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Noro-Religion (Ryukyu)

Die dem gesamten religiösen Leben der Ryukyu-Inseln zugrunde liegende Konzeption ist die einer spirituellen Dominanz der Schwester (unari, jap. onari) über den Bruder. Auf Familienebene verrichtet sie Gebete und Zeremonien; in patrilinearen Sippen ist es die Schwester des Familienoberhauptes, deren Amt von der Tante väterlicherseits auf die Nichte vererbt wird, der die Verehrung der Ahnen obliegt. Auf Dorfebene besteht die Kultgruppe kamin-chu, an der Spitze die Schwester nigami, „Ursprungs-Gottheit", des Sippenoberhauptes der Dorf-Gründerfamilie, nicht „Ursprungs-Mensch". Der Kult richtet sich vornehmlich auf eine lokale Schutzgottheit mit Zügen einer Schöpfer- und Ahnengottheit bzw. eines Kulturheros, daneben auch auf zu bestimmten Festen aus einer anderen Welt im Himmel (obotsukagura) über Berge, Bäume herabgerufene (Shinto) oder aus einem Paradies jenseits des Meeres (nirai-kanai, neriya) erscheinende, Segen und Fruchtbarkeit gewährende Besuchergottheiten. Kultort der ersteren sind das Gehöft des Dorfgründers (toneya) im Dorfzentrum mit heiliger Feuerstelle und das Grab des ersten Ahnen (ibi); sakrale Haine (utaki, wa) bzw. eine einfache Halle (ashiage) im Falle der Besuchergottheiten.
Bei der Bildung von lokalen Herrschaften (12. Jh.) wurde die Macht der anzu anji-Herren durch die Einsetzung ihrer Schwester als nuru/noro-Oberpriesterin religiös abgesichert. Nach der Reichseinigung der zweiten SM-Dynastie zwang König Sho Shin (1477-1526) alle anzu zur Ansiedlung in der Hauptstadt Shuri; die Noro-Priesterinnen wurden hierarchisch zusammengefasst, erhielten Investitionsurkunden (go-imban) vom König und unterstanden drei, die früheren Teilreiche repräsentierenden Oberpriesterinnen (oamu-shirare) und der Schwester des Königs (Kikoe-ufu-gimi). Zentrale Kultstätten des Reiches waren der 1519 errichtete Sitz der letzteren, Sono-hiyamu-utaki in Shuri, an dem eine Ahnengottheit, die Feuergottheit und ein Kulturheros verehrt wurden; die Insel Kudaka im Osten, wo die Ahnen der Menschheit, Amakiku und Shineriku, vom Himmel herabgestiegen waren; und der Seefa-utaki auf der Halbinsel Chinen, von wo aus Kudaka aus der Ferne verehrt wurde.
Die religiösen Überlieferungen wurden erstmals gesammelt im 1532 vollendeten 1. Band der „Omoro(-zoshi)", einer bis 1623 kompilierten Sammlung von 1553 Gesängen. 1605 verfasste der japanische Jodo Mönch Taichu-shonin das „RyukyuShinto-ki", ein theol. Traktat mit Beschreibungen von Kultstätten auf Okinawa und einheimischen Mythen. 1650 wurde auf königlichen Befehl von Reichskanzler Sho Joken die Reichschronik „Chuzan-seikan" in jap. Sprache, 1697-1701 als Reaktion darauf von Sai Taku das „Chuzan-seifu" in chin. Sprache als Annalenwerk, und schliesslich 1701-1713 das „Ryukyu-koku-yuraiki" als Sammlung lokaler Überlieferungen (chin. Ausgabe 1731 als „Ryukyu-kokukyuki") angelegt. Alle Quellen enthalten wichtiges Material über Mythos und historische Entwicklung der Religion.
Im Gegensatz zum japanischen erscheint der Mythos der Ryukyu vollständiger erhalten.
Angaben zur Weltschöpfung: Im Meer treibendes Land wird von einer Gottheit (Amamiku) oder einem Ahnenpaar (Amamiku-Shineriku), die/das vom Himmel heruntersteigt, befestigt oder neu geschaffen; Himmel und Erde werden von einem Riesen getrennt; Menschenschöpfung aus Lehm aus den Tiefen der Erde oder Zeugung durch Erst-Ahnenpaar (Geschwister); Schwängerung durch den Wind; missglückte Erstgeburt (Tier); Hunde-Ahnvater; Flut als Strafe (für Inzest). Entstehung der Nutzpflanzen: Diebstahl der Samen durch Kulturheros oder Vögel aus dem Paradies jenseits des Meeres; selten Herauswachsen von Pflanzen aus dem Leichnam einer weiblichen Gottheit. Feuer als Gabe aus dem paradiesischen Meeresland. Ab 13. Jh. buddh. Mission aus Japan (Zen, Shingon), im 15. Jh. Einflüsse des Shinto (Ryobu-Shinto). Wichtiger wird im 17. Jh. der Neo-Konfuzianismus: 1674 Senkung des Ranges der Kikoe-ufugimi unter den des Königs und Aufgabe der Wallfahrt nach Kudaka. Ferner starke taoistische Züge wie Sternkult, Verehrung einer Erd- und der Feuergottheit (Taoismus). Südlicher Besessenheits-Schamanismus, getragen von weiblichen Medien (yuta). Im Yaeyama-Archipel neben der Noro-Kultgruppe kultische Geheimbünde von Burschen mit Darstellung des Besuches von Gottheiten aus nirai-kanai beim Erntefest/Jahreswende in Maske und Verkleidung.
Seit 1879 Auflösung des traditionellen Systems auf Druck des jap. Staatsshinto, seit 1945 auch von seiten christlicher Mission und der Neuen Religionen Japans; starke schamanistische Elemente (yuta) infiltrieren die Noro-Kultgruppe.
 


 

 

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