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Mensch im Judentum

1. Die biblischen Voraussetzungen vom gotterschaffenen, vor allem nach „Bild und Ähnlichkeit Gottes" erschaffenen Menschen wurden im Lauf der jüdischen Geschichte schöpfungstheologisch und erwählungstheologisch variierend ausgestaltet. In der Antike setzte sich die Auffassung von einer den Leib überdauernden Seele durch, im hellenistischen Judentum z.T. deutlich platonisch orientiert, im rabbinischen unreflektiert. Dies ergab eine gewisse Spannung zur älteren Auffassung, die Persönlichkeit und Leiblichkeit verknüpfte. Daher war auch die endzeitliche Erwartung einer Auferstehung an die körperlichen Relikte (Gebeine) und deren Wiederherstellung zu erneuter leiblicher Existenz gebunden. Beide Vorstellungen kombiniert, ergaben die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der leibunabhängig existenzfähigen Seele mit dem wiedererstehenden Körper.
Unabhängig davon und vor allem im Blick auf die ethische Bestimmung des Menschen sprach das antike Judentum von zwei gegensätzlichen Anlagen zum Guten und zum Bösen. In der Apokalyptik profilierte sich dies zur Vorstellung von zwei Geistern, die im Menschen kämpfen und zwischen denen er sich zu entscheiden hat. Im rabbinischen Judentum entfällt die dämonisierte Note, die „gute" und „böse Anlage" (jesar) sind beide schöpfungsgemäss, die zweite, vor allem auch mit der Sexualität verbunden, enthält jedoch die Gefahr des Missbrauchs, von da aus auch die Möglichkeit dämonischer Einwirkungen. Allg. sah man aber in der Tora, dem offenbarten Gesetz vom Sinai, den „Weg des Lebens", die einzige Lebensordnung, die ein schöpfungsmässiges Mensch-Sein gewährleistet. Damit wurde schon früh der schöpfungstheologische universale Ansatz durch einen erwählungstheologischen tora-bezogenen ergänzt, so dass Israel in seinem Toragehorsam als Modell schöpfungsgemässer Verwirklichung menschlicher Existenz gilt.

2. Im MA setzte sich, von Ausnahmen abgesehen, die neuplatonische Seelenauffassung durch, vor allem prägte sie die breite Volksfrömmigkeit. Die aristotelische Intellektlehre hingegen blieb auf enge, philosophierende Kreise beschränkt. Beide verursachten einen gewissen Individualismus, in dem die Zweckbestimmung des M. in erster Linie in seiner erkenntnismässigen und ethischen Selbstvervollkommnung gesehen wurde, in einem sowohl schöpfungstheol. wie teleologisch universalistischen Ansatz. Zwar blieb auch dabei die Tora als offenbarte Lebensordnung die beste Voraussetzung zur Erreichung dieses Zieles so gut wie unbestritten, doch die erwählungstheol. Akzentuierung fiel sehr unterschiedlich aus. Am schroffsten zeigt sie sich in der "Kabbalah, wo einerseits die neuplatonische Seelenauffassung mit den drei Seelenkräften (vegetativ, animalisch, intelligibel) aufgegriffen wird, doch verbunden mit der aristotelischen Voraussetzung eines angeborenen Intellekts umgedeutet und auf Israel beschränkt, das zur Erkenntnis der Tora-Inhalte befähigt ist. Aber nur die Kabbalisten zeichnen sich, diese Fähigkeit aktualisierend, durch den „erworbenen Intellekt" aus, der die Vollendung gewährleistet. Während die aristotelische Linie eine gewisse Mittelwegsethik nahelegte, die sich gut mit der schöpfungstheol. positiven Einschätzung von Leib und Welt verbinden liess, brachte die neuplatonische, vollends die kabbalistische Linie eine asketischere Note mit sich, die in Spät-MA und Neuzeit in Verbindung mit kabbalistischer Frömmigkeit und messianischen Bussbewegungen auch extreme Formen annahm.
Die bibl. „Gottebenbildlichkeit" wurde weithin von der Antike her wörtlich verstanden, anthropomorphistischer Gottesvorstellung entsprechend, aber auch auf die Herrschaftsfunktion des M. im Sinne des göttlichen Auftrags Gen 1,28 bezogen. Aristotelisierende Theologen sahen die Ähnlichkeit in Erkenntnisvermögen und Erkenntnisprozess, während neupla tonisch orientierte die ontologische, essentielle Ähnlichkeit der leibunabhängigen und präexistenten Seele vertraten. Die Kabbalisten verknüpften traditionelle und philosophierende Deutungen, griffen sogar die wörtliche Deutung auf, freilich die körperliche Ähnlichkeit nicht auf Gott selbst, sondern auf die göttlichen Wirkungskräfte, Sefirot, beziehend, die man im Schema einer Menschengestalt (Adam qadmon) anordnete, Modell für die Erschaffung des Adam rishon (Gen 1-2).

3. Aufgeklärtes und reformiertes Judentum sahen, dem Zeitgeist entsprechend, die Annahme einer unsterblichen Seele neben dem monotheistischen Bekenntnis und einer betont ethischen Definition der Religion als unverzichtbar an, während der Auferstehungsglaube, an die Hochschätzung der Leiblichkeit gebunden, in den Hintergrund gedrängt wurde. Doch im späten 20. Jh. kehrt man wieder die bibl. Auffassungen hervor und stellt gerade die positiv gewertete Geschöpflichkeit und Leiblichkeit des M. als biblisch und somit genuin jüd. heraus, die Seelenlehre aber als fremd hin.
 


 

 

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