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Opfer - christlich

1. Von seiner Herkunft aus dem Judentum kommt dem Christentum von vornherein eine ambivalente Beziehung zum (kultischen) Opfer zu: Jesus und auch Paulus sind noch die Zeitgenossen eines blühenden Opfer-Kultes im Tempel von Jerusalem. Dieser wird nicht einfach abgelehnt, wohl aber werden, in der Tradition der Kultkritik der Propheten, für dessen Vollzug die ethische Haltung der Lauterkeit und Versöhnungswilligkeit gefordert. Andererseits zeigen die Glaubenszeugnisse der frühen Kirche eine Nähe zu jenem Verständnis des zeitgenössischen Judentums, das „Opfer" auch in einem übertragenen Sinn von der rückhaltlosen Treue zur Tora und einem lauteren Lobpreis Gottes versteht, jene Haltungen also, die das Judentum die Katastrophe der Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.) überdauern liess, aber zuvor schon die Bedeutung des Tempelkultes relativiert hatte.
- Mit dem Judentum erkennt die Urgemeinde in den Kulten der Heiden keinen positiven Wert; er wird, unvereinbar mit dem Glauben, faktisch ignoriert, im Bedarfsfall als relativ irrelevant erklärt (vgl. die Diskussion über den Genuss von Opfer-Fleisch 1 Kor 10).

2. Die rettende, heilbringende Lebenshingabe Jesu in seinem Tod am Kreuz wird schon bald mit Kategorien des kultischen Opfers interpretiert, freilich nur so weit, als dadurch die Einzigkeit der Person und des Handelns Jesu gegenüber dem Kult im Tempel von Jerusalem (und erst recht gegenüber den Opfern der heidnischen Kulte) gewahrt bleibt. Der Bericht vom Letzten Mahl enthält, zumal in den Fassungen bei Mk (etwa 14,24) und Mt, Termini der Opfer-Sprache. (Eine weitere „Opfer- Interpretation" s. u.) Unter den Schriften des NT geht in der Aufnahme einer Opfer- Theologie Hebr am weitesten. Zur Zeit seiner Abfassung ist freilich der Jerusalemer Tempel schon zerstört, die Kirche ist, in Aufnahme der jüd. Vorstellung des „heiligen Restes", als das neue und wahre Israel der Erbe des eigentlichen Kultes, nun „im Geist und in der Wahrheit" (Joh 4, 23 f.), also vollzogen vom auferstandenen, im Geist in der Kirche lebenden Herrn. Dennoch wahrt die frühe Kirche lange Zeit programmatisch eine Distanz in rituellen und sprachlichen Assoziationen gegenüber jeglichem Kult. Zumal die Übernahme eines Begriffes wie „Priester" als Bezeichnung des Leitungspersonals wird in der Kirche zunächst vermieden.

3. Aber schon im 3. Jh. wirken sich Ansätze aus, die darauf drängen, eins der beiden wichtigsten Sakramente der Kirche, (neben der Taufe:) die Eucharistie, mit den Erfahrungen der Grundkategorie menschlichen Verhaltens vor dem Numinosum, dem Opfer, zu interpretieren. Schon die (zu Ende des 1. Jh. anzusetzende) Didache (10, 1-3) sieht in dieser von Jesus gestifteten, seiner Anamnese dienenden Handlung die (Israel strafend bedrohende, der Kirche nun tröstliche) Verheissung (Mal 1,11.14) erfüllt: die Eucharistie (so mindestens in der Folgezeit die klare Interpretation) ist das Opfer im Geist, das Christus zusammen mit der Kirche und in dieser dem Vater darbringt, indem er so seine einmalige opfernde Hingabe an den Vater als für alle Zeiten gültig und bleibend ausweist. Zunehmend werden Termini der kultischen (Opfer-)Sprache für die Eucharistie, die in ihr Handelnden, dann auch für das Handeln des historischen Jesus unproblematisch gebraucht. Faktoren der Zeit- und Geistesgeschichte verstärken diesen Prozess: in der Spätantike, erst recht im Mittelalter, ist die Kirche ohne Konkurrenz durch Opfer-Religionen; „Opfer" ist somit jeder korrekturbedürftigen Zweideutigkeit enthoben. Das frühe Mittelalter bringt ferner mittels der (tropologischen, auch anagogischen) Allegorie eine hermeneutische Methode bei, die es gestattet, Vorgänge als „Opfer" zu sehen, die phänotypisch (wie die Eucharistiefeier) wenig davon erkennen lassen.

4. So ist für die grosse Theologie des abendländischen Mittelalters „Opfer" eine selbstverständliche Kategorie, angewandt auf das erlösende Handeln Jesu und dessen Fortwirken in der Kirche, d. h. sakramental in der Eucharistie, ethisch im vom Glauben geführten Leben der Christen. Gewiss werden die kritischen Sicherungen angebracht. Aber gerade in der theologischen, noch mehr der homiletischen und aszetischen Interpretation der Eucharistie treten unverantwortete Vergröberungen auf. Am schwersten wiegt, dass „Opfer" auf (subjektive) Hingabe verkürzt erscheint, somit die Selbstaufgabe, ja die Zerstörung der Opfer-Gabe statt der Annahme des Opfers (der Gabe und damit auch des Opfernden) durch Gott (die Gottheit) einen ungebührlichen Akzent erhält. Das Handeln des Menschen droht das entscheidende Handeln Gottes in den Hintergrund zu drängen. Diese Sicht geht in wechselseitiger Verstärkung parallel mit einem Verständnis, das das Heil mehr und schliesslich fast allein im Kreuz (= Opfer-Hingabe) Jesu und nicht mehr auch in der Auferweckung (als der Opfer-Annahme) begründet sieht.

5. Gegen diese vergröberte Sicht richtet sich der markante Protest der Reformation: Das allein genügende Opfer Jesu, dargebracht in seinem Kreuzestod, schliesst jedes weitere Opfer in der Christenheit aus. Die Messe ist kein Opfer, allenfalls dessen gnadenvolle Zuwendung. Im Gegenzug dazu stellt das Konzil von Trient den Opfer-Charakter der Messe fest - unbeschadet der Alleingenügsamkeit des Opfer Jesu (DS 1738-1759, 1764) - überlässt aber die nähere Interpretation den Theologen. Diese haben in einer immensen Anstrengung des Denkens viele Modelle („Messopfertheorien") entwickelt; keines wurde vom Lehramt der katholischen Kirche als authentisch übernommen, keines konnte auch befriedigen.

6. Einen neuen Ansatz fand die katholische Theologie in der liturgischen und biblischen Erneuerung nach dem 1. Weltkrieg. Im Rückgriff auf Kategorien des biblischen Denkens und in Interpretation der althergebrachten Texte der Liturgie selbst wurde festgestellt, dass die Eucharistiefeier „Opfer" allein als Anamnese ( objektives Gedächtnis) ist, also, ohne Verlust von Wirklichkeit, stets (nur) relationales Opfer Diese Einsicht ist inzwischen Allgemeingut der theologischen Schulen geworden und wird auch vom Lehramt der katholischen Kirche vertreten. Damit sind viele, lange Zeit kontrovers-theologisch belastende Fragen gegenstandslos geworden.

7. Doch hat sich zur gleichen Zeit, als innerhalb der (kath.) Kirche die Theologie der liturgischen Erneuerung „Opfer" neu bedachte, ein prinzipieller Einwand gegen „Opfer" erhoben, der sich nach dem 2. Weltkrieg auch in der Theologie innerhalb der kath. Kirche geltend macht: die „dialektische Theologie" erklärte das Christentum prinzipiell nicht in den Kategorien von „Religion" fassbar; „Opfer" ist ein ungemässer, die Einzigartigkeit des Handelns Gottes in Jesus einem prinzipiellen Missverständnis ausliefernder Begriff, der unbedingt vermieden werden muss. An diesem Einwand ist richtig, dass die Kategorie „Opfer" niemals das Heilsmysterium Gottes in Jesus Christus ausschöpft, auch nicht als Erfüllung von Verheissungen und Erwartungen, die sich in den kultischen Opfern der Religionen anzeigen. An eine Grenze stösst diese Sicht aber dort, wenn gefragt wird, wie denn überhaupt sinnvoll vom Handeln Gottes in Christus gesprochen werden soll, wenn die Kategorien menschlicher Erfahrung das eigentliche Wesen gar nicht erfassen, ja nur verdunkeln. Auch für „Opfer" ist eine analogia entis sinnvoll, wenn die schon im MA formulierte Grenze eingehalten wird, dass das Nicht-Vergleichbare das Vergleichbare überwiegt (vgl. DS 806).

8. In der Theologie der Gegenwart spielt freilich die Rede vom „Opfer" keine überragende Rolle mehr. Neben der neu zur Geltung gebrachten Kategorie der Anamnese und der wieder herausgestellten Bedeutung der Auferweckung/7Auferstehung Jesu, neben dem prinzipiellen, immer noch beeindruckenden Einwand der dialektischen Theologie, steht gegen „Opfer" noch das Fehlen einer aktuellen Erfahrung; was in der nordatlantischen Gesellschaft an „Opfern" vorkommt, spricht eher gegen eine rel. Rede vom Opfer Die programmatischen und latenten Mächte unserer Zeit fordern vom Menschen „Opfer" in einem Ausmass, das alle Kulte der Vergangenheit nicht nur nach Zahl und Anspruch überschreitet, sondern „Opfer" jeden positiven Sinnes entkleidet („Holocaust" als Beispiel für „Opfer" der weltanschaulich-politischen Diktaturen, „Verkehrs-Opfer" als Beispiel der Zwang ausübenden neuzeitl. Zivilisation).

9. Damit ist aber die Sache, die frühere Generationen mit der Kategorie „Opfer" erfahren haben und ins Wort brachten, nicht erledigt; die Wahrheit der Aussage weiter zu tradieren bleibt eine theol. Aufgabe. Ein Beitrag des Exegeten H. Gese (den Systematiker wie J. Ratzinger und K. Lehmann aufnahmen) kann zeigen, wie dies möglich ist. Er stellt fest, dass die erste Generation der Christen die so schreckliche, das Begreifen übersteigende Tatsache des Kreuzestodes Jesu als die (eschatologische) Liturgie des Ps 22(21) verstand, insofern Jesus das diesem Psalm zugrundeliegende GelübdeDank-(„Toda"-)Opfer (dessen Tehilla der Ps ist) nach seiner Errettung aus dem Tode, zusammen mit seiner Gemeinde, vollzieht (belegt durch die Zitationen dieses Ps in den synopt. Passionsberichten). Diese Beobachtung bringt nicht nur den Vorteil, die ganze Geschichte der Passion Jesu, vom Letzten Abendmahl bis zu den Erscheinungen des Auferstandenen, zu einem theol. gewerteten Ganzen zu verbinden, sondern zeigt die Kategorie „Opfer" als einen kaum entdeckten, aber trotzdem höchst wirksamen hermeneutischen Schlüssel zur Interpretation des Werkes Jesu, wie es seit Ostern durch die Zeiten hindurch wirksame Gegenwart geworden ist.
 


 

 

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