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1. In den letzten
Jahrzehnten hat Afrika im sozio-ökonomischen Bereich enorme Veränderungen
erfahren. Die Behauptung der Selbständigkeit und das Streben nach
Selbstvertrauen waren bestimmende Faktoren der postkolonialen Periode. Mit
dem Entstehen neuer unabhängiger Staaten wuchs auch ein tiefes religiöses
Bewusstsein.
Neben den traditionellen Religionen, Christentum und Islam entstehen überall
die sog. Gebets-Heilung-Kirchen, die in Nigeria unter der
Yoruba-sprachlichen Bezeichnung „Aladura" (= jemand, der betet) bekannt
sind: Christ Apostolic Church, Cherubim and Seraphim Church, Musama Disco
Christo Church, Godianism, United Native African Church of the Spirit usw.
Die meisten dieser Gemeinschaften haben ihren Ursprung in protestantischen
kirchlichen Gemeinschaften. Von ca. 160 Mio. Christen auf dem afrikanischen
Kontinent gehören mindestens 14 Mio. zu diesen afrochristlichen
neureligiösen Bewegungen.
2. Die Organisationssysteme dieser Kirchen sind wegen der hohen Fluktuation
der Mitglieder sehr locker. Ihre Riten und Bräuche weisen Einflüsse aus
traditionellen Religionen, Judentum und Christentum auf. Die Geisttaufe ist
allein dem Erwachsenen vorbehalten und bedeutet sowohl Reinigung als auch
Heilung. Offenbarungen, Visionen, Prophezeiungen und Träume sind
geistinspiriert.
Ausser den pentekostalen Gruppen gibt es einige Bewegungen, die sowohl
religiöse als auch politische Tendenzen zeigen. Der Kimbangismus oder
Ngunzismus wurde von Simon Kimbangu aus Kongo (1889-1951) ins Leben gerufen.
Wie Mose, Jesus, Muhammad und Buddha andere Rassen erlöst haben, so verstand
Kimbangu sich als Erlöser der schwarzen Rasse. Seine Verkündigung war voll
christlicher Elemente, doch behauptete man, sie sei gegen die Weissen
gerichtet, die den Geist des Christentums so wenig lebten. Er wurde zu
lebenslanger Gefängnishaft verurteilt und nach Elisabethville deportiert.
Seitdem wurde er von seinen Anhängern als „Märtyrer" und „Messias" verehrt.
Seine Rückkehr wurde im Sinne einer Parusie verstanden und spielte besonders
in der letzten Zeit vor der Kolonialisierung des Kongo eine beachtliche
Rolle.
Eine zweite Bewegung, Kitawala, ist Sammelbezeichnung aller in der Tradition
des Gründers Elliot Kenan K. wana stehenden chiliastisch-prophezeienden
Gruppen, einschliesslich je die den 1931 angeordneten neuen Na „Zeugen
Jehovas" entweder übernahmen oder bewusst ablehnten. 1909 trat . wana aus
Malawi auf und verkündete - Befreiung von der weissen Herrschaft wird jedem
zuteil; die seligmachende Taufe wird jedem gewährt, und grosser materieller
Reichtum ist im tausendjährigen Reich (Chiliasmus) und schon her (aus
Amerika) zu erwarten. 11 chiliastische Protest Charles Taze • sels aus
Pennsylvania gegen den besoldeten Klerus, die Ordination, die Androhung von
Höllenstrafen und den Aufschub des Gottesreiches auf Erden dabei Pate
gestanden. Ihren bedeutendsten politischen Erfolg erblickte die Bewegung in
der Unabhängigkeit der Kongo-Republik, nachdem frühere Aufstände dort mit
Hinrichtung ihrer Führer beendet worden waren.
Der Amicalismus, eine teils politische teils soziale Bewegung, wurde von
Matswa Andre aus Kongo 1899 geg det. Nach seiner Verbannung und sein Tod
1942 machte seine Gründung eine innere Wandlung durch. Die religiösen
Aspekte wurden vorherrschend. Der Ahnenkult gewann an Bedeutung. Die
Verehrung des vom Volk sog. Jesus Matswa, der seinen Lebzeiten keinerleit
religiöse Bedeutung gehabt hatte, gipfelte in der Erwartung seiner Rückkehr,
die mit der Hoffnung verbunden war, er werde als König ein Reich der
Schwarzen errichten. Stärker politisch ausgerichtet sind Nkrumahismus und
die Mau-Mau-Bewegung. Kwame Nkrumah, der frühere Staatspräsident von Ghana,
hat bis zu seinem Sturz 1966 bewusst als politischer Messias gewirkt und
sich wahrscheinli bis zu seinem Tod 1972 als solcher gefühlt. Nkrumah liess
sich Osagyefo (Erlöser") nennen und widersprach nicht, wenn seine Minister
vor ihm niederknieten und ausriefen: „Osagyefo, du bist mein Gott!" Man sagt
ihm nach, dass er selbst von sich erklärte: „Ich bin der Messias Afrikas,
betet mich an!"
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