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Mensch im Christentum

1. Was ist der Mensch? Diese Frage kann von verschiedenen Warten aus gestellt werden. Sie bewegt nicht nur Denker und Dichter, sondern auch Glaubende und Beter (vgl. Ijob 7,17; Ps 8, 5). Sie hat ihren Grund darin, dass der Mensch sich auf der Suche nach seiner Identität befindet. Im Grunde weiss der Mensch selber keine Antwort auf die genannte Frage. Achtet man auf den religiösen Kontext der Frage, dann kann sie sowohl vom Menschen an Gott wie von Gott an den Menschen gerichtet sein. In dieser gegenseitigen Verschränkung erhält die Frage einen letzten Ernst. In ihr sammeln sich unterschiedliche Beobachtungen und Erfahrungen des Menschen, die im Gegenüber zu Gott die ganze Problematik des Mensch-Seins offenbaren. Der Mensch, der im Angesicht Gottes so fragt bzw. sich fragen lässt, weiss um seine Grösse. Naturwissenschaft und Technik, die einzelnen Humanwissenschaften und ihre Anwendungs-bereiche dokumentieren zur Genüge das stolze Selbstbewusstsein und Können des Menschen. Der Selbstüberschätzung des Menschen scheinen auf der anderen Seite Zeugnisse menschlicher Ohnmacht die Waage zu halten. Die Bedrohung durch Wissenschaft und Technik wird in den Auswirkungen auf den Menschen deutlich; es genügt, an den Selbstverlust des Menschen, die Sinnleere, wachsende Vereinsamung, Angst und Zerstörung des Lebensraums zu erinnern. Diese Erfahrungen bestätigen, wie sehr der Mensch ein Wesen der Spanung, Gegensätze und Widersprüche darstellt. „Jeder Mensch bleibt vorläufig sich selbst eine ungelöste Frage, die er dunkel spürt. Denn niemand kann in gewisssen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen Ereignissen des Lebens, die Frage gänzlich verdrängen. Auf die Frage kann nur Gott die volle und ganz sichere Antwort geben; Gott, der den Menschen zu tieferem Nachdenken und demütigerem Suchen aufruft" (GS 21).

2. Der Mensch ist Geschöpf Gottes Gen 1,27 sagt fundamental: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." Christlichem Schöpfungsglauben zufolge hat Gott alles in voller Freiheit aus nichts geschaffen. Mit Geschöpflichkeit ist jener Grundzug alles Geschaffenen angesprochen, wonach sich einer es frei setzenden Freiheit verdankt, die es in eine relative Selbständigkeit entlässt und auf die es durch seine Abhängigkeit und Herkunft bleibend verweist. Solche Geschöpflichkeit schliesst die grundsätzliche Positivität des Seins und Daseins, den relativen Eigenwert, die Offenheit auf den Urheber hin, die eigene Bedürftigkeit und Vollendbarkeit wie die Zustimmung zum eigenen Geschaffensein und dem der übrigen Geschöpfe in sich.
Die Geschöpflichkeit des Menschen spiegelt sich

a) in der Gottebenbildlichkeit: Damit sind nicht Qualitäten oder Situationen angesprochen, die den Menschen Gott ähnlich sein lassen; es handelt sich vielmehr um eine Entsprechungs- und Verhältnisausssage auf der Ebene des Handelns und Fungierens. Der bibl. Schöpfungsbericht bringt die Gottebenbildlichkeit mit der Herrschaft des Menschen über die Tiere und der Differenzierung der Geschlechter in Verbindung. Das Bildsein des Menschen verwirklicht sich auf dem Hintergrund der Abbildlosigkeit Gottes im Rahmen des Austausches von Mensch zu Mensch und Tier. Eine Weiterführung dieser Gedanken verlegt die Gottebenbildlichkeit des Menschen in das Mensch-Sein als solches und in die Menschenwürde.

b) im Personsein: Person ist eine Grundkategorie christl. Anthropologie. Das Personsein des Menschen gründet im Ereignis des den Menschen als Individuum und Gattung treffenden Wortes Gottes, wodurch er als geschöpfliches Gegenüber konstituiert und zum Sein mit Gott berufen wird. Person ist mehr als Individuum und liegt der Individualität wie der Subjektwerdung voraus. Wesentliche Komponenten der Person sind Kommunikation, Ek-sistenz und Subsistenz. Sie verweist auf den Primat des Wortes und des Besonderen, auf die Person-Identität des Menschen und ist dem Raum des Mysteriums zugeordnet;

c) in der Leib-Seele-Einheit: Der M. erfährt und stellt sich als eine Zwei-Einheit von Leib und Seele dar. Beide sind mehr als nur Teile der menschlichen Natur, sie sind metaphysische Seinsprinzipien, die die substantielle Seinseinheit M. konstituieren. Sie sind der ganze M., wenn auch je unter einem besonderen Aspekt. Leib ist immer schon beseelter Körper; Seele meint immer schon den für den Selbstvollzug in Materie geschaffenen Geist. Der M. ist das leibhaft-geistige Gegenüber des Schöpfers. Von dieser Einheit her bestimmt sich die Einstellung des M. zu sich, seiner Umwelt, Geschlechtlich- keit, Gemeinschaft, Tätigkeit und zu Gott.

3. Der M. als Sünder
Der M. erfährt und weiss, dass er nicht ungehindert Geschöpf Gottes sein kann. Er wird mit Erfahrungen konfrontiert, die dem widersprechen, wozu er erschaffen und worauf er angelegt ist. Der Widerspruch und seine Folgen durchziehen Welt, Geschichte, Dasein der M.en und Geschöpfe. Die Offenbarung antwortet darauf mit der Geschichte vom Fall der ersten M.en (vgl. Gen 3,1-24). Ihr zufolge liegt der Sünde der Wunsch zugrunde, „wie Gott sein zu wollen"; danach richtet sich das Wesen der Sünde als ,Ungehorsam" oder „Stolz". Der Akzent liegt auf der grundsätzlichen Haltung, nicht auf einzelnen Verfehlungen. Der Sünder verfehlt sein M.-Sein, wie der Schöpfer es geplant hatte. Sosehr einerseits das Wesen der Sünde als Werk der Freiheit im Personkern steckt, so sehr übersteigen andererseits die Strukturen der Sünde das Reich der individuellen Entscheidung. In Gestalt einer Welt als Gemeinschaft in Sünde und als eine Macht in der Welt liegt die Sünde dem Sünder auch schon voraus und zugrunde (vgl. Erbsünde). Ihren Gipfelpunkt erreicht sie in der Zurückweisung Christi und seiner vergebenden Liebe.

4.Der M. als Bruder Christi
Der M. ist unterwegs zu sich selber. Der Aufgabe seiner M.-Werdung hat Gott in der M.-Werdung seines Sohnes ein unverrückbares Ziel gesetzt. Jesus Christus ist zugleich wahrer und vollkommener M., der den M.en den Weg der M.-Werdung ermöglicht. Er ist der „letzte M." (1 Kor 15,45) in einem qualifizierten Sinn. Er ist einmal Letzter im Sinne jener Kenosis, die bis zum Kreuz als Inbegriff der Unmenschlichkeit reicht und die sich mit den Letzten identifiziert (vgl. Mt 25,31-46). Als „der Erstgeborene der Toten" (Kol 1,18), mit dem die neue Schöpfung anhebt, ist Christus zusätzlich Letzter, d. h. bleibendes Ur- und Vorbild des neuen M. In ihm hat das schöpferische und heilende Handeln Gottes sein Ziel schon erreicht. Für die M.-Werdung des M. heisst das: Den letzten M., den M. der Zukunft, der das heile und eigentliche Wesen M. repräsentiert, gewinnt man dadurch, dass man zum letzten M. jetzt und hier wird, der den Allerletzten dient. Wo das geschieht, werden Erste Letzte und Letzte Erste. Dann werden alle M.en nur noch ein M. sein, wird das heile Wesen M., der letzte = vollendete M., erscheinen. Das wäre christl. Humanismus.
 


 

 

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