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Mythos – allgemein

Der Begriff des Mythos (griech.: Wort, Geschichte) spielt bereits in der Antike eine gewisse Rolle in Relligion und Philosophie, ist jedoch erst in der Neuzeit zu einer zentralen Kategorie der Weltdeutung geworden.

1. Es gibt eine Vielzahl von Zugängen zum Phänomen, welche teils nebeneinander, teils miteinander verschränkt wirksam sind. Seit der Blüte der „Naturmythologie" (F. Max Müller) im 19. Jh.. wird die Affinität zwischen Mythos und Dichtung betont: Die Begegnung mit der überwältigenden Natur setzt eine Bildersprache frei, die sich zum Mythos verdichtet.

- Ebenfalls ins 19. Jh. zurück reicht die Auffassung des Mythos als einer defizitären Denkform: Dieser versucht, Erkenntnisse der Welt zu formulieren, vermag dies aber nur in unvollkommen metaphorischer Weise (A. Comte in seinem Dreistadiengesetz: Auf das theologische Zeitalter, das durch den Mythos gekennzeichnet ist, folgen das philosophische und schliesslich das positive Zeitalter; psychologisierend L. Lévy-Bruhl mit seinem Konzept des „état prélogique", der für den Mythos verantwortlich ist).

-Demgegenüber ist betont worden, dass der Mythos eine vollwertige Denkform, darstellt, welche der Mensch zur Darstellung seiner Welt braucht (z. B. E. Cassirer: Der Mythos gehört - wie Sprache und Kunst  - zu den symbolischen Formen des Menschen, welche ihren Platz neben der wissenschaftlichen Erkenntnis haben; oder C. Lévi-Strrauss, der dem Mythos das „wilde Denken", welches nicht abstrakt, sondern anhand des Konkreten klassifiziert und Probleme löst, zuordnet). Oft wird der Mythos als Ausdruck einer Erfahrung des Heiligen und damit als Redeform zur Erfassung des Transzendenten aufgefasst (so z. B. R. Otto, der die Kategorie des Heiligen in den Mittelpunkt der Religion stellt; ähnlich G. van der Leeuw. M. Eliade: Der Mythos spielt in einer „Urzeit", welche in die profane Zeit einbricht und ein heiliges „Urgeschehen" zur Sprache bringt.

- Psychologische Interpretationen verstehen den Mythos als versprachlichte Objektivierung psychischen Geschehens (C. G. Jung und andere Vertreter der Tiefenpsychologie).

- Oft wird die Rolle des Mythos im Zusammenhang mit dem Ritual bestimmt: Mythos ist die erzählende Interpretation oder gar librettoartige Begleitung religiös bedeutsamer Handlung (im Hinblick auf den Alten Orient die Myth-and-Ritual-Schule, im Hinblick auf ethnographisches Material Jensen und Malinowski). Damit ist die Skala möglicher und gegenwärtig wirksamer Zugänge noch nicht erschöpft.

2. Als Ausgangspunkt für eine universal gültige Bestimmung des Mythos-Begriffs ist eine möglichst allgemein verwendbar Basis zu wählen; man setzt am besten bei der „traditionellen Erzählung" ein (Kirk u.a.). In einzelnen Kulturen ist es sinnvoll, diese Klassifikation weiter auszudifferenzieren (z. B. in „Mythos", „Sage „Märchen", „Legende"), in andere nicht; deutlich ist, dass in den meisten religiösen Symbolsystemen die traditionelle Erzählung als Darstellungselement eine wichtige Rolle spielt (wobei vorausgesetzt ist, dass es daneben auch Erzählungen ohne Belang für die religiöse Orientierung geben kann, so schwierig die Grenze zwischen „religiös" und „profan" in vielen Kulturen zu ziehen ist). Ihre Funktion ist variabel und im Einzelfall zu bestimmen. Dabei sind die folgenden Faktoren wichtig: Wie verhält sich die Erzählung zu deren Redeformen („besprechende Gattungen wie Gebet, Beschwörung u.ä. und zu Darstellungsweisen der Handlung (Ritus) und des Visuellen (Sakralarchitektur, Bilder usw.)? Wie ist die Hierarchie der verschiedenen „Kodierungsebenen" des Symbolsystems zu bestimmen. Die klassische „Religion ohne Mythologie", diejenige Roms, ist z. B. offenbar durch die Marginalität der traditionellen Erzählung hinsichtlich des religiösen Symbolsystems gekennzeichnet; im Regelfall ist ihr Stellenwert höher. Das häufig geäusserte Urteil, die Bibel enthalte keine Mythologie, basiert auf einer (zu) engen Begriffsdefinition, welche etwa die theologisch interpretierenden Familien- und Heldensagen des Alten Testaments oder die mit der historischen Gestalt Jesu verbundenen Geschichten des Neuen Testaments von rituell gebundenen kosmologischen Mythen des Alten Orients oder Wundergeschichten unhistorischer Figuren des Hellenismus abhebt.

3. Die traditionelle Erzählung ist durch eine Sequenz ungleicher Szenen gekennzeichnet: Sie läuft von einer Ausgangssituation über eine (kleinere oder grössere Reihe von Komplikationen auf eine Lösung zu. Man kann diesen Ablauf als Transformation von einem labilen Ausgangspunkt zu einem stabilen Schlusspunkt interpretieren: der Erzählgang impliziert die Irreversibilität des Geschehens, dieses ist nicht umkehrbar. Die Geschehenselemente der traditionellen Erzählungen sind relativ beschränkt; zwischenmenschliche Grundkonstellationen (Eheschluss, Geburt von Kindern, Konflikte zwischen Geschwistern und Generationen, Wundertaten, Verfolgung und Rettung des Helden usw.) bilden das Arsenal der Erzählungen, weshalb Mythen leicht wandern können.

4. Was die semantische Ebene des Mythos betrifft, so ist zunächst nach dem Bezug zur Wirklichkeit zu fragen. Der M. spiegelt oft nicht nur (wie häufig behauptet) die Realität wider, sondern entwirft in der Regel gleichzeitig verschiedene, im Einzelfall zu bestimmende Möglichkeiten des Irrealen. Die Wirklichkeitsdarstellung des Mythos geht dann aus der Verhältnisbestimmung zwischen der Welt und (einer bis mehreren) Möglichkeiten einer Gegenwelt hervor.
Häufig verknüpft der Mythos verschiedene Bedeutungsebenen miteinander, er bringt z. B. Vorgänge und Regeln im Bereich der Verwandtschaft, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Natur, der Geographie usw. in einen Zusammenhang. Entsprechend ist der Mythos auf diese verschiedenen Bereiche hin zu interpretieren.

5. Mythen weisen in der Regel zwei verschiedene Kontexte auf. Einerseits bestehen Variationen ein und desselben Mythos (wobei etwa die Akteure, Einzelheiten der Ereignisfolge usw. verändert sind, ohne dass aber die Grundstruktur einer wesentlichen Modifikation unterläge; vgl. etwa in Griechenland Titanen- und Gigantenkampf), andererseits ergänzen sich Mythen zu grösseren Zusammenhängen (z. B. Themen von Titanenkampf und Prometheus); man kann von einem „paradigmatischen" und einem „syntagmatisehen" Kontext sprechen. Zur Interpretation eines Mythos sind beide Kontexte wesentlich; wie weit dabei der Ausgriff über einen Kulturraum hinaus sinnvoll ist, ist umstritten.
 


 

 

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