), die den subtilen Körper formen, der über den Tod
hinaus fortbesteht, um sich erneut formend auf kommende Manifestationen des
isvara aufzuprägen. Die Bhagavadgita (15,8) gebraucht den Vergleich: „Wenn
sich der Herr körperlich manifestiert und den Körper wieder verlässt, dann
nimmt er diese (subtilen Dispositionen) mit sich und geht weiter, so wie der
Wind den Duft (der Blumen) mit sich fortträgt." Dabei sind die
Bewusstseinszustände des Menschen unmittelbar vor dem Tod für die karmische
Gesamtkonstellation entscheidend. Das eigentliche Selbst des Menschen
(Atman) bleibt von diesen Prägungen und Bewegungen in der illusionären
individuellen Existenz (jiva) völlig unberührt. Solange aber der litman
fälschlich mit dem jiva identifiziert wird, unterliegt der Mensch dem
sagtslira. Durch Meditation und Erkenntnis (Jrilina) ist es möglich, die
subtilen Bereiche zu erfahren, durch sie hindurchzugehen, den atman zu
erkennen und vom absoluten Standpunkt aus das Eine (ekam) hinter den
Erscheinungen zu erblicken. Man erkennt dann die raumzeitliche Wirklichkeit
als gleichzeitige Einheit, erinnert also nicht frühere Existenzen, sondern
wird der transtemporalen Einheit gewahr. Die karmische Interdependenz ist
erst dann vollkommen erkannt, wenn sie überschritten ist. Nur der Befreite
(jivanmukta) kennt das Eine, weil er mit dem Bewusstsein des Absoluten
schaut. Der karmische Kreislauf (samsara) erweist sich als Illusion, die nur
für den Verblendeten real ist, insofern aber fortgesetzt reales Leid
verursacht. |