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Der Mensch steht im
Zentrum kulturanthropologischer Forschung und Theoriebildung. Mit den
übrigen Humanwissenschaften erstrebt die Kulturanthropologie den Entwurf
eines Gesamtbildes vom Menschen als geistigem, kulturfähigem und
kulturschaffendem Wesen. Als empirische Wissenschaft sammelt und analysiert
sie zunächst, vornehmlich im Kontext der „traditionellen" Völker, die
volkseigenen Vorstellungen und Theorien über Ursprung und Natur des Menschen, über
die körperlichen Organe und ihre Symbolik über Lebenskraft und „Seele(n)", über Geburt
und Tod, ferner über seine Stellung und sein Schicksal innerhalb der
kosmischen und der von ihm geschaffenen sozialen Ordnung und über die transzendenten Welten seiner religiösen Visionen, Mythen und Riten.
Auf einer zweiten Ebene, jener der Ergründung und Beobachtung des menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens in Zeit und Raum, seiner kulturellen Leistungen und Defizienzen, seiner formulierten und (nicht-)gelebten rechtlichen
sozialen und religiösen Normen, seiner Institutionen und seiner Auseinandersetzung
mit der physischen und sozialen Umwelt, ersteht das Bild kultureller Vielfalt,
aber auch grundlegender Ähnlichkeiten auf regionaler und weltweiter Ebene. Das
Gleiche zeigen Analyse und Vergleich der volkseigenen Theorien.
Im weltweiten Pluralismus der Lebensformen und Kulturen offenbaren sich dem
Kulturanthropologen zunächst, neben den ethnischen Prägungen und damit
verbunden, ökologisch und historisch bedingte charakteristische kulturelle Formen
wie jene der frühen Wildbeuter und Jäger, der Ackerbauern und Hirten, der
Handwerker, Händler und Städter - neben den rezenteren komplexen
Kultursystemen. Wenn auch seit der „neolithischen Revolution" kaum mehr als
isolierte Kulturformen angetroffen, bezeugen sie von jeher ein dialektisches
Verhältnis zwischen Mensch und Ökosystem, zwischen Individuum und Gesellschaft,
zwischen Anpassung an und massloser Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt
Eskimo, Urwaldjäger und Prärieindianer gelten als Beispiele optimaler
Anpassung an die physische Umwelt. Empirische Beobachtungen offenbaren zwar
eine weitgehende Prägung des Individuums durch seine Kultur, aber auch, vor
allem in der Neuzeit, eine aktive Auseinandersetzung des M. sowohl mit
seinem kulturellen Erbe als auch mit den positiven und destruktiven
Angeboten seiner näheren und weiteren kulturellen Umwelt im Verlauf von
Ontogenese und Phylogenese/Geschichte.
Als allg.-menschlich im Bereich des Kulturellen sieht man die Existenz,
nicht aber die konkrete Form all jener Institutionen an, welche den
universalen Bedürfnissen des M. nach Nahrung, Lebensschutz, Kommunikation,
Gemeinschaft und Fortleben entgegenkommen, konkret bes. Heirat,
Familienbildung, Erziehung, Autorität, Solidarität und gewisse
Inzestschranken, ferner gewisse Grundnormen wie Respekt gegenüber Leben und
Besitz des Mitmenschen, sowie der Glaube an transzendentale Mächte oder
Kräfte. Sowohl im Sozialen als auch im Religiösen müsste man heute wohl
gewisse Einschränkungen machen. Die Begründung für die kulturellen
„Uni-versahen" hat man in der gemeinsamen biophysischen, sozialen und
psychischen Natur des M. und seinen Grundbedürfnissen, aber auch in
universalen Umweltfaktoren und der menschlichen Erfahrung von Erfolg und
Frustration gesehen.
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