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Opfer - religionswissenschaftlich

1. Opfer ist eine rituelle Handlung, bei der übermenschlichen Wesen eine Gabe dargebracht wird. Im Opfer versucht der Mensch Beziehungen zu übermenschlichen Wesen und Mächten aufzunehmen, sei es, um auf das Einwirken dieser Wesen in den menschlichen Bereich zu reagieren, sei es, um dieses Einwirken hervorzurufen. Rituelle Opfer-Handlungen gehören zu den wichtigsten Formen kultischer Kontaktaufnahme zum übermenschlichen Bereich (neben dem Gebet). Opfer-Handlungen finden sich bei fast allen Kulturen der Menschheit; eine Begriffsbestimmung, die die unterschiedlichen Formen abdecken will, muss sehr allgemein bleiben. Sie hat phänomenologischen Charakter.

2. Das deutsche Wort Opfer bezeichnet sowohl die rituelle Handlung als auch die dargebrachte Gabe. Im folgenden wird der Begriff im ersteren Sinn gebraucht.
Opfer leite sich ab vom lat. operari («mit rituellen Handlungen“ beschäftigt sein), wohl nicht von lat. offerre (darbringen). Die französische und englische Sprache benutzen den Ausdruck sacrifice (von lat. sacrificium [sacer + facere], heilig machen, Heiligung); im Englischen findet sich dazu weiter die Bezeichnung offer offering (von lat. offerre). Für den religions- ethnologischen Sprachgebrauch war und ist weithin der lateinische Begriff sacrificium bestimmend, etwa wenn definiert wird: der Mensch entzieht in Opfern Güter jedweder Art, die ihm wertvoll sind, dem eigenen Gebrauch und übereignet sie einer übermenschlichen Macht; oder: „sacrifice is a religious rite in which an object is offered to a divinity in order to establish, maintain, or restore a right relationship of man to the sacred order".

3. Die Analyse ritueller 0pfer-Handlungen erlaubt es, sechs Strukturelemente zu unterscheiden, die miteinander verflochten und voneinander abhängig sind:
1. Die agierenden Personen;
2. die 0pfer-Gabe
3. Ort und Zeit des 0pfers;
4. Art und Weise des 0pfers;
5. Empfänger;
6. Motive und Intentionen des 0pfers

a) Obwohl viele Kulturen auch die Möglichkeit individueller 0pfer kennen, gilt in der Regel, dass 0pfer von einem Beauftragten oder Repräsentanten einer Gruppe für diese Gruppe dargebracht werde Die Funktion des Opfernden ist dabei vielfach an bestimmte Qualifikationen und Bedingungen gebunden (soziales Oberhaupt der Gruppe, ritueller Amtsträger), und das nicht autorisierte Darbringen von Opfern kann mit Sanktionen belegt werden. Ist das 0pfer ein Gemeinschaftsritual der Gruppe, in deren Namen und zu deren Gunsten es dargebracht wird, kann eine aktive Teilnahme der Gruppenmitglieder geboten sein (etwa beim 0pfer- Mahl).

b) Alles, was für den Menschen einen Wert darstellt, einen realen oder einen symbolischen, kann Gegenstand des 0pfers sein: Menschen, Tiere, Pflanzen, Nahrungsmittel, Getränke, leblose Gegenstände, Weihrauch. Nach der Art der 0pfer-Gabe kann man zwischen blutigen und unblutigen Opfern unterscheiden. Die Opfer-Gabe kann real dargebracht oder durch eine Opfer-Materie von geringerem Wert ersetzt werden (Ersatz-Opfer). Die Opfer-Gabe kann in der rituellen Handlung auch überhöht werden und dabei selbst göttlichen Charakter annehmen (göttliche Opfer).

c) In vielen Kulturen wird unterschieden zwischen regelmässigen Opfern, die an bestimmten Punkten eines zeitlichen Zyklus vollzogen werden (im Jahreszyklus, im Lebenszyklus), und ausserordentlichen Opfern bei ungewöhnlichen Ereignissen im Leben eines einzelnen oder einer Gruppe (Krankheiten, Naturkatastrophen). Der Ort der rituellen Opfer-Handlung bestimmt sich meistens nach den Empfängern des Opfer, die an bestimmten Plätzen den Menschen näher und erreichbarer gedacht werden (Plätze der Natur, Gräber, Altäre, Schreine, Kulthäuser).

d) Die Form des Opfer-Rituals, die Art und Weise, wie ein Opfer dargebracht wird, hängt vor allem von drei Faktoren ab: von der Opfer-Materie, vom Empfänger des Opfers, von der Intention des Opfers. Blut und Getränke werden durch Ausgiessen dargebracht (Libation), Nahrungsmittel und andere leblose Gegenstände durch Hinlegen, Hinstellen, Emporheben. Bei blutigen Opfern kann die Tötung des Lebewesens wesentlicher Teil des Opfers sein, etwa wenn die Zerstörung der Opfer-Gabe wichtig erscheint; sie kann aber auch rein technische Voraussetzung für das Opfer sein, wenn etwa das Opfer-Mahl als Communio mit übermenschlichen Wesen im Mittelpunkt des Ritus steht. Verbrennung von Opfer-Gaben lässt Rauch (Opfer-Duft) emporsteigen für den (oft himmlischen) Empfänger. Chthonischen Gottheiten kann die Opfer-Gabe durch Vergraben dargebracht werden oder durch Ausgiessen auf die Erde. Dient das Opfer der Verbindung, Communio mit dem Empfänger, ist ein Opfer-Mahl vielfach ritueller Bestandteil, wobei die Opfer-Gabe ganz oder teilweise dem gemeinsamen Essen vorbehalten bleibt.

e) Alle übermenschlichen Wesen und Mächte können Adressaten des Opfers sein. Oft werden diese übermenschlichen Mächte als persönliche Wesen angesehen; sie können aber auch als unpersönliches Kollektiv erscheinen. Verstorbene und Ahnen sind vielfach schwer in die Kategorien menschlich/übermenschlich einzuordnen, da sie gleichzeitig zu beiden Bereichen gehören können; entsprechend kann man von Ahnenverehrung oder von Ahnenkult sprechen, je nachdem welchem der beiden Bereiche sie jeweils eher zugehörig gedacht werden.

f) Nach der Intention des Opfers unterscheidet man traditionellerweise: Lob-, Bitt-, Dank- und Sühne-Opfer. Die hiermit genannten Ziele und Intentionen des Opfers schliessen einander nicht aus. Das Lob- und Huldigungs-Opfer drückt die reine Verehrung und Anerkennung des empfangenden übermenschlichen Wesens aus. Häufiger sind Dank-Opfer. (z. B. Primitial-Opfer, Votiv-Opfer), die gesehen werden können als Ausdruck der menschlichen Abhängigkeit von der übermenschlichen Quelle allen Lebens. In Bitt-Opfern wendet sich der Mensch in existentieller Not an die Macht der übermenschlichen Welt, sei es, um Hilfe aus konkreter Notlage zu finden, sei es, um die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der kosmischen Ordnung zu erwirken, falls diese gestört ist. Sühne-Opfer erstreben die Versöhnung mit dem übermenschlichen Bereich, wenn fehler- oder schuldhaftes Verhalten von Menschen die vorgegebene Ordnung gestört hat.
Eine andere Unterscheidung von Opfern nach ihrer Intention sieht drei Hauptkategorien vor: Opfer
1. zur Kontaktaufnahme mit der übermenschlichen Welt, zur Errichtung und Aufrechterhaltung der Verbindung mit dieser Welt;
2. zur Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung;
3. zur Erhaltung einer Gegengabe von seiten der übermenschlichen Welt.


4. Die zentrale Rolle des Opfers in vielen Religionen hat im Laufe der Jahre zu zahlreichen Erklärungs- und Deutungsversuchen geführt. Ältere Opfer-Theorien versuchten, Aussagen zur Geschichte des Opfers vorzulegen, den Ursprung des Opfers zu finden. E. B. Tylors Opfer-Theorie sieht im Opfer ursprünglich den Bestechungsversuch nach dem Modell des Handelsgeschäftes, aus dem sich auf späteren Stufen der Menschheitsentwicklung „reinere" Opfer-Formen herausgebildet hätten. In Tötung und gemeinschaftlichem Verzehr des Totemtieres lag für W. R. Smith der Ursprung des Opfers begründet. Die rituelle Tötung eines göttlichen Wesens oder dessen Personifizierung (im König oder Oberhaupt des Stammes) als Mittel zur Erneuerung der göttlichen Kraft war für J. G. Frazer der Ursprung des Opfers. Nach W. Schmidt ist das Primitial-Opfer, in dem Anerkennung und Dank dem Höchsten Wesen dargebracht werden, die ursprünglichste Art des Opfers. Weniger an Geschichte und Entwicklung orientiert sich die Opfer-Theorie von H. Hubert und M. Mauss. Nach ihnen ist es der zentrale Sinngehalt des Opfers, dass mit ihm die Verbindung zwischen dem profanen und dem sakralen Bereich geschaffen wird. Durch den Ritus wird die Opfer-Gabe geheiligt, und so wird die Verbindung zum Sakralen möglich, die wiederum den Opfernden heiligt. Für A. E. Jensen erschliesst sich der ursprüngliche Sinn des Opfers, wenn man es als dramatische Wiederholung eines mythischen Urzeitgeschehens deutet, wie es sich in bestimmten Pflanzerkulturen findet.
Die unterschiedlichen Akzentsetzungen der einzelnen Opfer-Theorien zeigen, dass jeweils bestimmte Opfer-Arten aus bestimmten Kulturen herausgegriffen und generalisiert wurden. Das weite Spektrum der unterschiedlichen Opfer-Arten lässt es fraglich erscheinen, ob eine allg.-gültige Opfer-Ideologie überhaupt erkennbar, eine generelle Opfer-Theorie also möglich und sinnvoll ist.
 


 

 

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