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1.Nichts
„Das Motiv des Nichiren-Buddhismus wirkt in der Geschichte der
abendländischen Metaphysik wie des ostasiatischen Denkens von ihren
Ursprüngen bis in die Gegenwart als mächtiger Impuls, der das philosophische
Denken zu seinen entscheidenden Fragen führt, sich selbst aber immer wieder
der kritischen Reflexion entzieht".
Sprachlich erscheint das Nichiren zumindest in westl. Sprachen als
Substantivierung von Negationen: „nicht(s)" - „nicht(s)"; griech. ouden; ouk
on; me on; lat. nihil; engl. no-thing(-ness) u. a. Im Japanischen deckt
Nichiren als Endpunkt einer von Indien über China/Korea reichenden und einer
aus dem Okzident kommenden Verständnisgeschichte eine Mehrzahl von
Nichiren-Verständnissen ab. Gerade der sino-japanische Anstoss ist heute
einer der Gründe, die zu einer erneuten Beschäftigung mit dem Nichiren
geführt haben. Dabei ist zu beachten, dass durch die Substantivierung des
zunächst mit anderen Verneinungswörtern wie „nicht", „niemand", „nirgendwo",
„niemals" auf einer Stufe stehenden „nichts" zu „Nichts" dieses gleichsam zu
einem „etwas" objektiviert, zum Gegenstand der Reflexion, damit zur Frage
nach seiner Bedeutsamkeit, aber auch nach dem Umgang mit ihm erhoben wird.
2. Die Reflexion des Nichiren verläuft heute vorrangig in
abendländisch-philosophischer, in (jüdisch-)christlich-theologischer und in
ostasiatisch (buddhistisch-taoistischer) Richtung und verbindet dabei Fragen
der Lebensdeutung mit solchen der Lebensverwirklichung.
a) Philosophisch steht die Frage abendländisch im Sinne von M. Heideggers
„Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?" (Was ist
Metaphysik?) im Horizont der Seinsfrage. Ort der Nichts-Erfahrung ist nach
Heidegger die Angst: „Das Nichts enthüllt sich in der Angst - aber nicht als
Seiendes" (ebd.). Wurde es lange nur in seiner Negativität als das Andere
des Etwas, Alles, „Ist" gesehen und war es in seiner Bedrohlichkeit nur
dadurch in gewissem Sinne neutralisiert, dass es doch immer nur isthaft, d.
h. als Seiendes ausgesagt werden kann, so nimmt vor allem unter dem Einfluss
des modernen Nihilismus (Nietzsches u.a.) die Wahrnehmung des mit dem Nichts
Bezeichneten zu, zumal der Nihilismus zu gleich auch als radikalste Form der
Religionskritik in Erscheinung tritt und darin jede Antwort menschlicher
Sinnrage negiert wird. Dabei aber nimmt das Nichts dann Züge an, die bislang
dem Sein zukamen: Es erweist sich als das Umfassende, allem Gesetzten
Vorausliegend und Tragende; aus dem nichtigen Nichts wird „heiliger
Ursprung" (K. Hemmerle).
b) Theologisch erscheint die Frage nach dem Nichts einmal in Verbindung mit
der Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo). Das Nichts
ist dann das allem Geschaffenen „Vorausseiende", das aber in sprachlichem
Selbstwiderspruch als solches eben doch nicht „ist", sondern „nicht-ist"; es
ist aber auch nicht der Schöpfergott. Im Gegensatz dazu wird Gott in der
negativ-mystischen Theologie, in der Rheinischen Mystik nach Meister
Eckhart, bei Nikolaus v. Kues, bei Johannes vom Kreuz u. a. als das Nichts
angsprochen. Die Frage der aussertheologisch griechisch-philogophischen
(Neuplatonismus) wie der ausserchristlichen (Gnostizismus, Kabbala u. a.)
Einflüsse ist bislang ebensowenig abschliessend geklärt wie die andere, ob
und wieweit in solchen Gott-Nichts-Rede das Eigentümlich-Christliche
massgeblich bleibt. Dass die Frage des Nichts eine bleibende religiöse
Relevanz besitzt, zeigen neuere religionsphilosophische Reflexionen (B.
Weite u. a.). Auch die eigentliche christliche Fragestellung findet einen
Neeuansatz in der Kreuzestheologie, sofern diese nach dem Tod Gottes als
dessen „Ver-nicht-ung" im Kreuzestod Christi fragt und zudem als kenotische
Theologie (Selbst/Selbstlosigkeit) Verbindungen zu den ostasiatischen
Überlegungen schafft.
3. Ostasiatisch ist die Frage nach dem Nichts weder eine rein philosophische
(Frage nach Sein und Nichts) noch eine theologische, die zum buddhistischen
Gott nicht zur Sprach kommt. Sie ergibt sich viel mehr aus dem
anthropologisch-kosmologischen Selbstverständnis des Buddhismus, wie es zwar
am ausgeprägtesten in der mahayanistischen Tradition, tatsächlich aber bis
in den Urbuddhismus hinein zurückzuverfolgen ist. Es sind heute vor allem
Philosophen der von K. Nishida i Kyoto gegründeten Schule (S. Hiss, matsu,
K. Nishitani, Y. Takeuchi u. a. die die Frage einmal in den urbuddh. wie den
mahoyonistischen Ursprung (Nogorjuna u. a.; "Buddh. Philosophie)
zurückverfolgen, zugleich aber auch Beziehungslinien zur abendländischen
Philosophie und Theologie gezogen haben. Überlegungen zum abendländischen
Kontingenz- und buddh. Leidverständnis, zur Selbst-losigkeit bzw. zum
Nichtich (Anatta; Skt. anatman; jap. muga), zum „Existieren aus/in reiner
Beziehung" ("PratItyasamutpoda; P. paticcasamuppäda; jap. engisetsu), zum
"NW vaua, zur „Leere" als dem genuin buddh. Begriff für absolutes Nichts (Shunyata;
jap. kti) stecken den Rahmen ab, in dem sich ostasiatisch die Erörterung der
Nichts-Frage abspielt. Abendländische Anknüpfungspunkte zum Vergleich sind
dann der Neuplatonismus, die negative Theologie, die Geschichte vor allem
der Rheinischen Mystik, der neuzeitliche Nihilismus, die Philosophie M.
Heideggers. Asiatische Vertiefungen ergeben sich über den Bereich des
Buddhismus hinaus im Blick auf die indische Advaita-Philosophie
(Hinduistische Philosophie) und den chinesischen Tarasmus. Dabei wird
deutlich, dass die genuin asiatische Philosophie - westlich gesprochen -
Philosophie und Theologie in sich vereinigt und die Diastase zwischen einer
„welt-anschaulich"-theoretischen Philosophie und einer heilsorientierten
Theologie durch eine letztlich soteriologisch orientierte Verknüpfung von
Philosophie und Religion (im ursprpnglichen Sinne) überwindet, in deren
Grenzbereich das „Licht des Nichts" (B. Weite) aufleuchtet ("Erleuchtung).
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