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1. Synkretistischer Prozess
Einer der bedeutendsten Züge der neuen religiösen Bewegungen in
Lateinamerika ist der Synkretismus, in dem sich Elemente der Religionen der
Afrikaner, der Indios, des Katholizismus, des Spiritismus und Okkultismus
vermischen. Es widerspräche den geschichtlichen Tatsachen, wenn man die
Religion der einfachen Leute in Lateinamerika untersuchen wollte, ohne die
Sklaverei zu berücksichtigen. Üblicherweise werden die aus Afrika stammenden
Sklaven in zwei Gruppen eingeteilt: Sudanesen und Bantus. Die Sudanesen
kamen aus Dahome, Nigeria und dem Sudan. Ihre Kultur war der der Bantus
überlegen, die aus dem Kongo, aus Angola und Mocambique kamen. Sudanesen und
Bantus vermengten sich zu einer einzigen Sklavenbevölkerung, wobei die
entsprechende biologische und kulturelle Mischung entstand. Die Afrikaner
betrachten die Welt als ein System dynamischer, ständig aufeinander
einwirkender Kräfte, das von Axe, einer die gesamte Wirklichkeit
durchdringenden Kraft, belebt wird. Zum Gottesverständnis dieser Kultur
gehören zum einen ein kaum personalisiertes Höheres Wesen, das mit dem
menschlichen Leben wenig zu tun hat, und zum anderen die Orixas, d.h. zu
Göttern gewordene Vorfahren und Kräfte der Natur, die das alltägliche
religiöse Verhalten des Afrikaners voll in Anspruch nehmen. Charakteristisch
ist für ihn seine tiefgehende Teilnahme am Universum, wobei er sich von der
unsichtbaren Realität, mit der er ständig in Kontakt ist, völlig umhüllt
fühlt. Die höchste Gottheit der Sudanesen ist Olo'um, der Herr des Himmels,
dem keine kultischen Handlungen bezeugt werden. Dagegen werden den Orixas,
die die Taten der Menschen lenken, kultische Handlungen entgegengebracht.
Die wichtigsten Orixas, sind Obatala, der grosse Orixa, das Firmament;
Odudua, die Erde; Iemanja, die Göttin der Gewässer; Xango, der
personifizierte Blitz; Ogum, der Gott des Krieges; Dada, die Göttin der
Vegetation; Oxosse, der Gott der Jagd; Xapana oder Omulu, der Gott der
Krankheiten; Exil, der Bote zwischen den Menschen und den Göttern; Na, der
Orixa, der die Zukunft vorhersagen kann; Ibdge, der Beschützer der
Zwillinge. Die Dahomeaner nennen die Orixas Voodoos, die wichtigsten sind
Nama, die Göttin des Meeres; Da, die Schlange, Legba, die Entsprechung zu
Exu. Die Bantus kennen keinen Kult der Orixas, sondern verehren die Seelen (eguns)
und einen Höchsten Gott, Zambi. Die Seelen der kürzlich Verstorbenen heissen
zambis und wandern durch die Welt. Die Afrikaner, die nach Lateinamerika
kamen, trafen dort auf die Indios. Diese erkannten ein personifiziertes
Höchstes Wesen, Tupa, und eine Vielzahl von Göttern oder Geistern an. Sie
glaubten, dass die Seelen der Verstorbenen im Form von Tieren zurückkehrten,
die vor allem nachts umherirrten. Der Neger führte den verstorbenen Indianer
seinem Kult zu, indem er ihn in der Gestalt des caboclo verehrt. Ebenfalls
beeinflusste die spiritistische Religion die afroamerikanischen Kulte durch
die Verbindung zu den Toten, die FRei . nation, die Bestreichungen und
Drehungen des Körpers, das Wahrsagen mit Hilfe von Wasser und die Betonung
der wohltätigen Handlungen und der Lebensberatung. Der Kontakt mit dem
Okkultismus führte zu Räucherpraktiken, „Entladungsbädern", d. h. der
zeremoniellen Abfuhr negativer Fluiden, „gezeichneten Zeichen", d. h. den
magischen Siegeln der Geister, den Opfergaben und der Versetzung in Zustände
der Besessenheit.
2.Christianisierung
Die Sklaven wurden auf den Schiffen, die sie nach Brasilien oder in die
Antillen brachten, oder in den Ausfuhrhäfen getauft un oberflächlich in der
katholischen Glaubenspraxis unterwiesen. In der kolonialen Gesellschaft
waren die Sklaven gezwungen, die Religion der Herren anzunehmen. Sie
erhielten einen christlichen Namen und verloren ihre Identität. Angesichts
des Verbots ihrer traditionellen Glaubenspraktiken und der Feindseligkeiten
in der Umgebung flüchteten sie sich in die Kultstätten (terreiros), die eine
symbolische Rekonstruktion ihrer religiösen und kulturellen Welt darstellten
und wo sie neue Formen des Zusammenlebens finden und ihren Glauben bewahren
konnten. Im Verlauf des Synkretismusprozesses konnten Sklaven und ihre
Nachfahren eine eige Weltsicht, eigene Mythen und Riten herausarbeiten, die
ihrer Gotteserfahrung entsprachen. Obwohl die Sklaven ihre eigenen
Gottheiten verehrten, passten sie sie rein äusserlich bestimmten
christlichen Heiligen an und suchten so die Weissen zu täuschen und sich vor
der Verfolgu durch die Polizei zu schützen. So wurde Jesus Christus mit
Oxala, Iemanja mit der Jungfrau Maria, Xango mit dem Hieronymus, 03d:esse
mit Sebastia, Ogum mit St. Georg, Iansa mit der heiligen Barbara und Exu mit
dem Satan identifiziert. Es ist fast unmöglich festzustellen, bis zu welchem
Punkt diese rein äusserliche Anpassung geht, die das eigentliche
afrikanische System intakt lässt.
Macumba/Umbanda
Umbanda entstand mit dem Wachstum der Grosststädte und der
Industrialisierung, als die Neger zu einer Art Subproletariat wurden. Es
handelt sich hierbei um die Reorganisation der afrikanischen Kulte, die
unter dem Namen Macumba entstellt worden waren. Der Spiritismus hatte bei
den ärmeren Schichten der Negerbevölkerung besonderen Erfolg, da er die
Befreiung auf übernatürlichem Wege versprach, wobei er die Brüderlichkeit in
enger Beziehung mit dem Glücklichsein im Jenseits (astra!) verkündete.
Daraus ergab sich eine enge Beziehung zwischen den afro-brasilianisehen
Kulten und dem Spiritismus. Die Macumba übernimmt unter dem Einfluss des
Spiritismus von den afrik. Religionen nur das, was mit der Zivilisation
vereinbar war und spaltete sich in Umbanda (weisse Magie, gute Absichten)
und in Quimbanda (schwarze Magie, schlechte Absichten). Die Umbanda ist in
Brasilien von Kultstätte zu Kultstätte verschieden, je nach der Eigenheit,
die besonders hervorgehoben wird.
Wesentliche Elemente sind:
a) Gott und Geister: Gott ist allmächtig, nicht darstellbar und wird unter
verschiedenen Namen verehrt (Zambi). Orixas und Heilige entwickeln sich auf
einer höheren Ebene und führen Legionen (Königreiche) und „Geistertrupps"
an. Unter Gott (Zambi) steht Oxala (Jesus Christus), der höchste der Orixas.
Diese strahlen unter bestimmten Umständen spiritistische Kräfte aus. Alle
Einheiten gehören drei Kategorien an: Orixas und Exus (animistische Wesen),
Caboclos (Geister der Indios) und Alte Schwarze (Geister der afrikanischen
Sklaven). Die Orixas verwandeln sich aus Naturkräften zu einer Macht im
Bereich der Moral. So verwandelt sich Ogum, der Krieger, in den Verwalter
der Justiz. Exu teilt sich in der Umbanda in Exu, den Heiden, und Exu, den
Getauften, die um den Begriff Exu Seele gruppiert sind. Exu, der Heide, ist
ein Geist ohne Licht, der in der Magie des Bösen und für das Böse im Reich
der Quimbanda wirkt. Er hat nicht stets den dämonischen Charakter, den
manche ihm nachsagen.
b) Reinkarnation: Der Geist eines nicht inkorporierten Menschen wird erneut
inkorporiert, damit er Fortschritte mache und um Fehler, die im vorherigen
Leben begangen wurden, wiedergutzumachen sowie um besondere Aufträge zu
übernehmen.
c) Das Gesetz des Karma: Es funktioniert nach dem Gesetz von Ursache und
Wirkung. „Er tat's und büsste dafür." Er tat das Böse im vergangenen Leben
und büsst in der neuen Reinkarnation dafür, aber er verschafft sich eine
gewisse Erleichterung durch Leiden und gute Taten.
d) Die Fähigkeit, Medium zu sein: Die Orixas und die Geister können in
Personen inkorporiert werden, die fähig zur Trance sind und zu wichtigen
Zwecken wie Heilung von Krankheiten, Arbeitsplatzbeschaffung, Hilfe bei der
Lösung amouröser Konflikte u. ä. eingesetzt werden können.
e) Wohltätigkeit: Sie ist ein Weg, um sich von Rückständen aus früheren
Leben zu befreien. Sie besteht nicht in erster Linie darin, Almosen zu
verteilen, sondern darin, mit Hilfe von Bestreichungen des Körpers,
Ratschlägen und mit billigen und allg. zugänglichen Rezepten und Arzneien zu
helfen.
f) Ritual: In diesem Punkt unterscheiden sich Umbandisten und Spiritisten.
Umbanda besteht wesentlich aus Riten. Ihr Ziel entspricht dem Ideal der
Existenz: Bewahrung und Steigerung des Lebens in allen seinen
Manifestationen, Erneuerung der Welt und der vitalen Kräfte, Gesundheit und
Wohlstand in jeder Hinsicht. Die zahlreichen religiösen Verpflichtungen und
Tabu-Riten, Zeichen und Opferungen sind wie ein Schutzmantel, der den
Menschen umgibt und ihm die Angst nimmt. Wenn man die Riten nicht mehr
beachtet, bedeutet dies, dass man jede Verbindung zu den Ahnen abbricht, die
Ausübung der Religion unterbricht und sich somit dessen beraubt, was das
Leben stützt und möglich macht.
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