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Neureligiöse Bewegungen und Christentum

Die Stellung der meisten neureligiösen Bewegungen zum Christentum ist dadurch gekennzeichnet, dass sie nachchristlich in dem Sinne sind, dass sie das Christentum und andere Religionen in ihr eigenes Glaubenssystem bereits in einer Weise eingeordnet haben, die vom christlichen Selbstverständnis abweicht. Die Einordnung in eine umfassende Religionssynthese (z.B. in den neovedantischen Bewegungen) macht aus dem Christentum eine Einzelstimme im Chor der Religionen; die Einordnung in einen heilsgeschichtlichen Entwurf (z. B. Vereinigungskirche) eine frühere Offenbarungsstufe. Die charismatischen Führergestalten der neureligiösen Bewegungen sehen sich oft in einer Reihe mit den Religionsstiftern der Vergangenheit und als Verkörperung der Religionssynthese bzw. als Kulminationspunkt der Religionsgeschichte:. Sie bzw. ihre Anhänger neigen dazu, die Heilswirksamkeit Christi auf dessen Lebenszeit bzw. auf eine frühere Epoche zu begrenzen. Oder sie beanspruchen (nativistisch) eine Mittlerfunktion für ihre eigene Rasse (z.B. Simon Kimbangu für die Schwarzen). Diejenigen, die sich auf eine Offenbarung aus der jenseitigen Welt berufen, werten die christliche Offenbarung oft als nur aus den niederen Sphären stammend ab (z.B. einige japanische).
Das Weitergehen einer nachchristlichen Religionsgeschichte, das schon mit dem Aufkommen des Islam unübersehbar wurde, ist eine bislang unbewältigte theologische Herausforderung.
Funktional betrachtet, können neureligiöse Bewegungen und Christentum (und andere „Hochreligionen") als einander ergänzend empfunden werden, weil sich viele neureligiöse Bewegungen (vor allem in Lateinamerika und Japan) bevorzugt der (oft magischen) Bewältigung von Alltagsproblemen widmen. Theologisch lässt sich solch eine „Arbeitsteilung" jedoch nicht rechtfertigen. Vielmehr sind Kirche und Theologie durch die Existenz der neureligiösen Bewegungen herausgefordert, Ritus und Gebet in die technischen Lebensbereiche hinein zu verlängern, okkulte Lebensbewältigung durch Konkretionen christliicher Gnadenversicherung zu überbieten und angesichts missionarischer Gegenmodelle sich der universalen Wertsendung des Christentums zu vergewissern (H. Bückte). Darum ist neben Komkurrenz (mit der neurel. Mission) u nd gegebenenfalls Protest (gegen fragwürrdige Praktiken) auch der Dialog notwendig (H. Waldenfels), der das weltweite Anwachsen der N.B. zur Rückfrage am die Kirche und ihre Defizite werden llässt.. Die Entstehung von N.B. legt stets die man-' gelnde Fähigkeit der traditionellen Reli-' gionen bloss, durch gesellschaftliche Umbrüche entstandene Probleme zu bewältigen und auf neue Fragen relevante Antworten zu geben.
Die synkretistischen N.B. Lateinamerikas und Afrikas, ein Ergebnis von Kolonialzeit, westlich geprägtem Christentum und Sklaverei, signalisieren die Suche nach kultureller Identität und die Notwendigkeit weitergehender Inkulturation des Christentums in unterschiedlichen Kontexten. Der vatikanische Zwischenbericht von 1986 sieht die Herausforderung denn auch weniger in der Bekämpfung der „Sekten", sondern vor allem darin, „unserer eigenen Erneuerung zu einer grösseren pastoralen Wirksamkeit einen neuen Impuls zu verleihen".
 


 

 

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