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1. Für das Verhältnis von
Ökonomie und Religion gilt in methodischer Hinsicht ähnliches wie für das
von Politik und Religion. In der modernen Gesellschaft hat sich ein von den
übrigen Lebensbereichen abgehobenes ökonomisches Teilsystem ausgebildet,
das, inzwischen zu einem Weltwirtschaftssystem zusammengewachsen, mehr noch
als das politische eine Eigengesetzlichkeit besitzt und beansprucht, die für
religiös-ethische Motive kaum noch durchlässig erscheint. Die Wirtschaft
macht innerhalb der funktional differenzierten Gesellschaft den Bereich aus,
in dem die neu-zeitliche Rationalität ihre gesellschaftliche Haupttriebkraft
hat und die Religion mit dem Stigma des Irrationalen belegt. Umgekehrt
versteht sich Religion als einen fundamentalen, die Rationalität umgreifende
und die menschliche Existenz total prägenden Akt, der auch deren
wirtschaftlich-materielle Seite zu bestimmen beansprucht. Dass ihr dies kaum
noch gelingt, heisst nicht, dass sie funktionslos geworden sei. Ihre
Funktion besteht darin, verschiedene in den übrigen Teilsystemen nicht
lösbare Probleme der vergesellschafteten Individuen wie Tod, Leid,
Kontingenz und Sinn zu bewältigen. So trägt sie zur Legitimität und
Stabilität des Gesellschaftssystems im ganzen bei. Mit dieser ihr von der
funktionalistischen Gesellschaftstheorie angesonnenen Funktion kann sich
aber Religion, insofern sie auf ein Jenseits der Gesellschaft bezogen ist,
nicht zufriedengeben: „Wo diese Funktionalisierung von Religion und Kirche
perfekt gelänge, wäre sie deren Tod".
2. Das historische Gegenstück zu diesem teils befürchteten, teils erwarteten
Ende wahrer Religion in der säkularisierten Gesellschaft bildet deren
Herkunft auch aus religiösen Wurzeln. Ihr hier in Frage stehendes
ökonomisches Teilsystem ist nicht nur - wie jede menschliche Kulturtätigkeit
- ursprünglich aus der Religion hervorgegangen (vgl. etwa den sakralen
Ursprung des Geldes), sondern auch die spezifisch neu-zeitliche W. hat
„geistige" Voraussetzungen religiöser Art. Aus M. Webers berühmter These
über die Genese des „Geistes des Kapitalismus" aus der prot.-calvinistischen
Ethik - mag sie auch wie seine Untersuchungen der Wirtschafts-Ethik der
Welt-Religionen insgesamt differenziert und ergänzt werden müssen - geht
hervor, dass Religion nicht einfach als Epiphänomen der
Produktionsverhältnisse erklärt werden kann, wie die materialistische
Geschichtsauffassung des Marxismus behauptet. Die Bezeichnung der modernen
Wirtschaft als „Kapitalismus" wendet sich andererseits gegen eine rein
ökonomisch-technische Sicht, die sie lediglich als ein System von
Marktgleichgewichten begreift und analysiert (und deshalb statt dessen von
„Markt-Wirtschaft", bisweilen in Zusammensetzungen, spricht). Demgegenüber
blendet die geistesgeschichtliche Interpretation der klassischen
Religions-Soziologie die sozialen Bezüge der Wirtschaft nicht aus; wenn sie
den „kapitalistischen Geist" untersucht, stehen immer auch dessen soziale
Träger - seien es Calvinisten, Juden, Bürger oder wer auch immer - im Blick.
Wirtschaft ist primär ein Verhältnis unter Menschen bei der Verfolgung ihrer
- zunächst materiellen - Bedürfnisbefriedigung und erst sekundär ein
Verhältnis zu Objekten der Güterwelt. Erst eine soziale, nicht bloss
ökonomistische Betrachtung - wie sie A. Smith, dem Begründer der
National-Ökonomie, der „von Haus aus" Moralphilosoph war, noch fernlag
-macht die Wirtschaft auch für religions-ethische Überlegungen zugänglich.
Sie ist in einer Zeit, da die angebliche Rationalität des
Wirtschafts-Systems deutlich irrationale und inhumane Folgen
(Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, weltweite Ungerechtigkeit) zeitigt,
auch dringend geboten.
3. Die zentrale Forderung der christlichen Sozialethik an die Wirtschaft
lautet, in Worten der katholischen Soziallehre formuliert, der Sache nach
aber gemeinchristlich: Die Würde der menschlichen Person und das Wohl der
gesamten Gesellschaft sind zu achten und zu fördern, da der Mensch Urheber,
Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft ist. Dieses Kriterium hat eher
negativkritische Bedeutung; es lehnt etwa eine strikt kapitalistische
Wirtschafts-Weise, in der statt des Menschen das Kapital und dessen
systematische Mehrung im Mittelpunkt stehen, ab, enthält aber weder eine
Option für ein bestimmtes Wirtschafts-System (Markt-,
Zentralverwaltungs-Wirtschaft) noch Anweisungen für die Verteilung der
wirtschaftlichen Macht auf die Faktoren Arbeit und Kapital. Überhaupt stellt
die Vermittlung der ethischen Grundsätze mit der Komplexität und der
grundsätzlich anerkannten wirtschaftlichen Sachgesetzlichkeit ein nicht
definitiv zu lösendes Kernproblem christl. Wirtschafts-Ethik dar. (Weit mehr
als im Christentum scheint das islamische Wirtschafts-Ideal
positiv-inhaltlich bestimmt; im Zentrum steht die Zakat, die nach modernen
Interpreten die Vorteile des Kapitalismus und Sozialismus verbinden soll.)
So plural wie die Konkretisierungen sind auch die christlichen Ansätze für
eine theologische Begründung des humanen Kriteriums der Wirtschaft. Mag sie
naturrechtlich-schöpfungstheologisch oder christologisch oder eschatologisch
erfolgen, immer geht es darum, vom „Letzten", dem Zentrum des Glaubens, her
Kriterien für das „Vorletzte" zu gewinnen. Diese christliche Relativierung
der Wirtschaft als etwas „Vorletztes" schliesst die Anerkennung der gesch.
einmaligen Leistungen der modernen Wirtschaft und der in ihr Tätigen ein und
bedeutet keineswegs Indifferenz: „Das Reich Gottes ist nicht indifferent
gegenüber den Welthandels-preisen" (Würzburger Synode: Unsere Hoffnung I,
6). Sie trifft sich heute mit „postmodernen" Tendenzen, die sich von den
verabsolutierten Mächten der Moderne, darunter einer hypertroph gewordenen
Wirtschaft, um der Humanität willen abzuwenden beginnen.
4. Das Christentum steht zur Wirtschaft nicht nur in der Beziehung eines
Verkünders eines Ethos, sondern ist als sozial verfasste Grösse selbst auch
eine wirtschaftliche Grösse. Neben einer christlichen Wirtschafts-Ethik gibt
es eine kirchliche Wirtschafts-Geschichte (die hier natürlich nicht
nachgezeichnet werden kann). Die Kirche war schon recht früh eine wichtige
Wirtschafts im Abendland, und die verschiedenen christlichen Kirchen sind es
in etlichen Ländern z.T. bis heute. Dieser Aspekt, der für andere Religionen
wohl in analoger Weise gilt, ist in zweifacher Hinsicht bedeutsam: Einmal
lässt die Verflochtenheit der Kirchen und Religionen in einen
wirtschaftlichen Kontext Rückwirkungen auf sie selbst vermuten. (Für das
Christentum zeigen sie sich etwa darin, dass es, da die längste Zeit seiner
Geschichte in einer agrarisch-bäuerlichen Wirtschaft mit ihrer typischen
Mentalität beheimatet, nur schwer Zugang zu anderen Wirtschaften und
Lebensformen, etwa der Industriearbeiter, findet.) Sodann lässt sich aus der
Wirtschafts-Geschichte des Christentums der Hinweis entnehmen, dass es
vielleicht mehr noch als durch seine Wirtschafts-Ethik mittels einer
„Orthopraxis" im Wirtschaftlichen in den Raum der allg. Gesellschaft
hineinwirken könnte.
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