|
Der Begriff „Neureligiöse
Bewegungen"
umfasst in diesem Zusammenhang neu entstandene und neu aufgetretene
Bewegungen, auch wenn die letzteren schon eine längere Vorgeschichte,
zumeist in Asien, haben.
West-Östliche Beeinflussungen und Konvergenzen
Während religiöse Innovation im Europa des 19. Jh. noch weitgehend auf die
grossen Kirchen beschränkt blieb, führte sie in den USA unter dem Schutz der
Religionsfreiheit zu einer wachsenden Pluralisierung in Gestalt neuer Denominationen, "Sekten und
Neureligiöse Bewegungen am Rande oder ausserhalb des christlichen
Spektrums. Einflüsse aus asiatischen Religionen, z. B.
Reinkarnationsvorstellungen, wurden von der Theosophie (1875) und teilweise
auch vom modernen Spirit(ual)ismus aufgenommen. Diese beiden para-religiösen
Bewegungen brachten zahlreiche Organisationen und „Kirchen" hervor und
beeinflussten ihrerseits Neureligiöse Bewegungen in Asien, der Spiritualismus Kardecscher
Prägung auch solche in Lateinamerika. Als dann Neureligiöse Bewegungen aus Asien im Gefolge des
„Weltparlaments der Religionen" 1893 in Chicago in die USA und von dort
weiter nach Europa kamen, verstärkten sich wechselseitige Beeinflussungen
und Konvergenzen zwischen Neureligiöse Bewegungen aus Ost und West. Unitarier hatten schon
Kontakte mit dem Brahms Samaj gepflegt und, zum Weltparlament der Religionen
und später, Vertreter asiat. Religionen in den Westen eingeladen. Über R. W.
Emerson hatten sie upanisadische Gedanken aufgenommen. Die Theosophische
Gesellschaft/Adyar hatte anfangs den gescheiterten Versuch unternommen, sich
mit dem Arya Samaj zu vereinigen, und leistete viel für die Aufrichtung des
hind. (durch A. Besant) und buddh. (H. S. Olcott) Selbstbewusstseins und
Erneuerungswillens. Das aus der Theosophie stammende Konzept des New Age
(Wassermannzeitalter) ist gegenwärtig zum Sammelpunkt N.B. aus Ost und West
geworden. Der Einfluss der Neugeist-(New Thought-)Bewegung auf Svämi
Yoganandu und seine Self-Realization Fellowship (1935) zeigte sich in deren
Heilungsversammlungen.
Beeinflussungen und Konvergenzen gab es nach 1960 zwischen asiat. N.B. und
der Hippie-Subkultur sowie der von den Idealen der humanistischen
Psychologie geprägten Human Potential-Bewegung, überhaupt zwischen östl.
Meditation und westl. Psychologie (Esalen-Zentrum in Kalifornien, Bewegung
um Bhagwan Rajneesh). Meditative und therapeutische Praktiken können auch
säkularen Zielen wie dem westl. Erfolgs- und Durchsetzungsstreben dienstbar
gemacht und überdies marktgerecht vertrieben werden. Die in Kursen gelehrten
Praktiken der Scientology-Kirche (1955) dienen angeblich der Befreiung des
(sich reinkarnierenden) Personkerns und der Erde insgesamt von negativen
Eindrücken aus der Vergangenheit mit dem Ziel seelischer Gesundheit und
totaler Freiheit. Erhard Seminar Training (est, 1971) möchte den Menschen
vom mechanischen Reagieren zur wertfreien Erfahrung eigener Lebendigkeit
führen und ihn zur alleinigen Ursache seiner Lebensumstände machen. Trotz
der nicht eigentlich rel. Ziele können solche im Westen entstandenen, mit
östl. Vorstellungen angereicherten Bewegungen zu den N.B. gerechnet werden.
-N.B. hind. und buddh. Ursprungs haben sich von ihrem so entstandenen
synkretistischen Umfeld in verschiedenem Umfang beeinflussen lassen. Die
rel. Pluralisierung hat im 20. Jh. auch Europa erfasst und die beherrschende
Stellung der Kirchen im rel. Bereich zurückgedrängt.
2. Ausbreitung asiat. Religionen
Die im Umbruch der Jahre nach 1968 aus Asien in den Westen gekommenen N.B.
sind überwiegend in der Kontinuität der Ausbreitung asiat. Religionen im
Abendland zu sehen, die mit dem Chicagoer Religionsparlament 1893 begann.
Sie dokumentieren die Umkehrung der missionarischen Dynamik. Diese ist ein
Ergebnis des im 19. Jh. erwachten Sendungsbewusstseins asiat. Religionen in
seiner Wechselwirkung mit dem wachsenden westl. Krisenbewusstsein. Dieser
Ausbreitungsprozess bzw. diese „Gegenmission" hat zu einer zunehmenden hind.
Und buddh. Präsenz im Westen geführt, lässt sich aber auch in Afrika
beobachten. Seine Träger gehören überwiegend zum Typ charismatischer
Meistergestalten. Es sind ind. "'Gurus, jap. Röshis und tibetische Lamas,
die einen bestimimten Meditationsweg lehren. Vor allem die ind. N.B. messen
der Guruverehrung grosse Bedeutung bei und weisen teilweise ein hohes Mass
an Institutionalisierung auf. Von den ind. Gurus steht nur ein Teil in einer
anerkannten Gurutradittion und bemüht sich um deren Bewahnang. Andere sind
eklektische und synkretüstische Gurus. Die Yoga- und die Zen-Bewegung im
Westen haben sich teilweise von ihren rel. Wurzeln getrennt, ohne sie
gälnzlich leugnen zu können, und haben siclh dem säkularen oder christl.
Kontext amgepasst, in dem diese Meditationsformeni auch praktiziert werden.
2.Mit indischem Hintergrund
In der Tradition des harmonisierenden 1Neovedänta stehen neben der
Ramakrishma-Mission und den aus ihr hervorgegamgenen Vedarita-Gesellschaften
Svami Sivanandas Divine Life Society (1936) und deren Ableger. Ihr Einfluss
ist in dt. Ymga-Schulen bemerkbar, da sie auch den Hatha Yoga pflegen. Eine
Synthese von Yoga und Wissenschaft auf neovedäntisschem Hintergrund streben
Svämi Yogämandas SelfRealization Fellowship (1935) und Maharishi Mahesh
Yogis Transzentdentale Meditation (1958) an. Die letzteree erhebt für ihre
Meditationstechnik einem universalen Geltungsanspruch („Weltregierung des
Zeitalters der Erleuchttung") und strebt die Entwicklung parancormaler
Fähigkeiten (Siddhis) an. Sie ist: stärker als andere ind. N.B. am
westlichten Erfolgsstreben orientiert. Die Innernationale Gesellschaft für
Kristhna--Bewusstsein (ISKCON, 1965), ein ordenstähnlich organisierter
westl. Zweig der Csaitanya-Bewegung (Gaudiya Vaisnawas), , vertritt die
Bhakti-Frömmigkeit im Westen und steht hindunationalistischen Kreissen nahe,
weil sie der weltweiten A,usbrreitung des varnäirama dharma im Sinne einer
spiritualisierten Kastenordnung werpflichtet ist. – Die Verehrung des
„Lebeenden-Meisters" und der „Yoga des Kim/1gs" stehen im Zentrum
verschiedener Grruppen, die aus der Beas-Linie des Rcidhäisoämi Sat‑ sang
und dem daraus abgespaltenen R häni Satsang Kirpal Singhs hervorgegan gen
sind. Der amerik. Kirpal-Schüle Paul Twitchell gründete 1965 Eckan
und lehrte die „Kunst des Seelenreisens mit dem Ziel der totalen Freiheit.
Di Verehrung des „Lebenden Meisters" leh ren auch Guru Maharaj Ji und seine
Di vine Light Mission, die in der Hippie-Kul tur starken Anklang fanden.
Guruvereh rung (Guru bhakti) spielt in den meiste Gurubewegung im Westen
eine wichtig: Rolle.
Der Aurobindo-Ashram und die „Zu kunftsstadt" Auroville (1968) haben ein
starke Faszination ausgeübt und zur Ent stehung westl. Organisationen
geführt' die neben Aurobindo auch dessen Le bensgefährtin Mira Richard (die
„Mut ter") verehren (Aurobindo-Gesellschaft Mirasangha usw.). Auch die
Bewegun um cri Chinmoy ist von Gedanken Au robindos und von der intensiven
Meister Jünger-Beziehung beeinflusst, wie sie i Aurobindo-Ashram gepflegt
wurde. Vo Tantrismus (/Tantra/Tantrismus) ge' prägt sind Svämi Muktanandas
Siddh Yoga Dhäm, Svämi Satyanandas Bih 1 School of Yoga und Svami Narayanäna
das Universal Yoga Trust. Bhagwan Shr Rajneesh hat auch tantrische Einflüss
aufgenommen, dazu Elemente aus ver schiedenen myst. Traditionen, (über G. 1
Gurdjieff) aus dem ,Safismus sowie au der westl. Psychologie. Er hat sie zu
ein synkretistischen Mysterienreligion ver schmolzen, die zeitweilig als
„Religio des Rajneeshismus" organisiert war. D ordensähnlich strukturierte A
nand Märga (1955) entstand als religiös-politi, sche Bewegung im
Spannungsfeld zw. schen dem bengalischen Kommunism und dessen Widersachern
ähnlich wie elf Vereinigungskirche. Er erstrebt die Übe nahme der
Weltherrschaft durch ein Elite tantrischer Übermenschen. Aus d
,Sikh-Religion stammt Yogi Bhaja Gründer der Healthy-Happy-Holy-Org nisation
(3H0, 1969) und Oberhaupt d „Sikh Dharma der westl. Hemisphäre". ' Die im
Westen tätigen Gurubewegunge können, mit wenigen Ausnahmen, tro
unterschiedlicher Anpassung nicht vo hind. Gesamtspektrum losgelöst werde
auch wenn das Verhältnis westl. Jüng zur jeweiligen Hindu-Tradition zumeist
noch ungeklärt ist. Viele Gurubewegungen haben den grösseren Teil ihrer
Anhänger in Indien. Im Westen entstandene Organisationen wie ISKCON und TM
kehren mit Zentren und Aktivitäten nach Indien zurück. Zahlreiche der hier
tätigen Gurus gehören als Mönche (Satpnyasins) einem Zweig des auf Sahteam
zurückgeführten Dahanämi-Ordens an und gliedern diesem diejenigen westl.
Anhänger an, denen sie die Mönchsweihe erteilen. Die Gurubewegungen aus
Indien können in ihrer Mehrzahl als missionarisch gewordene
Hindu-Traditionen bezeichnet werden.
3.Mit tibetisch-lamaistischem Hintergrund
Die hauptsächlich theravadisch geprägte Ausbreitung des Buddhismus im Westen
seit der Entstehung der Mahabodhi-Gesellschaft (1891) und dem Chicagoer
Religionsparlament (1893) führte 1985 zur Gründung der Buddhistischen
Religionsgemeinschaft in Deutschland. Eine neue Phase buddhistischer
Ausbreitung ergab sich als Folge der chinesischen Okkupation Tibets (1950).
Bei dem Bemühen, das gefährdete lamaistische Erbe der Welt zu vermitteln,
spielt die stark tantrisch geprägte Kagyupda-Schule eine führende Rolle. Sie
weist Entsprechungen zu anderen neureligiösen Bewegungen aus Asien auf: die
zentrale Rolle des Lama (blama = Guru) und die Bedeutung der meditativen und
rituellen Praxis als Stufenweg zur Befreiung und zur Realisierung der
eigenen Buddha-Natur als Leere. Während die Karma-Kagyu-Schule der Tradition
und dem Ritus stark verhaftet bleibt, hat sich Chogyam Trungpa, der Gründer
von Vajradhatu und dem Naropa-Institut (1974) stärker angepasst. Auch die
Gelugpa und andere Schulrichtungen sind im Westen aktiv. Der von Lama
Anagarika Govinda 1952 in den Westen gebrachte Orden Arya Maitreya Maridala
fühlt sich trotz seines lamaistischen Hintergrunds allen buddhistischen
Schulrichtungen verpflichtet.
4.Mit ostasiatischem Hintergrund
Die meisten der in II 1 genannten japanischen neureligiösen Bewegungen
erheben einen universalen Anspruch und wirken auch im Westen, tun sich
jedoch schwerer als die indischen Neu aufgetreten ist die Jodo shinshu
(„Wahre Schule vom Reinen Land"), eine japanische Form des (Fremderlösung
lehrenden) Amida Buddhismus. Die koreanische Vereinigungskirche ist in Japan
und im Westen missionierend tätig, aber auch wirtschaftlich und politisch
(antikommunistisch) aktiv. Ihre Kongresse sollen der Förderung der Einheit
der Konfessionen und Religionen sowie der Einheit von Religion und
Wissenschaft im Sinne der „Göttlichen Prinzipien" dienen.
5.Mit Sufi-Hintergrund
Von der islamischen Sufi-Mystik geprägte neureligiöse Bewegungen im Westen
sind überwiegend synkretistisch. So die auf den Inder Hazrat Inayat Khan
(gest. 1927) zurückgehenden Gründungen (Sufi-Bewegung, Internationaler
Sufi-Orden) und die vom Indonesier Mohammed Subuh 1956 in den Westen
gebrachte Subud-Bruderschaft. Sufi-Einflüsse sind auch durch G. I. Gurdjieff
(gest. 1949) und dessen Schüler P. D. Ouspensky und J. G. Bennet vermittelt
worden. Dazu kommen in jüngerer Zeit Gruppen, die vom orthodox-islamischen
Sufismus türkischer, iranischer und nordafrikanischer Herkunft geprägt sind
und die Praxis des Dhikr sowie DerwIsh-Tänze pflegen.
|