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Neuplatonismus

Moderne Bezeichnung der letzten Periode des antiken Platonismus im Mittelmeerraum von Ammon Sakkos (gest. 242) bis zur Schliessung der Akademie in Athen 529 mit ihren wichtigsten Gestalten Plotin (205-270), Porphyrius (ca. 233-303), Jamblich (ca. 250-32 und Proklos (gest. 485). Als beherrschende Schulphilosophie verstand sie sich als Bewahrerin des Erbes Platons ohne die Verwurzelung im Mittelplatonismus zu leugnen oder sich zu scheuen, stoische und seit Porphyrius verstärkt auch aristotelische Lehren zu integrieren. Die Kommentierung platonischer Dialoge (Timaios, Politeia, Parmenides, Phaidros, Phaidon, Alkibiades I u.a.) herrscht nach Plotin vor, stark allegorisch-symbolische Exegese betreibt Porphyrius, methodische Verfahren und Kommentierung entwickelt Jamblich; daneben bilden eine Art kanonisch Schrift die chaldäischen Orakel des Theurgen Julian (2. Hälfte des 2. Jh.). Unterschieden hat man zwischen nur der Lehre tätigen und nur doxographischen Platonikern, häufig sind Vorlesungen Nachschriften der Kollegs der Vorgänger. Untereinander in Austausch stehende Zentren des Neuplatonismus sind Rom (Plotin, Porphyrius), Apameia in Syrien (Amelius, Jamblich), Pergamon (Julian, Eunapius, Salustios), Alexandrien (Hypateia, Hierokles, Hermeias, Olympiodor) und Athen (Plutarch, Syrian, Proklos, Damaskios). Im lateinischen Westen (Marius Victorinus, Chalcidius, Macrobius, Boethius) wirkt besonders Porphyrius nach gemäss dem Grundsatz Theilers, dass Lehrstücke nachplotinischer Neuplatoniker, die sich mit solchen bei Augustinus vergleichen lassen, nicht aber in gleichem Umfang bei Plotin zu finden sind, als porphyrisch gelten können.
- Hauptthema ist der hierarchisch aufgebaute intelligible Kosmos. Als erster setzt Plotin anders als Plato über den noetischen Bereich ein auch das Sein transzendierendes Prinzip, das Eine, an. Ohne etwas seiner selbst einzubüssen, teilt es sich den nachfolgenden Hypostasen Nous (Denken) und Psyche (Seele) mit, aus der durch weitere Emanation die sinnlich wahrnehmbare Welt entsteht. Das Böse wird als Mangel an Sein definiert und in der qualitätslosen Materie gesucht. In der Folgezeit werden die Stufen des Schemas verfeinert: Jamblich etwa übergipfelt das Eine Plotins durch ein undefinierbares und unaussprechliches Eines und differenziert die Ebene des Nous in Kosmos noitos (Ideen als Objekte des Denkens) und Kosmos noeros (denkende Wesen), Proklos lässt vertikal das Eine den Nous emanieren, horizontal Henaden usw. Ziel für den Menschen ist mittels Selbstbewusstwerdung und kathartischer Tugenden (Tugendlehre von Porphyrius ausgebaut) der Aufstieg der Seele, der in der mystischen Vereinigung mit dem Einen ( = nicht „erkennbares" unpersönliches Göttliches) gipfelt - Plotin soll sie viermal erreicht haben. Wieweit Plotins Interesse, die Philosophie der Perser und Inder ( = Buddhisten?) kennenzulernen (Teilnahme am Feldzug Gordians III.), sich in Einfluss auf sein Denken realisieren konnte, ist offen; vermutete buddhistische Vorgabe ist die Lehre vom Leeren, während Seelenwanderung, Begriff des Einen, Kreislaufdenken usw. in „indischer" und plotinischer Lehre nur Pauschale, nicht historisch verwertbare Analogien anzeigen und von Plato her vorgebildet sind. Nach Plotin rücken im Dienst des Seelenaufstiegs magische Praktiken in den Vordergrund. Jamblich rechtfertigt in de mysteriis mit der Lehre universaler Sympathie die Theurgie, die sich ägyptischer und chaldäischer Weisheit öffnet und den Neuplatonismus zur paganen Religion macht. In ihr ist der Philosoph Priester und Theologe. Wetterzauber, Mantik, Heilwunder usw., aber auch Gebet sind theurgische Handlungen. Proklos legt homerische Götternamen den Stufen des Kosmos bei, der Aufstieg wird Gottesdienst. Als schärfster Gegner des Christentums (Porphyrius, Gegen die Christen) ist es von ihm getrennt durch Ablehnung der fleischlichen Auferstehung, des personalen Gottes und der Möglichkeit von historischer Offenbarung, daran ändern auch die Kommentierung des Johannesprologs durch Amelius oder christlicherseits die Benutzung neuplatonischer Lehren für die Trinitätstheologie (Marius Victorinus, Basilius) nichts. Ein antiker christl. Neuplatonismus begegnet nur bei Ps-Dionysius Areopagita (um 500). U. a. dessen lat. Übersetzung durch Johannes Skotus (9. Jh.) sowie die Gestalt des Botthius (gest. 525) haben vielfältige Nachwirkungen im Mittelalter, dessen Platoverständnis zumeist die Züge des Neuplatonismus trägt (Bernhard v. Chartres, Hugo v. St. Viktor). Neuplatonische Schriften haben sich weitaus mehr als andere philososphische Schriften erhalten. Mittelalterliche Lehren wie die „quinque voces" (Gattung, Art, Differenz, wesentliches und unwesentliches Merkmal) sind ebenso schon bei Porphyrius (Eisagoge) vorgebildet wie das Universalienproblem (Nominalismus oder Realismus). Weiterer Höhepunkt des Neuplatonismus christlicher Form ist die „platonische Akademie" in Florenz im 15. Jh. (Marsilius Ficinus, Pico della Mirandola) mit Wirkung in ganz Europa; erst seit dem deutschen Humanismus wird Plato nicht mehr in neuplatonischem Licht gelesen. Die Reformation lehnt die Synthese von Platonismus und Christentum ab.
 


 

 

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