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Polytheismus

1. Polytheismus bezeichnet die gleichzeitige Anerkennung und Verehrung mehrerer unsterblicher, in Menschengestalt, aber mit wesenhaft übermenschlichen Kräften ausgestattet gedachter Gottheiten, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Polytheistisch können deshalb nur Religionen heissen, die göttliche Wesen mit fest umschriebenen Charakteren und entsprechend unterschiedlichen Zuständigkeitsbereichen in Natur, Wirtschaft, Gesellschaft und privater Sphäre, nicht nur eine Vielzahl von Göttern in ihren Pantheen vereinigen. Die Herkunft der Mitglieder pantheistischer Götterwelten ist nicht festgelegt, vergöttlichte Ahnen können ebenso dazugehören wie Gottheiten unterworfener Völker. Animistische, polydämonistische wie überhaupt Weltsichten, die nur ansatzweise menschengestaltige Gottheiten mit klar abgestuften Zuständigkeiten kennen, sind nicht polytheistisch im strengen Sinne. Daraus folgt, dass Polytheismus an Hochkulturen gebunden ist. Grossreiche im alten Vorderen Orient (Mesopotamien, Ägypten), Hochkulturen des eurasischen Raumes (Indien, altes Griechenland und Rom, vorzarathustrischer und vereinzelt auch nachzarathustrischer Iran, Germanen und Slawen), im vorkolumbianischen Amerika (Mexiko, Peru) und vereinzelt in Polynesien und in schwarzafrikanischen Grossreichen (z. B. Sudan) bilden seine ausgeprägtesten Varianten. Wie im alten China und Japan können polytheistische Götterwelten auch erst durch Mission von aussen geschaffen werden.

2. Wie dieser Überblick zeigt, kann Polytheismus nicht mit evolutionistischen Sichten der Religionsgeschichte ahistorisch als Entwicklungsstadium zwischen Animismus, Fetischismus oder Polydämonismus (Dämonen) und Monotheismus begriffen werden, denn sein Entstehen ist an ganz bestimmte kulturelle Voraussetzungen gebunden. Dazu gehören oft bis zur Unkenntlichkeit veränderte Hochgottgestalten, andere Götter und häufig Gruppen, von denen einige, wie z. B. die altindischen Devas, erst durch die polytheistische Grundstruktur zu charakterlich ausdifferenzierten Wesen werden. Die Grundstruktur selbst besteht in hierarchischen, verwandtschaftlichen oder rein zahlenmässigen (Paare, Dreier-, Neuner-, Zwölfer- usw. Gruppen) Beziehungsgefügen innerhalb des Pantheons und spiegelt, wie besonders G. Duntizils Forschungen zum Aufbau indoeuropäischer Pantheen ergeben haben Über- und Unterordnungen in den jeweiligen menschlichen Gesellschaften wider. Auf- oder Abstieg ethnischer oder sozialer und das Auftreten ganz neuer Gruppen, aber auch der Vorrang einer bestimmten Theologie können deshalb zu vielfältigen Verdrängungs- und Umschichtungsprozessen im jeweiligen Pantheon führen.

3. Ebensowenig wie bestimmte Religionsformen zwangsläufig zum Polytheismus führen, mündet dieser im Monotheismus. Das Bekenntnis zu nur einem Gott setzt gedanklich wie geschichtlich eine Vielzahl von Numina, nicht jedoch Polytheismus voraus. Auch monarchische Tendenzen in einem Pantheon, die einer Einzelgestalt und nicht nur einer Gruppe eine überragende Stellung verleihen, führen nicht überall zu exklusivem Monotheismus. Die polytheistische Grundstruktur bleibt erhalten, wenn bisher fremde Gottheiten durch Identifizierungen in ein Pantheon aufgenommen (Synkretismus) oder alle Gottheiten eines Pantheons als Erscheinungsweisen einer einzigen verstanden werden. Das hinduistische Pantheon zeigt, dass auch starke spekulativ-mystische Bestrebungen, die personalen Gottheiten auf das impersonale Eine hin aufzulösen, die aus der hierarchischen Ordnung der Numina erwachsende Gewissheit der Gläubigen, in den verschiedenen Lebensbereichen konstant wirkenden Schutzmächten gegenüberzustehen, zumindest auf der Ebene des Volksglaubens nicht zerstören können.
 


 

 

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