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Natur

1. Natur (griech, physis, lat. natura) ist - ähnlich wie Kosmos, Schöpfung, Welt - eine der Bezeichnungen für das, in dem der Mensch sich als lebendiges Wesen vorfindet. Wörtlich besagt Natur
a) Hervorgang, Werden, Geboren-Werden (von lat. nasci),
b) das Geborene und Gewordene.

Insofern als das einfachhin Daseiende weitere Rückfragen verbietet, ist Natur auch Ausdruck des Wesens und der Beschaffenheit des Ganzen und jedes Einzelnen, so dass von der Natur schlechthin genauso gesprochen wird wie von der Natur der Dinge, des Menschen, selbst der Götter und Gottes. Die besondere Stellung des Menschen in der Natur hat dahin geführt, dass er aufgrund seiner eigenen Natur eine zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Räumen unterschiedliche Einstellung zur Natur im ganzen gewonnen hat.

2. Die Natur bzw. der Kosmos war zu allen Zeiten Ort bzw. Objekt religiöser Andacht, insofern sich in ihr das Heilige bzw. Göttliche manifestiert (Hierophanie). Sie wurde als Ganzes, aber auch in ihren tragenden (Erde, Himmel) und bewegenden (Sonne, Mond, Sterne Astralkult) Momenten, in ihren Lebensvermittlungen (Vegetationskult, Wasser) wie in ihren zwiespältigen, z.T. bedrohlichen Kräften (Feuer, Gewitter u. a.) verehrt. Wo die Natur und ihre Kräfte und Elemente unter jüdisch-christlichem, aber auch philosophischem Einfluss entdivinisiert wurden, büsste die Natur ihren zentralen Ort im Weltbild ein und trat an die Stelle der Kosmozentrik die Theo- bzw. Anthropozentrik. Dennoch beweisen nicht nur die heutige Neubelebung des Interesses an den Traditionellen Religionen bzw. den Naturvölkern und die bedeutende Rolle, die das Kosmische etwa in den Phänomenen des New Age spielt, dass die Natur-Verehrung fortlebt; unterschwellig hat die Natur-Frömmigkeit zu allen Zeiten selbst in Bereichen einer säkularisierten Lebensgestaltung fortbestanden.

3. Der Mensch hat aber sodann die Natur auch stets als seinen Lebensraum bzw. im Fortgang der Geschichte als Ort seiner aktiven Lebensgestaltung erfahren. Dabei ergab sich nochmals ein doppelter Umgang mit der Natur: Sie war Ort menschlicher Beobachtung und menschlichen Handelns. An ihr formte der Mensch sein Weltbild; in ihr fand er seine „Lebensmittel". Die Natur vermittelte ihm den Sinn für die Ordnung (Kosmos, Dharma), aber auch für das, worauf er wie alles andere in der Welt ein Anrecht hat (Natur-Recht). Im Umgang mit der Natur lernte der Mensch die Unterscheidung zwischen der Natur der Dinge und der Natur des Menschen, die ihn über die untermenschliche Natur verfügen lässt; zwischen Natur und Verfügung; Natur (physis) und Gesetz (ndmos); Natur-Recht und positivem, d. h. vom Menschen gesetztem Recht; Natur(-Notwendigkeit) und Freiheit; später zwischen Natur und Kultur; schliesslich die Frage nach der Natur als die Frage nach der „Ur-sache" bzw. dem Prinzip (archh), dem gegenüber der Mensch sich in seiner Natur.- bzw. Weltgestaltung zu verantworten hat (Ethik).

4. Eine deutliche Neuorientierung in der Natur-Einstellung lässt sich in unserer Zeit erkennen Sie ist nicht zuletzt Folge der Ängste, die sich angesichts von nicht nur positiven, sondern in vieler Hinsicht das Schicksal der Menschheit bedrohenden praktischen Ergebnissen der Natur-Wissenschaften wie auch eines unverantwortlichen Umgangs mit den Produkten der Natur eingestellt haben. Dabei geht es einmal darum, dass die Natur-Wissenschaften jene Bezüge wiederentdecken, die sie im Prozess der Emanzipation von einer Natur-Philosophie verloren haben, die vom aristotelischen Natur-Begriff her zusammen mit den physisch-physikalischen auch die metaphysischen und die ethisch-politischen Implikationen berücksichtigt hat. Unbedingt erforderlich ist eine neue Ethik im Umgang mit der Natur (Ökologie und Religion). Ein verstärktes Interesse verlangt aber auch die Tatsache, dass sich nicht wenige Natur-Wissenschaftler heute neue Antworten auf die sich stellenden Fragen nicht mehr von den Religionen der abendländischen Tradition, sondern von den asiatischen und anderen kosmosorientierten Religionen versprechen. Sosehr die Einbeziehung der asiatischen Religionen dem heutigen Bewusstsein von einer kulturell polyzentrischen und religiös pluralen Welt entspricht, so wenig wird doch eine naive Redivinisierung bzw. Remythisierung der Natur, wie sie im religiösen Synkretismus unserer Tage vielfach erfolgt, dem erreichten Bewusstseinsstand einer kritischen Vernunft gerecht. Die abendländische Philosophie wie die jüdisch-christliche Theologie werden daher von ihren Wurzeln her Beitrag zur Natur-Einstellung und zum Natur-Umgang zu leisten haben; sie können auf die notwendige Unterscheidung der Geister nicht verzichten.
 


 

 

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