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Opfer - jüdisch

1. Altes Testament
Für das AT ist das Opfer zu allen Zeiten so selbstverständlich, dass es weder erklärt noch theologisch legitimiert wird. Wenn auch die terminologische Übereinstimmung mit dem Vorderen Orient auf eine weitgehend identische Opfer-Vorstellung schliessen lässt, so liegt uns doch die Zeichnung des alttestamentlichen Opfers vornehmlich nur in Prägungen der exilisch-nachexilischen Priesterschaft vor. Eine vorexilische Opfer-Entwicklung ist nur noch rudimentär zu erkennen. Das Profil des israelitischen Opfers wird wesentlich geprägt durch prophetische Kultkritik und Monotheismus.
Die magische Auffassung des Opfers als Nahrung für die Gottheit und seine Deutung als Leistung des Opfernden werden dezidiert zurückgewiesen zugunsten einer Zeichnung Jahwes als Pantokrator, dem je schon alles gehört. Erst in der nachprophetischen Zeit nach dem Exil kann diese Auffassung in spätpriesterlichen Texten wiederaufleben. Magische Züge bleiben indes hintergründig sichtbar beim Sünd-Opfer.
Der do-ut-des-Gedanke wird reduziert, obwohl es nicht völlig gelingt, das Opfer als Gabe (minhah, qorban) davon zu befreien (Relikt nur noch im Gelübde-Opfer). Der Gabe-Charakter wird nun auf die Motive der Huldigung Gottes und Dankbarkeit gestützt.
Im AT lassen sich drei Entwicklungsstufen sichtbar machen: Urspr. war das Opfer im Leben des Individuums, der Familie oder Sippe integriert. Jeder konnte opfern, bevorzugter Opfer-Herr war jedoch der Familienvater. Spätestens mit der staatlichen Konsolidierung wird das individuelle Opfer Bestandteil des Kultes am hl. Ort (der Grundtext von 2 Kön 16,10-18 enthält noch eine vorexilische Opfer-Ordnung) mit zunehmender Zentralisation nach Jerusalem und Vereinheitlichung des Rituals. Die jüngste Entwicklungsstufe prägt entscheidend das uns überkommene Opfer-Bild: Das Opfer geht exklusiv in die priesterliche Verantwortung über. Die ältere Differenzierung der Opfer wird überlagert durch Opfer-Kumulation und Dominanz des Sünd-Opfers. (konsequent weitergeführt in der Tempelrolle von Qumran).
Das AT kennt folgende Opfer-Arten, deren Herausdifferenzierung aus einem hypothetischen „Ur-Opfer" nicht mehr möglich erscheint:
- Die Liste der Opfer wird angeführt vom Brand-Opfer, wörtl. „das Aufsteigende". Die ältesten Belege (Opfer Gideons, Ri 6; Opfer der Ba'alspropheten, 1 Kön 18) zeigen, dass Israel dieses Opfer erst in der Zeit nach den Patriarchen von den Kanaanäern übernommen hat, auch wenn der Jahwist schon Noach die blah darbringen lässt (Gen 8,20). Sie hat darüber hinaus ihren Ursprung wahrscheinlich im Bereich der vorgriech.-vorsemit. Bevölkerung südl. des Taurus. Da bei der blah die gesamte Opfer-Materie (Rind, Bock, Widder, Taube) verbrannt wurde, spricht das AT auch vom Ganz-Opfer (Wild). Das Ritual enthielt urspr. die Bestandteile: Schlachtung - Zerteilung - Verbrennung. Dem sind später zugewachsen die theologisch höchst relevante Handaufstemmung (Ritus der Demonstration, Identifikation oder Übertragung der Sünden) und die Besprengung des Altares mit Blut. Der begleitende Wortgottesdienst ist nicht mehr im urspr. Zusammenhang erhalten.
- Das älteste Opfer, die Opfer-Gabe (minhah). war zuerst die Gabe allg. Spätestens in der Priesterschaft entwickelt sie sich zum vegetabilischen Opfer, das mit Weihrauch und Öl zusammen auf dem Altar dargebracht wurde.
Der urspr. Gabe-Charakter wechselte über zum qorban „Darbringung". Nach Lev 2,9 hatte der Priester dem minbah-Opfer einen Teil zu entnehmen, der als „Gedächtnisanteil" auf dem Altar verbrannt werden sollte. Dieses Opfer sollte Israel vor Jahwe in Erinnerung bringen, auf ihn eine beruhigende Wirkung ausüben oder seine Präsenz anzeigen, wie auch die zwölf „Schaubrote" die Stämme Israels vor Jahwe in Erinnerung halten sollten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Speise-Opfer zum Haupt-Opfer schlechthin, zur Abend-minflah.
- Ebenfalls über Kanaan gelangte nach Israel das „Heils-Opfer", das in besonderer Weise die Gemeinschaft des Opfernden mit Gott bewirkte. Entsprechend wurden Blut und Fetteile verbrannt, während das Fleisch vom Opferer oder - ekklesiologisch interessant - von der Opfer-Gemeinde in einem Gemeinschaftsmahl verzehrt wurde. Wahrscheinlich ist das Heils-Opfer Integration und Weiterführung des weit älteren nomadischen „Schlacht-Opfers" - als früheste Form ist das Passah-Opfer (südarab. Herkunft?) anzusehen -, das bes. an allen Festtagen des israelit. Kalenders abgehalten wurde.
- Ausdifferenzierungen des Heils-Opfer sind das „Dank-Opfer" mit seinen Varianten „freiwilliges Opfer" und „Gelübde-Opfer". Dem „Sünd-Opfer" und dem daraus abgeleiteten „Schuld-Opfer" sprach man Sühnewirkung zu. Ein solches Opfer wurde notwendig nach Gesetzesübertretungen, bes. nach rituellen Verstössen, und zur Sühne bei einem Mord durch einen unbekannten Täter. Da es reinigende Wirkung hatte, begleitete es den Ritus der Priesterweihe und die Reinigung von Altar und Volk. Es besiegelte die Reinigung vom Aussatz und nach sexuellen Verunreinigungen. Im Unterschied zum Brand-Opfer wurde der Blutritus ausschliesslich an den Hörnern des Altares vorgenommen. Da das Opfer-Fleisch als kontaminiert galt, musste es ausserhalb des Heiligtums verbrannt werden. Eine besondere Ausprägung dieses Opfer ist der Ritus des Sündenbockes am Grossen Versöhnungstag.
Das Menschen-Opfer gehörte offensichtlich niemals zum offiziellen Kult Israels, erst recht nicht in den Zusammenhang der Darbringung der menschlichen Erstgeburt, für die dezidiert die Auslösung vorgeschrieben war. Schon frühe Texte (z. B. Gen 22) bezeugen dies ausdrücklich. Nennungen von Menschen-Opfern weisen entweder eindeutig in den kanaan. Raum (z. B. Jer 7,31; 19,5) oder sind historisch zu bezweifeln (z. B. Ri 11,30-40; I Kön 16,34; Maiberger). Jedenfalls ist der Gedanke, mittels Menschen-Opfer Not abzuwenden, nachexilisch importiertes phönizisches Gedankengut.
Die prophetische Kritik am Opfer-Kult richtete sich nicht gegen das eigentliche Opfer als vielmehr gegen depravierende Deutungen, die das Opfer als Ersatz für ethisches Handeln und als Heilmittel gegen göttliches Gericht verstanden. Die Propheten begründeten ihre Ablehnung damit, dass das Israel der Wüstenzeit keine Opfer gekannt habe, Opfer also nicht konstitutiv waren für den existentiellen Dialog der Menschen mit Gott. Dem widersprechen jedoch bereits alte privilegrechtliche Bestimmungen, nach denen es nicht erlaubt ist, vor Jahwe mit leeren Händen zu erscheinen. Gerade der offizielle Opfer-Kult war ethosbewusst, da z. B. das Sünd-Opfer Sündenbekenntnis und Wiedergutmachung verlangte. Im Levi-Spruch findet die prophetische Kritik und die alte Weisheit ihren Niederschlag in der Werteskala: zuerst das Gottesrecht, dann das Opfer. Auf der Basis prophetischer Opfer-Kritik kommt es dann in der frühnachexilischen Theologie zur Metaphorisierung und Spiritualisierung, die es dem nachbiblischen Judentum und der Urkirche erleichtern werden, den Opfer-Kult auszusetzen. Ps 51, 17 ff.; 141,2 u.ö. fordern Demut und Gebet als Opfer-Materie. Nach Jes 66,20 bildet Israel die universale rhinhah aller Völker in Jerusalem zum eschatologischen Lobpreis Jahwes. Wenn das AT auch nie die theol. Grundlagen des Opfers reflektiert, lassen sich doch einige sichtbar machen: Verantwortbar ist das Opfer nur als Ausdruck innerer Gesinnung (Handlung als Gebet). Es gilt als eine der wichtigsten Möglichkeiten der (Wieder-)Herstellung der Beziehung zu Gott. Die Opfer-Gabe verbindet, schafft Gemeinschaft und versöhnt. Im Opfer setzt der Mensch nicht magisch eine neue Beziehung, sondern er greift eine Beziehung auf, die Gott vorgängig eingestiftet hat. Er ruft diese Beziehung durch das Opfer bei Gott in Erinnerung, und Gott bestätigt sie durch die Annahme. Damit steht das Opfer im AT je schon in unmittelbarer Verbindung zum Bund Gottes mit den Menschen. Entsprechend wird das Opfer in die sem Beziehungsfeld zur Äusserung des Erlösungsverlangens und zum Lobpreis für vergangenes Heilshandeln. In der Übertragung des Schuld-Opfer-Begriffes auf das stellvertretende Sühneleiden des Gottesknechtes leistet das AT schliesslich den Ausblick auf den Sühnetod Jesu Christi im NT, wodurch der Opfer- Kult zur endgültigen Vollendung geführt wurde.

2.Qumran
Bereits Philo wies auf den opferlosen Kult der Qumranessener hin als Folge der Distanz zum Jerusalemer Tempel (Nachwirkung deuteronomischer Kultzentralisation) aus der Kritik an der unreinen Priesterschaft, nicht dagegen aus grundsätzlicher Opfer-Kritik heraus. Die Kontamination des Jerusalemer Tempels machte das Brand-Opfer vorübergehend sinnlos (CD 6, 12); es ist erst für die Endzeit wieder vorgesehen (I QM 2, I ff.). Für die Zwischenzeit entwarf die Mönchsgemeinde vom Toten Meer eine Ersatzlösung. Nach I QS 9,3-5 bilden die Schlacht-Opfer keine Möglichkeit der Sühne, vielmehr ist das „Opfer der Lippen" einzig Gott wohlgefällig, eine konsequente Wiederaufnahme von Ps 51,17 ff. Lob-Opfer und rechter Lebenswandel in der Gemeinde, verstanden als neuer Tempel, treten als gleichwertiger Ersatz des Opfer ein. Versteht man die Tempelrolle als programmtora der neuen, zukünftigen Gemeinde, dann sind dort wieder Opfer in reicher Fülle vorgesehen (TR 13), bes. an den grossen Jahresfesten (TR 27-29). Für das Sabbat-Brand-O. werden auch weiterhin die liturg. Gebete tradiert (vgl. Strugnell: VTS 7, 1960, 318-345; C. Newsom: HSSt 4, 1985).
3. Rabbinen. Mit der Zerstörung des Tempels ist der Opfer-Kult unmöglich geworden. Er ist interimistisch ersetzbar durch Gebetskult, Toragehorsam und Wohltätigkeit, nach dem Midrasch Tehillim durch Sündenbekenntnis und minbäh-Gebet; allerdings hält die Halacha an den biblischen Opfer-Vorschriften fest, um sie bei einer potentiellen Wiedererrichtung des Tempels erneut in Kraft zu setzen (Mischna Tamid und die 17. Benediktion. im Sa.emofle Esre: „Herr, unser Gott,... bringe wieder den Opfer-Dienst in den Tempel deines Hauses1"). Daneben aber existiert im Judentum auch eine mystische Richtung, die den irdischen Opfer- Kult als Abschattung des himmlischen versteht und deshalb auf ihn verzichten kann (vgl. weiter H. Thyen: EWNT II, 1981, 405).
 


 

 

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