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1. Der Begriff der
Reinheit (germ. hri „sichten, sieben"; griech. krinein „trennen, scheiden")
erklärt sich zwar nicht ausschliesslich, aber zum grossen Teil aus seinem
Gegensatz: Unreinheit.
Dieses Gegensatzpaar ist präreflektiv und prätheologisch, den meisten
Religionen gemeinsam, dort inhaltlich weitgehend identisch (vgl. die
Reinheits-Symbole: weisses Linnen, Lilie o. ä.) und von einer
bemerkenswerten Konsistenz in der Entwicklungsgeschichte. Indem Reinheit die
integre Beschaffenheit, Unreinheit jeden - als durch irgendeine Macht
verursacht verstandenen - Angriff auf das individuelle Leben und das soziale
Gefüge meint, wird der Rein-Unrein-Kontrast zum Symbolsystem der
Beschreibung der Welt und zum Schutz der sozialen Ordnung, das sich urspr.
im Tabu, dann in Ge-/Verboten konkretisiert. Da also der
Rein-Unrein-Kontrast je die gesamte Wirklichkeit betrifft, ist eine
artifizielle Differenzierung physisch-ethisch oder rituell-sittlich wenig
ratsam, wenn auch unterschiedliche Kulturen in unterschiedlichen Zeiten die
diversen Aspekte des umfassenden Rein-Unrein-Kontrastes verschieden
gewichtet haben. Verabsolutierung des kultischen (ägypt. und atl.
Priesterschaft, Islam, Mandäer) oder des sittlichen Aspektes (Propheten,
Jesus, Buddha) sind zuerst einmal Engführungen und bedürfen deshalb der
Interpretation.
Von der Erfahrung eines Zusammenhangs von Reinheit/Sauberkeit und
Gesundheit/Leben sowie Unreinheit/Unsauberkeit und Krankheit/Tod aus deutet
der Mensch seine Wirklichkeit entsprechend und sucht sie zu beeinflussen.
Was ihn bedroht, gilt als unrein und ist zu meiden. Weil er dahinter
dämonische Mächte vermutet, haben viele Reinigungsriten apotropäische
Struktur. Daneben äussert sich im Streben nach Reinheit das Bedürfnis, sich
zu wandeln, sei es zurück zum integren Urzustand, zur Vorbereitung auf
religiöse Handlungen, zur Konfrontation mit dem Göttlichen im Heiligtum oder
im Heerlager des „Heiligen Krieges". So erst wird Reinheit zur
Kultfähigkeit. In dieser Hinsicht begegnet die Reinheit ausgeprägt in der
ägyptischen, mesopotamischen und auffällig zweitrangig in der kanaanäischen
Religion. In Ägypten wird der Zusammenhang von Reinigung (Weihwasserbecken)
und Belebung betont; Reinheit hat einen zentralen Ort im
Toten-(Belebungs-)Ritual.
2. Das Alte Testament sieht in 7 Bereichen die Reinheit (tolerah „das
Lichtglänzende") potentiell gefährdet und hat entsprechend umfangreiche
Reinheits-Gesetze (von der Priesterschrift aus heterogenen Traditionen
kompiliert) entwickelt:
a) Sexualität: Ausfluss, Pollution, Menstruation, Entbindung und
Geschlechtsverkehr machen den Menschen unrein (Lev 15). Die entsprechenden
Reinheitws-Bestimmungen (urspr. wohl in Tabuform) gewinnen ethische
Ausprägung, wenn z. B. Unreinheit durch Geschlechtsverkehr mit verheirateten
Frauen (Lev 18,20) oder Sodomie nicht mehr zu reinigen ist und mit der
Todesstrafe belegt wird.
b) Krankheit: Aussatz an Menschen, Kleidern und Häusern (Lev 13 f.)
erfordern komplizierte Reinigungsriten und wiederholte Begutachtung durch
den Priester.
c) Tod: Leichenberührung, in der Frühzeit in Israel offensichtlich kein
Problem, macht nach Num 19,11-22 unrein (für Priester und Nasiräer waren
strenge Sondergesetze vorgesehen, Num 6,6-12) und erfordert die Reinigung
mit Wasser und Asche von einer roten Kuh, ein noch weitgehend ungeklärter
Ritus.
d) Tiere: Lev 11 und Dtn 14 enthalten umfangreiche Listen von Tieren (u.a.
Dachs, Kamel, Hase, Schwein), die weder gegessen noch geopfert werden
dürfen.
e) Pflanzen: Alle geniessbaren Pflanzen gelten als rein, Früchte junger
Bäume erst im 4. Jahr und Getreide erst nach Abgabe der Erstlinge (soziale
Ethisierung).
f) Geographie: Das Ausland gilt als unrein, weil es Herrschaftsbereich
fremder Götter ist (1 Sam 26,19). Die Heimkehrer aus der Schlacht (Num 31,19
ff.) und aus dem Exil müssen sich reinigen (Esra 6, 20 f.).
g) Götzendienst bewirkt die intensivste Form der Unreinheit (Lev 18,6-23; Ez
22f. u. ö.) und ist nur durch Umkehr und Zerstörung der Heiligtümer
aufzuheben. Wenn auch im Einzelfall die Begründung für rein-unrein unsicher
bleibt, so finden viele Bestimmungen doch ihren gemeinsamen Hintergrund in
der Polemik gegen Fremdkulte (Lev 18,24; 19, 2-37; u.a.), in der Sorge um
den reinen Jahwismus und um den Sondercharakter Israels. Die rituelle
Reinigung wurde wie in Ägypten mit Wasser, Ysop, Natron, Weihrauch, Sand und
Schwefel vorgenommen. Geräte wurden abgeschabt, ausgekocht, ausgeglüht.
Dabei hat man zeitweise auch eine Übertragung der Unreinheit auf das
Reinigungsmittel angenommen (Num 19,10), eine Vorstellung, die auch auf
bestimmte Sühneriten übergriff (Sündenbock, Ersatzkönig).
Dem rituellen Aspekt (forciert durch die Jerusalemer Priesterschaft) wird
von Propheten und Weisheits-Literatur der sittliche Aspekt entgegengehalten:
Reinheit wird zum sittlichen Postulat, Unreinheit mit Sünde und Verbrechen
gleichgestellt (Hos 6,6; Am 4,1-5; Jes 6; Ijob 17,9; Ps 51).
3. In den verschiedenen Religionsparteien des Frühjudentums wird die
Vorstellung von Reinheit unterschiedlich akzentuiert. Die klasidim betonen
wieder den kultisch-rituellen Aspekt, entsprechend die Zeloten, die die
Reinheit des Gottesvolkes mit Gewalt durchsetzen wollten. Die Pharisäer
hielten den rituellen und sittlichen Aspekt für gleichwertig und evtl. sogar
gelegentlich für austauschbar. Die alttestgamentlichen
Reinheits-Vorschriften wurden kasuistisch fortgeschrieben und später in
verschiedenen Traktaten und Sedarim von Mischnah (Kelim, Tohorot, Niddah)
und Talmud (Hullin) gesammelt. Die Rabbiner haben mit Jad 3,2 f. die
merkwürdige Gleichung heilig = unrein überliefert: heilige Schriftrollen
verunreinigen die Hände (vgl. J. Maier: EdF 177, 1982, 16 ff.). Die Essener
in Qumran haben Reinheit wieder in ihrem umfassenden Gesamtaspekt
verstanden, indem sie ein umfangreiches rituelles Reinigungssystem (vgl. A.
Strobel; ZDPV 88, 1972, 55-86) grundsätzlich mit Umkehr und Toragehorsam als
ethischer Reinigung verbanden (1 QS 3,4-12). Indem sie sich vom unreinen
Jerusalemer Tempelkult abtrennten und ihre Gemeinde als Tempel und als
eschatologisches Heerlager verstanden, gehörte ständige Reinheit zu ihrer
Definition. Die Abkehr von der Jerusalemer Kultfrömmigkeit brachte notwendig
eine Gewichtung des sittlichen Reinheits-Aspektes mit sich. Tauchbad,
Toragehorsam und Zugehörigkeit zur Gemeinde ermöglichen sich nun
gegenseitig, wie es die „Reinheits-Katechese" (1 QS 5,13-20) ausweist. Die
Tempelrolle verlagert diese Reinheit des Heiligtums wieder
idealtypisch-programmatisch nach Jerusalem zurück (TR 46,13-18) und
entfaltet sie systematisch.
Die Anthropologie der Qumran-Essener wertet den Menschen von der Schöpfung
her als Quelle der Unreinheit (1 QH 1,21 ff.), aber Gott allein kann ihn
reinigen und ihm vergeben. Indem damit Reinigung zur vollen Gotteserkenntnis
führt (1 QS 4,20 ff.), gewinnt der Begriff Züge der Gnosis und Mystik, wo
Reinheit zum vollkommenen Sich-in-Gott-Versenken wird.
4. Das Neue Testament hat den kultischen Aspekt der Reinheit wohl aus der
Opposition gegen Pharisäer und auch Essener völlig unterdrückt, hat aber das
Rein-Unrein-System grundsätzlich nicht verlassen (Mk 7; Paschen 155 ff.:
Thyen). Die Reinheits-Gesetze des Judentums werden jedoch nicht (Mk 7,15 f.)
oder nur z. T. (Mk 1, 40 ff.) berücksichtigt, faktisch sogar aufgehoben
(Speisegesetze Mk 7,19). Die Urkirche hatte lange Zeit in dieser Hinsicht
grosse Probleme (Apg 10). Paulus löste sie schöpfungstheologisch: alles ist
rein (Röm 14,20). Die Auseinandersetzung der Urkirche mit dem Judentum
schlägt sich in einigen Kompromissen (Apg 15) nieder. Der Hebräerbrief lebt
dann wieder ganz im alttestamentlichen Vorstellungshorizont: Christus als
Sühneopfer und als Hoherpriester hat ein für allemal die endgültige
Reinigung bewirkt (Hebr 7, 26 ff.; 9,13 ff.; vgl. 1 Joh 1,7).
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