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1. Mysterien wird eine
Vielzahl von Kulten genannt, die zwar offiziell von staatlicher Seite
anerkannt waren, deren Teilnahme aber an eine Einweihung gebunden war. Es
handelte sich um esoterische Gemeinden, deren Wissen stufenweise an die
verschiedenen Einweihungsgrade weitergegeben wurde unter der Bedingung, dass
die kultischen Geheimnisse gewahrt werden mussten. Mit dem Voranschreiten in
der kultischen Lehre waren auch Prüfungen verbunden, die Anforderungen an
den Gläubigen stellten. Die aktive Teilnahme an dem kultischen Geschehen,
oft in der Form eines Kultdramas abgehalten, entsprach einem religiösen Bedürfnis,
das sich seit der Achsenzeit (ca. 800-300 v.Chr.) in einer indivi
dualistischen Geisteshaltung ausdrückte. Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen
stand der Wunsch nach einer persönlicheren Beziehung zu dem verehrten Gott,
als es die überkommenen Formen der Religiosität bis dahin ermöglichten.
Diese Bindung an den Kultgott sollte mit der höchsten Einweihungsstufe
erreicht werden, wodurch eine Teilhabe am Schicksal des Gottes erwartet
wurde.
2.Da die Kultgötter sterben und auferstehen konnten, erhofften sich die
Mysten auch für ihre Person durch den engen Anschluss an den Gott nicht nur
für das diesseitige Leben, sondern auch für das Jenseits dessen
Unterstützung. Dieser Übergang vom Leben zum Tode wurde in symbolischer Form
von den Eingeweihten vollzogen, die damit als bereits Wiederauferstandene in
die Gefolgschaft ihres Kultgottes aufgenommen und zum Zeichen ihrer
Zugehörigkeit mitunter stigmatisiert wurden. Die sich ursprünglich auf
Naturfrömmigkeit aufbauenden
M. bildeten bald Jenseitshoffnungen aus und entwickelten sich unter philos.
Einfluss, der ethische Forderungen stellte, zu Systemen von geistigen
Erkenntnis- und Entwicklungsprozessen.
3. Die synkretistischen Tendenzen der Spätantike liessen die einzelnen M.
Anschluss an das Pantheon der offiziellen Staatsgötter finden und führten
dazu, dass viele Gläubige die Einweihung in möglichst viele verschiedene M.
suchten, um sich in stärkerem Masse der Teilhabe am Göttlichen versichern zu
können. Die M.-Kulte entwickelten sich vornehmlich im Mittelmeerraum, bes.
in Griechenland, mit wahrscheinlich vorgriech. Ursprung in Kleinasien und
dem hellen. Ägypten. Zu den bekanntesten gehören die folgenden M.-Kulte:
(Griechenland) Dionysos, Eleusis, Orphiker, Kabiren von Lemnos und
Samothrake mit thrakischem Ursprung, (Kleinasien) Attis, Kybele, Adonis,
Sabazios, (hellenisiertes Ägypten) Isis, Osiris, Serapis. Eine Sonderform
stellen die 7Mithras-M. dar, die pers. und hellen. Elemente vermischten, und
die ,Gnosis, die aufgrund ihrer stufenweisen Einweihung und Einteilung der
Kultmitglieder nur bis zu einem gewissen Grade den M. zuzurechnen ist.
4. Die Eleusinischen Mysterien, benannt nach der Stadt Eleusis in Attika,
mit der Götter-Trias Demeter, Kore und Pluton sowie zahlreichen
Nebengestalten waren wohl die bekanntesten griech. M., die noch zu röm. Zeit
besondere Wertschätzung erfuhren. Hier erweist sich, wie bei allen anderen
M., das Gebot des Verschweigens der Kultgeheimnisse verhängnisvoll für den
Versuch einer Rekonstruktion von Mythos und Kultus. Ausgehend von
agrarischer und vegetationsbedingender Grundstruktur, berichtet die
Kultlegende davon, dass das Kornmädchen Kore, die Tochter der Erd- und
Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, von Hades geraubt wurde und nach langer Suche
der Mutter sich beide wiederfinden. Dieser Mythos wurde, nachdem die
Eingeweihten in purifikatorischer Funktion bereits als Vorstufe die kleinen
M. durchlaufen hatten, in dramatischer Form vor den Kultmitgliedern
aufgeführt, die durch das erlebnismässige Schauen der h11. Kultsymbole,
verbunden mit verschiedenen Kulthandlungen, des göttlichen Heiles teilhaftig
wurden und dies auch für das Jenseits erwarteten. Die Eleusinischen M.
wurden unter athenischem Einfluss zum attischen Staatskult, und ihre
kommunale Begehung unter Teilnahme grosser Menschenmassen steht in einem
gewissen Gegensatz zu einem Geheimkult, wie antike Kritik schon bemerkte.
5. Im Gegensatz zu ihnen hatten die M. des Dionysos einen privaten Charakter
und wurden vorwiegend von Frauenko legien geleitet. Dionysos als Gott de
Weines und der Fruchtbarkeit war d Zentrum ekstatischer und orgiastische
kultischer Begehungen. Diese M., di mehrere Weihegrade kannten, erhoffte
sich durch verschiedenartige Vorberei tungen wie Tanz und Weingenuss, die z
Rausch und Ekstase führten, die Ein werdung mit dem Gott. Sie wiesen durc
missionsartige Tätigkeit eine starke Au breitung auf, die mitunter auf Wider
stand stiess, wie das 186 v. Chr. in Ro erlassene Verbot gegen die
Dionysos-M belegt. Trotzdem setzten sie sich durc und eine Reihe römischer
Kaiser sucht Anschluss an sie.
6. In Anknüpfung an den mythische Sänger Orpheus entwickelte sich di Lehre
der Orphiker, die sich auch de
Dionysos anschlossen, ihre Lehre aber schriftlich festhielten. Durch ein
sittliches Leben sollte die Seele, die dionysisches Erbe war und der
Seelenwanderung unterlag, gerettet werden.
7. über die M. der Kabiren auf Lemnos und Samothrake ist wenig bekannt. Die
verehrten Götter galten als Beschützer der Seefahrt.
8. Der Kult der phrygischen Muttergöttin Kybele und ihres jugendlichen
Geliebten Attis, eines Vegetationsgottes, war von kleinasiatischem Orgiasmus
geprägt. Ein Mythos berichtet, dass Attis, von der eifersüchtigen Kybele in
Raserei versetzt, sich selbst entmannt, stirbt und wieder aufersteht. An
mehreren Tagen wurden die mythischen Ereignisse dramatisch nachvollzogen,
wobei sich die Priester in Ekstase tanzten und häufig in Nachahmung des
Gottes entmannten, weshalb sie auch „Galli" (Verschnittene) genannt wurden.
Der Myste unterzog sich im Taurobolium (Stieropfer) einer Bluttaufe, die die
Wiedergeburt bewirken sollte.
9. Der M.-Kult des phönikisch-syr. Vegetationsgottes Adonis zeigt
Ähnlichkeiten mit dem Kybele-Attis-Kult. Adonis, der Geliebte der Aphrodite,
wurde von einem Eber getötet, und die Göttin liess aus seinem Blut die
Adonisröschen wachsen und erwirkte für die Hälfte des Jahres seine Freigabe
aus der Unterwelt. Er wurde als sterbender und auferstehender Gott verehrt.
10. Die M. des (thrak.-)phrygischen Sabazios, eines Gottes des Ackerbaues
und der Geburtshilfe, sind in Griechenland seit dem 5. Jh. v. Chr. bezeugt.
Sie tragen Züge rauschhafter Besessenheit, bei den Reinigungsriten war eine
Schlange von Bedeutung und der Segensgestus der rechten Hand.
11. Die ägypt.-hellen. Isis-Osiris-Serapis-M. stehen über Osiris, den
sterbenden und auferstehenden Totengott, seine Gemahlin Isis, die ihn zum
Leben zurückbringt, und den Serapis, der eine Verschmelzung von Osiris,
Apis, Pluton und Zeus darstellte und später als Gemahl der Isis galt, mit
Jenseitshoffnungen in Verbindung. Isis und Serapis werden dabei zu
Universalgottheiten, deren weite Verbreitung durch systemat.
Religionspropaganda dieses dynastischen Kultes geför‑
den wurde. Dramatisches Begehen der Kultlegende wurde von den
weissgewandeten Adepten vorgenommen.
12. Die Mithras-M. bieten ein anderes Bild als die bisher genannten Kulte
der auferstehenden Vegetationsgötter. Dieser nur Männern vorbehaltene Kult,
der sieben Einweihungsgrade kannte, in kleinen, halb unterirdischen, einer
Grotte nachgebildeten Kulträumen begangen wurde, hatte sein Zentrum in dem
pers. Gott /Mahres, dessen hl. Tat, die Tötung eines Stieres, das zentrale
Kultbild darstellte. Die aus dem Schwanz und dem Blut des Stieres
hervorwachsenden Ähren machen deutlich, dass es hier auch um ein Leben aus
dem Tode geht. Erstaunlicherweise erfreute sich dieser Gott des ärgsten
Feindes Roms, auch wenn er in hellen. Form gestaltet war, einer röm.
Verehrung, die ihn bis an alle Grenzen des Römischen Reiches trug, da ein
grosser Teil seiner Verehrer Legionäre waren.
13. Setzt man als Charakterisierung eines M.-Kultes ein geheimnisvolles
Geschehen als Kultmythos, sakramentale Handlungen, wie Einweihung, und
andere kultische Begehungen und verschiedene Stufen der Einweihung, nach
Graden getrennt, an, so lassen sich auch Erscheinungen innerhalb der Gnosis
mit diesem M.-Begriff in Verbindung bringen. Mani (ca. 215-275), der Stifter
des ,Manichäismus, verfasste ein „Buch der M.", und seine Gemeinde schied
sich in „auditores" (Zuhörer = Laien) und „electi" (Erwählte). Andere gnost.
Einteilungen trennen „Hyliker" und „Psychiker" von den „Pneumatikem", die
allein in der Lage sind, die Gnosis zu erlangen und ihre Seele aus der
materiellen Welt zu befreien.
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