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Qumran

Chirbet Qumran, „Ruine des grauen Flecks", am Nordwest-Ufer des Toten Meeres ist eine der 5 Wüstenstädte aus Jos 15,61 f., entweder 'fr hammaelab „Salzstadt" (Noth) oder Sechacha (Bar Adon), wird in den Murabbdat-Texten (45,6) mesad basidin „Festung der Frommen" genannt und ist nach Plinius dem Älteren der Hauptort der Essener. Lange Zeit für ein römisches Fort gehalten, bewiesen die Ausgrabungen ab 1951 unter R. de Vaux, dass es sich um das Gemeindezentrum einer essenischen Gruppe handelt und dass ein Zusammenhang dieser Ruine mit den ab 1947 in 11 Höhlen in unmittelbarer Nähe gefundenen Schriftrollen besteht, deren essenische Herkunft nicht mehr bezweifelt wird; die 3 km südl. gelegene fruchtbare Quellregion En-Feschcha (Enot Zuqim) bildete den Versorgungsteil von Qumran.
Die Archäologie unterscheidet 3 Besiedlungsphasen:
I a) An einer befestigten Wasserstelle des 8.-7. Jh. v. Chr. (Jos 15,61) erfolgt eine essenische Besiedlung mit bescheidenen Anfängen (vor 100 v. Chr.).
I b) Unter Alexander Jannai beträchtliche Ausgestaltung der Anlage zur. mesad basidin mit umfangreichem Bewässerungssystem; da es sich um ein Funktionsgebäude handelt, das für 200-300 Personen ausgerichtet war, ist ein umfangreiches Metökensystem anzunehmen; Aufgabe der Siedlung nach Erdbeben (31 v. Chr) und Grossbrand.
II Neubesiedlung unter Archelaos (4 v. n.Chr.); zusätzliche Befestigungen und Sicherungsarbeiten lassen auf zelotisch geprägte Essener schliessen, die sich auf eine Auseinandersetzung mit den Römern vorbereiten; Zerstörung der Anlage durch die Legion X (68 n. Chr.); zuvor wird die umfangreiche Bibliothek in die Höhlen der Umgebung ausgelagert.
III Röm. Garnison (68-100 n. Chr.); Stützpunkt der Bar-Kochba-Leute im 2. Jüdischen Krieg (132-135 n. Chr.).

Aus den basidischen Auseinandersetzungen mit den Hasmonäern hat sich eine Iigoristische, zadoqidisch-priesterliche Essenergruppe unter Leitung des „Lehre der Gerechtigkeit" - wahrscheinlich ein von Jonatan abgesetzter Jerusalemer Hoherpriester - aus dem Kulturland „in die Wüste" gemäss Jes 40,3 (vgl. I QS 8,14) abgesetzt, um hier essenische Absonderung in räumlicher, wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht in strikter Konsequenz durchzuführen. Strengste kompromisslose Tora-Observanz, ständige rituelle Reinheit (Ehelosigkeit und rituelle Waschungen) und ein hohes prophetisch geprägtes Ethos („Umkehr") zur Sühne für das Land waren die zentralen Ziele. Da die Qumran-Gruppe den Jerusalemer Tempelkult wegen seiner hellenischen Elemente und seines lunisolaren Kalenders für irregulär wertete, sonderte sie sich auch vom Tempelkult ab, interpretierte zwischenzeitlich ihre Gemeinde als Tempel und spiritualisierte den Opferkult, entwarf aber in der Tempelrolle ihre Idealvorstellung von Tempel und Kult. Zugleich verstanden sie sich als eschatologisches Heerlager in beständiger Erwartung des endzeitlichen Krieges zwischen den „Söhnen des Lichtes" und den „Söhnen der Finsternis" und als der von den Propheten angekündigte „Heilige Rest" (vgl. Jes 10,21). Im Unterschied zur „Genossenschaft" der Pharisäer organisierte sich in Qumran eine Gemeinde völlig eigenständiger Struktur, die in vielerlei Hinsicht mit der der späteren christlichen Mönchorden vergleichbar ist. Sie benannte sich mit dem substantivierten Zahlwort jahad „eins", führte eine vita communis mit Gütergemeinschaft (Armut des einzelnen), gemeinsamer Arbeit und Gemeinschaftsmahl. Der jabad war straff organisiert, nach aussen esoterisch abgegrenzt, nach innen durch feste Hierarchie und zönobitisch-monastische Lebensweise geprägt. Er realisierte sich im täglichen Miteinander in der Reinheit der sacra communio, die auch nicht-monastische, der Qumrangruppe assoziierte Tertiarier einschliessen konnte. Die Gemeinde wurde geleitet von einem Rat aus 12 Mitgliedern und 3 Priestern. Oberste Instanz war die Vollversammlung, die Zusammenkunft der „Vielen" (rabbim). Daneben gab es weitere Funktionsträger. Jedes Mitglied hatte einen festen Platz in der Hierarchie, in der er je nach Bewährung aufrücken oder absinken konnte. Der Eintritt war nur über ein mehrjähriges Noviziat möglich und war in jedem Fall mit einer eidlichen Verpflichtung auf den Toragehorsam verbunden. Das Gemeindeleben war durch eine umfangreiche, ständig novellierte Regelliteratur nahezu lückenlos erfasst. Das Disziplinarrecht war ausserordentlich streng und sah bei Vergehen empfindliche Strafen bis hin zur Exkommunikation vor. Das liturgische Jahr entsprach im wesentlichen dem des offiziellen Judentums, richtete sich aber aus Gründen strengster Sabbatobservanz nach einem solaren Kalender und kannte nach Aussage der Tempelrolle noch einige Zusatzfeste über den jüdischen Festkalender hinaus. Der Tagesablauf war durch feste Gebetszeiten, Torastudium und Arbeit strukturiert. 1 QS 2,24 ff. formuliert als Ziel dieser spezifischen Gemeindestruktur, „in gütiger Demut, barmherziger Liebe und Sinnen nach Gerechtigkeit, jeder gegenüber seinem Nächsten" zu Gott umzukehren im strengen Gehorsam gegenüber der Tora des Mose. Die Gemeinde betrachtete sich als die Realisation des neuen und ewigen Gottesbundes (1 QS 1-2; CD 8,21) in Gemeinschaft mit den Engeln. Ihre durch parsisch-gnostischen Dualismus geprägte Geschichtsauffassung (vgl. 1 QS 3,15-19) liess sie den gesamten Kosmos in gut und böse einteilen. „Die heilsgeschichtliche Dimension wird infolge dieser Dämonisierung der Geschichte durch eine kosmologisch-dämonologische bzw. -angelologische ergänzt, ein Zug, der auch in bestimmten Überlieferungen über den Ursprung der menschlichen Kultur (vgl. Gen 4,17 ff.; Gen 6,1-4) bereits vor Qumran (z. B. Henoch-Literatur; Jubiläenbuch) zum Tragen gekommen war" (Maier: BiKi 40,50). Die apokalyptische Naherwartung forderte in die endgültige Entscheidung, die aber in gewisser Weise durch übernatürliche Mitbestimmung prädestinatorisch vorgezeichnet war. In der Anthropologie trifft eine strenge Gesetzesfrömmigkeit mit einer radikalen Gnadentheologie (1 QH) zusammen, was Vergleiche mit paulinischen Aussagen ermöglicht. Da man sich in der absoluten Endphase der Geschichte wusste, waren Aussagen über Unsterblichkeit der Seele und Auferstehung in Qumran nicht aktuell (vgl. evtl. 1 QH 6,34). In der Messiaserwartung steht Qumran ganz in der Fortführung spät-alttestamentlicher Ansätze. Nach 1 QS 9,10f. erwarteten sie für das Ende der Zeit das Kommen eines Propheten (vgl. Dtn 18,15.18; 1 Makk 4,46), wohl die Wiederkunft des Lehrers der Gerechtigkeit (CD 6,10f.). Daneben erwartete man einen Laienmessias (aus Israel) - ein Davidide, der unter Aufgreifen der Natanweissagung 2 Sam 7,12 ff. als präexistenter Gottessohn aufgefasst wurde (4 QFlor 1,10 ff.; vgl. Röm 1,3 f.). Obwohl er in der Endzeit die entscheidende Rolle spielt, ist er aber dem priesterlichen Messias aus Aaron deutlich untergeordnet (1 QSa 2, 11-21). Diese doppelte Messiaserwartung könnte auf Num 24, 17 zurückgehen, hat aber sicher ihren Rückhalt in den Testamenten der Patriarchen. Ob 1 QH 3,9 ff. die Möglichkeit eines leidenden Messias bedenkt (Maier/Schubert 105 f.), ist kaum noch sicher zu entscheiden.
Das umfangreiche Schriftum (z. T. noch nicht ediert) der Qumran-Essener - im Jahr 68 n.Chr. in (bisher) II Höhlen ausgelagert und ab 1947 wiedergefunden - ist entsprechend seines Fundortes (1 Q-11 Q) katalogisiert. Es lässt sich in 5 Gruppen aufteilen, wobei die Gruppen 1 f. und die peder-Literatur für die alttestamentliche Textkritik von ausserordentlich hoher Bedeutung ist, repräsentieren sie doch ein Textstadium, das dem rabbinischen Kanon mit seinem späteren masoretischen Text um mehr als ein volles Jahrhundert vorausliegt:

1. Bibl. Texte: Neben zwei vollständigen Jesaja-Rollen sind mit Ausnahme der Bücher Haggai und Ester alle biblischen Bücher in Textfragmenten vorhanden. Dtn und Ps sind die meistzitierten Bücher.

2. Deuterokanonische Texte: In Qumran sind die deuterokanonischen Texte der LXX in hebräischer Sprache bekannt; besondere Wertschätzung wird dem Buch Sir entgegengebracht (DJD 11 75-77; 11 QPs' XXI ; vgl. die Sirach-Rolle aus Masada).


3. Apokryphe Texte (Pseudepigraphen): Überraschend ist die auffällig hohe Wertung der Bücher Henoch, Jubiläen, Testamente der Patriarchen, bes. Text Levi, Psalmen aus dem ausserkanonischen Bereich (DJD IV; 4Q 380; 381); zusätzliche Daniel-Texte (4 QOrNab), 1 Qumran Apokryphon.

4. Sekteneigene Literatur: Sektenregel und Zusatzregel, daneben Fragmente „Damaskus-Dokumentes" aus der räer-Synagoge aus Kairo, Hymnenrol Kriegsrolle, Kupferrolle mit Lagepl qumranischer Güter, liturgische u. mys sche Texte (maerkäbäh-Literatur); Te pelrolle mit idealem Tempel- und Kulten
wurf, als „neue Tora" in Form der Gotte rede als Primäroffenbarung geachtet.

5. Die Kommentare zu biblischen Büchern bezeugen die Art der qumran-essenischen Schriftauslegung. Neben zahlreichen Fragmenten sind zusammenhängend Kommentare zu Hab, Nah, Ps 37 u. a. enthalten. Qumran hat die rabbinisch-allegorische Auslegung präzisiert und als sog. pefer i Modus und Terminologie der Traumdeutung den jeweiligen Bibeltext zitiert und ohne Rücksicht auf den Kontext unmittelbar aktualisiert, um die heilshistorische Relevanz der aktuellen Gegenwart aufzuzeigen.
Wenn auch in Qumran keine neutestamentlichen Texte gefunden worden sind, so ist Qumran doch in vielfacher Hinsicht bedeutsam für das Neue Testament; allenthalben ist jedoch Vorsicht vor vorschnellen Vergleichen geboten:
Die Textfunde haben das Vertrauen in die historische Verlässlichkeit neutestamentlicher Schriften gestärkt (vgl. z. B. TR 64: Kreuzigungsstrafe).
Die vielfach behauptete Herkunft Johannes' des Täufers oder anderer Täuferbewegungen aus Qumran ist unsicher, da in eine explizite Verbindung von Umkehr und rituellem Tauchbad nicht existiert. Vergleiche mit den Tauchriten der Mandäer sind nur auf phänomenologischer Ebene möglich.
- Die Spiritualisierung des Opferkult zeigt vergleichbare Elemente.
- Funktionsträger in der Gemeinde sind vergleichbar den Diakonen der Urgemeinde.
-Der Dualismus in der essenischen Theologie ist relevant für die Erklärung des neutestamentlichen Dualismus.
- Das Zusammentreffen von Toragehorsam und Gnadentheologie lässt Vergleiche zur paulinischen Theologie zu.
- Die Erwartung des als Gottessohn verstandenen davidischen Messias zeigt ein gleichartige messianische Auslegung der Natanweissagung.
Die apokalyptische Naherwartung zeigt gemeinsame Elemente, differiert jedoch im wesentlichen Details (Messiaserwartung in Qumran - bereits angebrochene basileia im Neuen Testament).
- Hermeneutik und Allegorese haben im NT (z. B. Reflexionszitate bei Mt) manche Vergleichspunkte.
- Während die Reinheitsgebote in Qumran die Gemeinde abschottete, ermöglichte ihre Überwindung im Urchristentum die Hinwendung zum Menschen und die Ausbreitung des Evangeliums.
 


 

 

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