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Paradies

1. Paradies (urspr. altiran. „umfriedeter Park" u. ä.) kommt als Lehnwort im Hebräisch und Griechisch vor und wird durch die Septuaginta zur Bezeichnung des „Gartens" in Gen 2, 4 ff. verwendet; damit wird Paradies zu einem religiösen Begriff, der auch im Neuen Testament für den jenseitigen Wohnsitz der Seligen verwendet wird. Der Paradies-Begriff findet für verschiedene Sachverhalte Anwendung.

2. In den meisten Kulturen findet sich ein Typ traditioneller Erzählung (Mythos), welcher von einer vergangenen irrealen „Gegenwelt" berichtet, welche in charakteristischen Qualitäten von der jetzt gegenwärtigen realen Welt abweicht (vgl. z. B. die biblische Paradies-Erzählung: Abwesenheit und Tod, Verantwortlichkeit, Sexualität, Kultur). Solche Erzählungen laufen auf ein Ereignis hin, welches die Transformation von der Gegenwelt zur jetzigen Welt zustande bringt; in der Regel ist dies ein (wissentliches oder unwissentliches) Vergehen des Menschen. Meist sind diese Paradiese im Vergleich zur jetzigen Welt „besser", d. h., es spiegeln sich in ihrer Konstruktion Wunschträume des Menschen. Doch gibt es daneben auch „schlechte" Paradiese, Projektionen menschlicher Ängste (das Motiv des fehlenden Todes drückt sich dann in der Angst vor Überbevölkerung aus, die Nähe des Himmels verunmöglicht den aufrechten Gang des Menschen u. ä.); dann ist das Transformationsereignis nicht ein „Sündenfall", sondern eine „Befreiungstat". Meist kommt der Gegenwelt - wie der Welt -eine gewisse Ambivalenz zu. Die Erzählungen haben die Funktion, durch den Entwurf einer Irrealität die Realität zu verdeutlichen. Die biblische Paradies-Geschichte zeichnet sich durch ihre Konzentration auf die anthropologische Dimension und die damit verbundene ethische Verantwortlichkeit des Menschen aus. Zu einem eigentlichen (negativen) Entwicklungskonzept wurde dieser Paradies-Typ im indogermanischen Entwurf der aufeinanderfolgenden Zeitalter.

3. Neben dem Typus der Paradies-Erzählung, welche von einer vergangenen Gegenwelt handelt, finden sich Konzepte von aktuellen Gegenwelten, die als Paradiese bezeichnet werden können. So ist häufig die Welt der Toten als „verkehrte Welt" charakterisiert, wobei diese in ihrer Qualität der hiesigen Wirklichkeit teils über-, teils unterlegen ist (nach gängigem Sprachgebrauch bezeichnet man nur den ersteren Typ als Paradies); ab und zu gibt es Verbindungslinien zwischen der Gegenwelt der Toten und der der „fremden" Menschen, die nicht zur eigenen Lebensordnung gehören. Zuweilen ist für eine besondere Klasse von Toten - z. B. halbgöttliche Heroen, gefallene Helden, sittlich und religiös untadelige Menschen - ein besonders schönes Jenseits bestimmt (so etwa die „Insel der Seligen", die „elysischen Gefilde" im Griechentum). Zu solchen positiv konzipierten Gegenwelten tritt ab und zu ein negatives Gegenstück, die „Hölle", (so etwa das von den Orphikem konzipierte Jenseits oder auch ein weitverbreitetes, vor allem volkstümlich wirksames christliches Konzept von „Himmel" und „Hölle", welche parallel zur gegenwärtigen Welt bestehen und deren Ambivalenzen auflösen). Zuweilen wird auch der Wohnsitz der Götter, insofern er in seinen Daseinsbedingungen von denen der Menschen grundsätzlich abweicht, als Paradies bezeichnet.

4. Im biblischen Bereich unterliegt das Paradies-Konzept einer Eschatologisierung (Zukunft/Jenseits): Die ursprüngliche heile Welt, in der sich Gottes Herrschaft durchsetzt, wird erst für die Zukunft erwartet. Die durch den Fall korrumpierte Urzeit ist der Endzeit gegenüber defizitär, und die gegenwärtige Weltzeit erscheint unter weitgehend negativen Aspekten. Der Islam schliesst an dieses Konzept an, wenngleich das Paradies hier wieder individueller gesehen ist; es stellt primär die (recht handfest entworfene) Jenseitsaussicht für den einzelnen Gläubigen dar (Erwartung eines üppigen Gastmahls in herrlichen Gärten, mit Wasserreichtum, sexuellen Genüssen u. ä.) und ist kontrastiert durch die Aussicht auf die Hölle.
 


 

 

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