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Unter dem Begriffspaar
„Mikrokosmos - Makrokosmos" verstehen wir ein universelles Entsprechungsschema
von „grosser“ und „kleiner Welt", das weitgehende verwickelte Analogieschlüsse
zwischen der Struktur des Universums und der Lehre vom Menschen (Anthropologie)
erlaubt. Die Vorstellung einer Übereinstimmung von Teilen der Welt mit ihrem
Ganzen findet sich bereits in den archaischen Hochkulturen und ihren
astrologischen und hermetischen Spekulationen. Im Mittelpunkt dieser Idee
stand zunächst das Universum, später die Stammesgemeinschaft, ehe die
anthropologischen Interessen in den Vordergrund traten. Die Kosmozentrik der
Schöpfungsmysterien wich der Anthropozentrik esoterischer
Kultgesellschaften, die in der „Mitte der Zeiten" in der Menschwerdung
Gottes gipfelte.
Bei den ionischen Naturphilosophen kündigt sich erstmals der autonome
Gedanke einer durchgängigen Gesetzmässigkeit der Natur an, wobei es nicht um
die blosse Beschreibung von Tatsachen geht, sondern um die Rechtfertigung
des Wesens der Welt. Als eine „Rechtsgemeinschaft der Dinge" betrifft der
Begriff „Kosmos" bei Anaximander sowohl die kleine als auch die grosse Welt.
Weltordnung und Lebensführung treten in einen Konnex, insofern die Weltnorm
zum Massstab auch der Lebensnorm wird. Bei den Pythagoreern - wie auch
später in der Stoa - werden die grosse und kleine Welt durch das Prinzip der
Sympätheia miteinander verbunden. Bei allen Entsprechungen bleibt das Modell
gerichtet auf die hypothetisch angenommene Vollkommenheit des Universums:
Von hier aus nimmt der Mensch das Mass für alle biologischen Rhythmen. So
repräsentieren sich die Elemente im Makrokosmos in ihrem reinen,
eigentlichen Wesen, Während sie - nach Platons „Philebos" etwa - im kleinen
Organismus immer nur vermischt auftreten und zum Herd körperlicher Störungen
und psychischer Entgleisungen werden.
Der Terminus „makrds"bzw. „mikrds kösmos" findet sich erstmals bei
Aristoteles (Phys. VII 2,252b b 26), die Begriffe ,,inaior" und „minor
mundus" bei Chalcidius, Macrobius, Nemesius v. Emesa und lsidor v. Sevilla.
Zu einem Topos wird hierbei die Vorstellung, dass der Mensch als Mikrokosmos
mit den Steinen das Da sein, mit den Pflanzen das Leben, mit den Tieren die
Wahrnehmung und mit den Engeln die Vernunft gemein habe. In Analogie zum
menschlichen Organismus erscheint auch das Weltall als „beseelt" (vgl.
Anima-mundi-Vorstellung Plotins): Der Makrokosmos unterliegt somit einer
gewissen Intelligenz (noüs) und ist gerichtet auf die absolute Weisheit (sophia).
Honorius Augustodunensis erklärt um die Mitte des 12. Jh. die ganze Welt (expositio
orbis) wie in einem kleinen Gemälde (quasi in tabella), um die „Imago mundi"
leibhaftig zu erleben. Das Buch der Natur ist verschlüsselt und will
entdeckt sein. Auch der Mensch ist eingebettet in diese Natur, ein geistiges
Raubtier, das sinnliche Existenz sublimiert zu Geist und so die äussere
Natur umzuwandeln versteht zu einem geisthaften Kosmos. Auf diese Weise
erkennt der Mensch die „machina universitatis", das dynamische Gefüge des
Universums, das gleichermassen das innere Getriebe wie die äussere
Mechanerie der Welt versinnbildlicht. Alle Erscheinungen sind Spuren (vestigia),
die auf den Weg der Forschung (investigatio) locken, um mit ihrem Zeichen (signum)
einen immer deutlicheren Hinweis (significatio)zu geben auf die eigentliche
Bedeutung. So ist die Natur eine Schatzkammer, für die der Mensch den
Schlüssel sucht (clavis physicae), auf dass es zur Enthüllung (revelatio),
zur Verwandlung (mutatio) oder Erbauung (aedificatio) komme, die ihm die
letzte Bedeutung erschliesst. Die ganze Welt ist in dieser elementaren
Zusammensetzung musikalisch komponiert (musica mundana). Der Mensch ist
gleicherweise in Rhythmus und Harmonie geordnet (musica humana). „Kosmos"
bedeutet hier jenes universelle Weltverständnis, das im allegorischen Sinn
auf die Ereignisse der Heilsgeschichte verweist, im tropologischen Sinn das
personale Heil des Menschen betrifft, in anagogischer Weise das heile Leben
der jenseitigen Welt zum Thema hat: ein hermeneutisches Grundprinzip, das in
einem sehr konkreten Zusammenhang erst zum Weltverständnis führt.
Es ist durchweg der kosmologische Horizont, der den Anthropologien des hohen
und späten MA ihren Sinnzusammen hang gibt. Dies wird bes. deutlich am Welt-
und Menschenbild der Hildegard v. Bingen (1098-1179). Der Mensch als „opus
unum"ist das „opus Der, Werk aus Gottes Hand, keineswegs autark, nicht
autonom, kein Produkt des Zufalls, sondern sehr konkret geworden,
geschaffen, gehalten, aber auch verfallend, abhängig und trostbedürftig. Der
Mensch erscheint dabei als ein „opus alterum per alterum"; einer
verwirklicht sich erst am anderen und mit dem anderen. Der Mensch ist somit
nicht um seiner selbst willen da oder um das „Heil der Seele" zu wirken; er
hat seine Aufgabe in der Welt da draussen; er dient einem ökologischen
Auftrag; er führt das Gespräch mit der Welt. Der Mensch als ein gestaltendes
Wesen (homo operans) ist berufen, die gesamte Kreatur zu repräsentieren und
als Spiegel des Weltganzen (speculum universi) sein Werk an der Welt zu
vollenden. Als Vernunftwesen (homo rationalis) unterhält er ein permanentes
Gespräch mit der Welt, wodurch er verantwortlich für die Schöpfung der Welt
und deren Heilsbestimmung wird (homo responsurus).
Der Mensch, das „anirnal nobilissimum", erscheint auch bei Albertus Magnus
(1193-1280) als der Mittelpunkt der gesamten Schöpfung und wird zum
Schicksal des Universums. Alle Seinsordnungen (gradus entium) sind zugleich
Wertordnungen (gradus bonorum). Mit zunehmender Distanz von der Quelle des
Seins verblassen die Formen, lassen Missbildungen erkennen und
Funktionsausfälle, lassen uns krank werden und sterben. Aus dem stufenweisen
„modus deficiens" resultiert aber auch der Prang nach Rehabilitation, nach
Heilwerden. Alles Lebendige trägt in sich ein Verlangen nach Ganzheit (motus
est perfectio), einen „appetitus" als Motor der Vollkommenheit (omnia
appetunt bonum). So erscheint der Mensch als Modell und Medium jenes Kosmos,
der von oben her durchsichtig geplant, von unten her schichtenförmig
aufgebaut ist, von innen her gesehen transparent, um alle Geschöpfe in je
verschiedenen Graden am Sein teilnehmen zu lassen.
Eine durchweg kosmologisch modifizierte Anthropologie finden wir bei Petrus
Hispanus (ca. 1215-1277). Der Mensch überragt jedes lebende We durch den
Adel seiner Einsicht und s ner Urteilskraft (nobilitas intellectus et tionis).
In der Leibhaftigkeit eines „c, positum mixti" erscheint der Mensch das
Integrationszentrum des Univ sums; Pflanzen und Tiere zielen auf d Menschen
als „perfectius exemplar" u spiegeln dort den „ordo naturalis" in
verbindlichen Gesamtordnung einer „ latio viventium ad invicem". Der Mens
als „regula viventium" repräsentiert d Aufbau der Natur in seiner geordnet
Gliederung, weil der Mensch das Pri allen natürlichen Lebens darstellt.
Bei Nikolaus v. Kues wird die tradit' nelle Abhängigkeit der kleinen von
grossen Welt gelöst und in ein Korre tionsverhältnis überführt. Gott als • „mundus
maximus" legt sich in der W des Menschen aus, so dass im Mensch das
Universum wie zusammengeschn erscheint (Docta ignor. III 3: universatra se
constringens). Der Mikrokosm vermittelt dabei ein Bild vom Mensch das die
sinnliche wie die geistige Natur sich vereinigt und zum „humanus m dus"
führt.
Ein den ma. Weltbildern analoges We und Menschenbild begegnet uns noch
Theophrastus v. Hohenheim, der si später Paracelsus (1493-1541) nann Der
Mensch erscheint durchweg als krokosmos mit einer „signatura murr,
vielfältiger Entsprechung. In all sein „Kräften und Tugenden" ist er gleich
• „grossen Welt" (IX 308), die wiederum der „grosse Mensch" (VIII 103) bezei
• net wird. Das Werk des kleinen M schen an der grossen Natur (opus natu
führt den Weltprozess zur Vollendu Denn die Schöpfung ist noch nicht Ende:
Der Mensch muss über das „ Vulcani" die Welt bereiten, um sie in „ultima
materia" zu führen, in ihr heil Wesen.
Der Bedeutungswandel von einer umf senden Kosmologie zur autonomen •
thropologie wird deutlich, wenn wir nen neuzeitl. Werken folgen, die si
bewusst des Begriffs „Anthropologie" dienen. War in dem frühen „Antrop gium
de hominis dignitate" (1501)
Magnus Hundt noch von einem geschl • senen Menschenbild die Rede, so tritt •
dualistische Weltsicht bei Pico della Mirandola bereits in „De dignitate
hominis" (1486) oder noch deutlicher bei Otho Casmann in der „Psychologia
anthropologica" (1594) zutage, wo die „Doctrina anirnae humane" der „Fabrica
corporis humani" (1543) des Vesal entgegengestellt wird. In der Renaissance
werden darüber hinaus kosmologische Konzepte des arabisierten Neuplatonismus
aufgegriffen und ausgebaut, wobei der Mensch als weitgehend determiniertes
Produkt der über die Gestirne wirkenden kosmischen Weltleitung verstanden
wird. So arbeitet Jakob Böhme (1575-1624) in seiner „Aurora" detaillierte
Analogien zwischen dem Bau des Leibes und der Struktur der Welt heraus, die
dann in eine trinitarische Mystik hineinprojiziert werden, die jenseits von
Gut und Böse das Einswerden mit der Gottheit zu erreichen sucht. In seinem
„Amphitheatrum sapientiae aeternae" (1609) behandelt Heinrich Khunrath die
Makro- und Mikrokosmosidee als das Bindeglied zwischen der göttlichen
Weisheit und den Möglichkeiten spagirischer Techniken.
Eine letzte universelle Spiegelung findet die Mikrokosmos-Idee in der
„Monadologie" von G. W. Leibniz. Jede Monade, an sich fensterlos, spiegelt
gleichwohl alle anderen wider und bildet so die Repräsentation einer
prästabilierten Harmonie. Hier wird noch einmal die Struktur der
vielgliedrigen Welt vor dem Hintergrund einer göttlichen Allgegenwart zu
reflektieren versucht. In der romantischen Naturphilosophie wird der
Korrespondenzgedanke eher unter dem Idealbild einer „inneren Natur"
herausgearbeitet. Friedrich Schlegel betont, dass zur Charakterisierung des
Individuums die Charakteristik des Universums gehört. Für Novalis ist der
Mensch die „Abbreviatur" des Kosmos, das Universum die „Elongatur" des
Menschen, der als „ Kosmometer" charakterisiert wird. Ein letztes Mal
vermittelt H. Lotze unter dem Titel „Mikrokosmos", den er auch „Versuch
einer Anthropologie" (1856) nennt, seine „Idee zur Naturgeschichte und
Geschichte der Menschheit". Unter dem Leitbild des Menschen, als des
„vollkommenen Abbilds der grossen Wirklichkeit", versucht er - in
Fortführung von Herders Natur- und Geschichtsphilosophie - Wissenschaft und
Lebenswelt zu versöhnen. Demgegenüber hat in der Philosophie des 20. Jh. die
Mikrokosmosidee lediglich metaphorische Bedeutung. Mit dem Sieg der modernen
Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften erst und der damit
verbundenen Überwindung der Anthropozentrik wird die Reflexion wieder in
kosmische Dimensionen zurückgeleitet. Makrokosmos und Mikrokosmos scheinen
einander zu erschliessen, wobei sich beide auf den ihnen übergeordneten
Logos-artigen gemeinsamen Nenner berufen (C. v. Korvin-Krasinski, 1986).
Hierbei gewinnt auch das Mythologem von der Rekapitulation des Alls
(anakephalaiösis) im Gottmenschen Christus eine neue, überraschende
Bedeutung.
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