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Als Propheten werden in
der Bibel Charismatiker bezeichnet, die aufgrund einer besonderen Berufung
durch Gott zu Kündern des Gotteswortes werden. Aus der Geschichtsmächtigkeit
Gottes leiten sie ihre Kompetenz zur Zukunftsvorhersage ab. Neben dieser
Gemeinsamkeit weisen biblische Propheten aber allein aufgrund der grossen
Zeitspanne, in der sie auftreten, signifikante Unterschiede auf. Letztere
sollen im chronologischen Durchgang aufgezeigt werden, um so Entwicklung und
Kontinuität biblischer Prophetie darzustellen.
1. Umwelt
Der Zukunftsdeutung gilt im Alten Orient besondere Aufmerksamkeit. So
entwickelten die Babylonier eine ausgedehnte „Vorzeichenwissenschaft", in
der bevorstehende Ereignisse mit Hilfe induktiv-technischer Mantik
vorhergesagt werden sollten. Eine stärker personenbezogene
intuitiv-ekstatische Mantik ist dagegen vor allem im kanaanäischen Raum
belegt (Mari), von wo aus sie im 9.-7. Jh. im gesamten altorientalischen
Raum Nachahmung findet. Mit diesen gemeinsam ist der atl. Prophetie die
Vielfalt der Offenbarungsformen sowie die Verbindung zu Kult und Königtum.
Sie unterscheidet sich jedoch in der gesellschaftlichen Verankerung und
daraus folgend in der breiten Wirkungsgeschichte einerseits und in der
Eigenständigkeit gegenüber gesellschaftlichen Institutionen andererseits.
Darüber hinaus lässt sich in sprachlicher wie inhaltlicher Hinsicht eine
erhebliche Qualitätsdifferenz feststellen.
2.Frühe Propheten
Die Anfänge israelitischer Prophetie dürften bereits in vorstaatlicher Zeit
liegen. Aus ihr wird von Charismatikern berichtet, die aufgrund fehlender
Aufgabenteilung zugleich priesterliche, prophetische und politische
Funktionen wahrnehmen. Im Pentateuch ist hier vor allem auf die Gestalt des
Mose zu verweisen. Schon die älteste Schicht deutet mit der
Berufungserzählung der Beauftragung zur Übermittlung einer Verheissung (Ex
3,7 f.16 [J]) auf die prophetische Funktion des Mose (vgl. Hos 12,14). Ex
3,4b.6.9-12 betont die po litische Dimension seines Prophetentums.
Deuteronomistische jechictoren des Dtn verstärken das Bild des
„prophetischen Mose" (Dtn 18,15), indem sie ihn zum Urahn und Vorbild der im
deuteronomischen Verfassungsentwurf (Dtn 16-18*) neben Richtern, König und
Priestern als vierter Gewalt im Staat institutionalisierten Prophetie
setzen. In späteren Texten wird Mose jedoch über alle Prophetie
hinausgehoben (Dtn 34,10f.); aufgrund seiner direkten Kommunikation mit
Jahwe ist er der unvergleichliche Anfang prophetischer Sukzession (Num 11,25
[P]).
Auch Samuel ist ein Charismatiker mit gleichzeitig priesterlichen,
politischen und prophetischen Aufgaben. Sein „Sehertum" reicht von Hilfe in
Alltagsfragen (1 Sam 9,20) bis hin zur Königsdesignierung (1 Sam 9,15-17).
Sind Notizen über Propheten in der vorstaatlichen Zeit noch vergleichbar
selten, so kommt es mit dem Beginn der Königszeit - möglicherweise im
Zusammenhang mit den dadurch bedingten gesellschaftlichen und kulturellen
Veränderungen - zu häufigerem Auftreten prophetischer Gestalten. Hier kann
unterschieden werden in Propheten-Gruppen, die nur in eher beiläufigen
Notizen erwähnt werden, und betont herausgehobenen als Einzelkämpfer
auftretenden Propheten wie Elija, Elischa, Natan oder Gad. Letztere haben
als Adressaten vor allem den König; gemeinsam ist ihnen, dass sie ungebeten
im alleinigen Auftrag Jahwes dessen Botschaft verkünden. Anlass bietet
zumeist Fehlverhalten des Königs, dem aufgrund des
Tun-Ergehens-Zusammenhanges das Jahweurteil mitgeteilt wird. Auffällig ist
bei der frühen Prophetie die Einbettung des prophetischen Wortes in den
Erzählzusammenhang. Die frühen Propheten werden als Gottesmänner und Seher
bezeichnet, worin der ekstatisch intuitiv-mantische Charakter ihres
Auftretens zum Ausdruck kommt. Der für die spätere Prophetie
charakteristische nabi-Titel taucht wahrscheinlich wegen seiner Nähe zur
kanaanäischen Prophetie seltener auf.
3.Vorexilische Prophetie
In die Zeit zwischen Reichsteilung und Exil fällt die Blütezeit
alttestamentlicher Prophetie. Angesichts religiöser (Fremdgötterverehrung)
und sozialer Missstände richten vor allem die Propheten des Nordreichs (Hos,
Am) unter Anknüpfung an Elija und Elischa ihre Unheilsprophezeiungen an die
ganze Gesellschaft, die sie damit für hoffnungslos gescheitert erklären. Sie
verstehen sich selbst als Glied in einer Kette von Propheten und wollen dem
Exklusivanspruch Jahwes Geltung verschaffen, weshalb sie vor allem
kanaanäische Einflüsse bekämpfen. Im Unterschied dazu nehmen die Propheten
des Südreiches ihre Legitimation aus der direkten Berufung durch Jahwe (vgl.
die häufig im Ich-Stil erzählten Berufungsberichte; Jes 6; Jer 1; Ez 1-3).
In ihrer Zeitkritik stehen sie sehr vereinzelt in Gegnerschaft zu
Amtsträgern (Jes 7) und anderen institutionalisierten Propheten (Jer 28).
Die Frage nach dem Verhältnis von Unheilsankündigung und Umkehraufruf ist
ein offenes Problem der Forschung. Umstritten ist, inwiefern diese Propheten
von vornherein unausweichliches Gericht und Verstockung angekündigt haben
(z. B. Jes 6; Am 2) oder ob das nahe Gericht die Möglichkeit der Umkehr mit
einschloss (z. B. Am 5,4; Jes 1,19). Von diesen Propheten werden nicht mehr
Erzählungen überliefert; vielmehr stehen das Wort und der Spruch im
Vordergrund. Diese werden von den Schülern weitergegeben und in eigene
Bücher unter dem Namen des Propheten verschriftlicht („Schrift-Propheten“).
Die Vielfalt der älteren Titel wird auf nabi zurückgeführt. Der nabi ist als
der von Gott Berufene zugleich Objekt der Beauftragung und Subjekt der
Vermittlung.
4.Exilische und nachexilische Propheten
Angesichts der Katastrophe des Exils hat die Unheilsprophetie recht bekommen
und somit nicht mehr um ihre Legitimation zu kämpfen. Auf seiten der
Prophetie ergibt sich als neuer Schwerpunkt der Umkehrruf: Das eingetretene
Unheil kann nur durch die Annahme der gerechten Strafe und die Hinwendung zu
Jahwe bewältigt werden (Ez 16,44-58; 33). Der Durchbruch zum theologisch
reflektierten Monotheismus ist neben späten Stellen des Dtn vor allem bei
den Propheten der Exilszeit zu finden. Besonders Deuterojesaja verbindet mit
dem Bekenntnis zu Jahwe als dem einzigen die Hoffnung auf die Möglichkeit
neuen Heils. So gewinnt insgesamt seit dem Exil die Umkehrpredigt in
Verbindung mit Heilsorakeln das Übergewicht. Diese Tendenz wird neben den
Propheten, die in dieser Zeit leben (Deuterojesaja, Ez, Hag, Sach, Mal),
auch in der Überarbeitung der vorexilischen Propheten manifest (Jes;
deuteronomistische Jer-Redaktion; Ez).
5.Das Ende der Prophetie
Bereits bei den späten Propheten deutet sich mit der Überlieferungsvielfalt
eine Auflösung der Verkündigungsformen klassischer Prophetie an; das gleiche
lässt sich z. B. aus der Anonymität des nachexilischen Mal schliessen. Die
Kommunikation mit Gott, die sich für die frühe Prophetie unmittelbar
vollzog, wird durch eine Mittlergestalt (z. B. Mal 3,1f.; Sach 1,9)
hergestellt. Der Prozess der Erfüllung vorexilischer Prophetie, die
Verschriftlichung und Kanonisierung der Heils- wie der Unheilsprophetie
vermitteln den Eindruck der Abgeschlossenheit der Prophetie, die schon
inneralttestamentlich reflektiert wird (Ps 74,9; 1 Makk 4,46; 9,27; Sach
13,3f.). Rückblickend auf die Zeit der Propheten richtet er sich
gleichzeitig nach vorne in Erwartung eines eschatologischen Propheten (Mal
3,25f.; Joel 3). Wegen der zunehmenden Bedeutung des visionären Elements
(vgl. Ez; Sach) steht die späte Prophetie am Übergang zur Apokalyptik.
6. Prophetinnen
Auch wenn beamtete Propheten nicht ganz fehlen (z. B. 1 Sam 28,6; 2 Sam
24,11), so sind doch die Charismatiker von weit grösserer Bedeutung. Es ist
von daher nicht verwunderlich, dass, wenn irgendwo, dann hier auch Frauen
auftreten. Zwar in geringer Zahl, aber doch signifikant als Ausnahme im
Vergleich zu anderen Bereichen (Priester/Königtum) sind zu nennen Mirjam,
die Schwester Mose (Ex 15,20f.), Debora, die zugleich den Titel „Richterin
und Mutter in Israel" trägt (Ri 4f.), Hulda (2 Kön 22) sowie eine anonyme
Prophetin (Jes 8,3), wahrscheinlich die Frau Jesajas. Die Beobachtung, dass
Frauen verstärkt dort zu Wort kommen können, wo das Charisma von besonderer
Bedeutung ist (vgl. Joel 3,1), ist verallgemeinerungsfähig und lässt sich z.
B. in den neutestamentlichen Schriften ebenfalls machen.
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