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Die üblichen
Klassifizierungen von Mythos (z. B. „ätiologischer Mythos", „kosmologischer
Mythos", „eschatologischer Mythos" usw.) richten sich nach unterschiedlichen (inhaltlichen,
strukturellen und funktionalen usw.) Merkmalen. Es ist sinnvoll, diese
Aspekte je für sich zu betrachten, um den Charakter eines einzelnen Mythos zu
bestimmen.
1. Was die Inhalte betrifft, so ist zunächst nach dem betroffenen Bereich zu
fragen: Was für ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist durch den Mythos beleuchtet
(Kosmos als Ganzes in seiner Entstehung oder seinem Bestand, mit globaler
Verhältnisbestimmung Kultur/Natur, Chaos/Kosmos u. a. Kosmogonie; Bereich
der Höheren Wesen bzw. Götter, deren Entstehung, Verhältnisse untereinander
u. ä.; Bereich der Menschen, deren Entstehung, Verfassung, Todesgeschick u.
ä.; Teilbereiche der Kultur, der Geographie, der Geschichte usw.)?
Entsprechend solchen inhaltlichen Gesichtspunkten sind die Akteure je
nachdem Götter, Menschen, Tiere, Elemente von Natur und Kultur (die
geläufige Definition des Mythos als einer „Göttergeschichte" ist daher viel zu
eng).
2. Der Mythos hat in der Regel eine explanatorische Funktion, d. h., er
begründet und erklärt den Wirklichkeitsbereich, auf den er sich bezieht (ätiologischer
Aspekt). Das explanandum kann sowohl ein „gewöhnlicher" wie ein
„aussergewöhnlicher" Sachverhalt sein; sowohl das Selbstverständliche als
auch das Aussergewöhnliche bedürfen der intellektuellen Verarbeitung.
Einerseits werden z. B. Heiratsregeln, soziale Institutionen, hist.
Sachverhalte usw. erklärt, andererseits bes. auffällige geographische
Erscheinungen u. dgl. verarbeitet. Der Begründungszu-sammenhang steht in
engem Konnex mit dem mythischen Geschehen: Die Begründung erfolgt im
Erzählgang als Transformation vom Unwirklichen zum Wirklichen, vom
Ungültigen zum Gültigen, vom historisch Überholten zum jetzigen politischen
oder kulturellen Zustand.
3. Mythen können verschiedene Zeitstrukturen aufweisen. Viele Mythen bringen
eine „Urzeit" zur Sprache, d. h., sie repräsentieren eine urspr. Ordnung,
welche im Vorgang der Erzählung die alltägliche Wirklichkeit überformt und
damit in die (profane) Zeit einbricht. Diese Zeitstruktur findet sich vor
allem dann, wenn das Erzählen des Mythos in einen rituellen Rahmen eingebettet
ist. Andererseits thematisieren zahlreiche Mythen eine „Vorzeit", d.h.,
sie schildern eine Epoche, welche der Jetztzeit vorangegangen ist, von
ihr charakteristisch abweicht und insofern eine Gegenwelt zum Ausdruck bringt. Hier lassen sich etwa
Paradies- oder Sintflut-Erzählungen einordnen; die Vorzeit und deren Ordnungen geben
eine (positive oder negative) Folie ab, auf welcher die jetzt gültigen Ordnungen
ihr Profil erhalten. Schliesslich gibt es es Mythen, welche einer
vergangenem oder einer künftigen Ordnung orientierenden Charakter
zuweisen. Im ersten Fall zihlt der Mythos auf eine Identifikation mit einer
historischen Station der Vergangenheit (häufig nennt man solche Erzählungen
"Sagen", doch tragen sie nicht selten wesentlich zur Artikulation des
Symbolsystems bei, so dass man etwa die theologisch relevanten Sagen Israels
durchaus als Mythen bezeichnen kann); im zweiten wird einer künftigen
Heilsordnung Sinngebung für die Gegenwart abgewonnen ("eschatologische"
Mythen - viele Erzählungen im Rahmen von Krisenkulten).
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4. Eine weitere Klassifikationsmöglichkeit für den Mythos ergibt sich aus
seiner Verbindung zu anderen Darstellungsebenen des Symbolsystems. Manche
Mythen sind unmittelbar an eine rituelle Gesamtsituation gebunden, haben
also einen handlungsmässigen und ikonographischen Kontext (z.B. der bekannte
babylonische Neujahrs-Mythos Enumaelish, dessen Situierung aus Ritualtexten
bekannt ist). In diesen Fällen besteht ab und zu eine Beschränkung der
Verwendungsmöglichkeit, gewisse Mythen dürfen nur für diese Situation
verwendet werden (sog. "Situationstabu"). Andere Mythen bestehen relativ
unabhängig von einem rituellen Kontext, finden dann auch leicht den Weg in
eine andere rituelle Situation oder in den "profanen" Raum.
Die Eigenheiten des
Mythos können sich auch auf andere Darstellungsebenen des Symbolsystems
übertragen, so wenn etwa in Ägypten knapp betextete "Bildergeschichten"
entstehen, wobei nicht ausgemacht ist, ob derlei Geschichten wirklich je
erzählt wurden. Möglicherweise besteht hier das Konzept eines bedeutsamen,
irreversiblen Geschehenszusammenhangs, der primär ikonographisch
ausgearbeitet ist.
5. Die Bestimmung des Mythos als einer traditionellen Erzählung besagt noch nichts
über seinen Erzähler, dessen Rolle mehr oder weniger spezialisiert sein kann.
Einerseits gibt es volksläufige Mythen, die von jedem, der dazu geschickt ist,
weitergegeben werden können (die Reproduktionsregeln des Mythos sind dann entsprechend einfach); andererseits ist in höher ausdifferenzierten Kulturen das
Erzähle des Mythos häufig einem besonderen Stand von Spezialisten vorbehalten, und
dessen Reproduktion, die z. T. dann schriftlich erfolgt oder in wörtlichem
Auswendiglernen besteht, unterliegt entsprechend schwierigeren Gesetzen.
6. Die Funktion von Mythen ist variabel. Vielfach kommt ihnen die Aufgabe
einer umfassenden Orientierung zu; in solchen Fällen verknüpft der Mythos
verschiedene Erfahrungsbereiche, bringt sie in einen Zusammenhang und ordnet
sie so, dass sie dem Menschen durchsichtig werden. Andererseits (und
insbesondere, wenn er sich von nichtsprachlichen Darstellungsebenen des
Symbolsystems löst) gewinnt der Mythos gelegentlich nur mehr unterhaltende
Funktion; der Vorgang der Erzeugung und Lösung von Spannung dient dann nicht
mehr der Einweisung in die verbindlichen Orientierungsvorgänge der
Gemeinschaft, sondern ist zu einem kathartischen und entspannenden
Selbstzweck geworden. In Schriftkulturen wird der Mythos alsdann zum
Bildungsinhalt; in den Schulen des Alten Orients sind Mythen
niedergeschrieben, kopiert, gelernt und mit anderem Bildungsgut
international ausgetauscht worden. Schliesslich gerät der Mythos im Rahmen
priesterlich-spezialisierten Umgangs mit der religiösen Tradition auch in
den Sog der Spekulation: Die Sinngebung des Mythos wird zunehmend der
Reflexion unterworfen, Mythen werden bewusst bearbeitet und kombiniert,
erzählfremde Gattungen und Denkformen dringen in den Mythos ein (in
Mesopotamien etwa die Listenwissenschaft, in Indien die Erfahrung
methodisierter Meditation). Aus dem "Denken des Mythos" wird ein "Denken
über den Mythos". |