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Orpheus/Orphik |
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Als historische Gestalt
ist der thrakische Sänger und Lyraspieler Orpheus ebensowenig greifbar wie
der ursprüngliche Inhalt der orphischen Bewegung, die seit dem 6. Jh. v. Chr.
nachweisbar ist. Zum Grundbestand des orphischen Mythos dürfte die Erzählung
vom Zeussohn Dionysos gehören, der von den Titanen zerrissen wurde. Zeus
strafte die Titanen mit seinem Blitz und liess aus ihrer Asche das
Menschengeschlecht entstehen. Entsprechend seiner Herkunft hat der Mensch
Anteil am Dionysischen und am Titanischen; aus ersterem stammt seine Seele,
aus letzterem sein Leib, der die Seele gefangenhält. Durch orphische
Lebensweise (Enthaltung von Fleischgenuss u. a.) soll sich der Mensch aus
dem Titanischen als dem Irdischen und Bösen befreien und zum Dionysischen
als dem Göttlichen und Guten zurückkehren. Neben der Askese helfen
verschiedene Weihen, die Seele zu befreien und ihre Wanderung durch viele
Leiber in immer neuen Geburten abzukürzen. Die Bedeutung der Orphik liegt
darin, dass sie ihre asketischen Forderungen mit der Verantwortung des
Menschen vor dem Göttlichen verbunden und eine Vergeltung nach dem Tod
gelehrt hat. Der damit gegebene ethische Impuls ist von der griechischen
Philosophie aufgenommen worden, während die orgiastischen Elemente des Kults
und die magischen Praktiken wandernder Orphiker abgelehnt wurden.
Weitergewirkt hat ebenfalls die Lehre vom Dualismus zwischen Leib und Seele,
die auch die Anthropologie mancher Kirchenväter beeinflusst hat. Erst
Augustinus hütet sich davor, vom Leib als Gefängnis der Seele zu sprechen,
und benützt statt dessen andere Bilder (Gewand, Haus). Orpheus selbst, der
sich nach späteren Quellen zum Monotheismus bekehrt haben soll, galt als
vorchristlicher Weiser, die Unwiderstehlichkeit seines Gesangs, der sogar
die wilden Tiere zähmte, als Vorbild der sieghaften Worte Jesu. Als Typos
Christi konnte Orpheus in den Motivschatz der frühchristlichen Kunst
aufgenommen werden. |
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